Hundertausende leiden in Aleppo zwischen den Fronten

Der Kämpfe um Aleppo gehen mit unverminderter Härte weiter. Hunderttausende sitzen in den Quartieren der belagerten Millionenstadt fest, abgeschnitten von Lebensmitteln und ärztlicher Versorgung. Auch die Wasserversorgung soll mittlerweile unterbrochen sein.

Die syrische Stadt Aleppo am 9. August 2016: Rauch über einer vom Assad-Regime besetzen Zementfabrik. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die syrische Stadt Aleppo am 9. August 2016: Rauch über einer vom Assad-Regime besetzen Zementfabrik. Reuters

Die Kämpfe in Syrien konzentrieren sich derzeit auf Aleppo. Die Rebellen kontrollieren den Ostteil der Stadt, der im vergangen Monat von der Armee eingekesselt worden war. Am Samstag durchbrachen die Rebellen die Belagerung im Südwesten und schufen wieder einen Versorgungskorridor in den Ostteil. Zugleich schnitten sie die Hauptversorgungsroute in den von der Regierung kontrollierten Westen Aleppos ab. Die Stadt ist ein Trümmerfeld. Fragen an die freie Journalistin Karin Leukefeld in Damaskus.

SRF News: Wie ist die aktuelle Lage in Aleppo?

Karin Leukefeld: Die militärische Lage stellt sich aus Sicht von Damaskus so dar, dass es auf beiden Seiten grosse Kampfverbände gibt. Die syrische Armee hat dort mehrere tausend Soldaten zusammengezogen. Ebenso die Truppen der «Armee der Eroberung», ein Bündnis aus verschiedenen islamistischen Kampfverbänden, die von Idlib her auf Aleppo vorgerückt sind. Beide Seiten bereiten sich auf weitere Kämpfe vor.

Welche Ziele verfolgt die «Armee der Eroberung», bestehend aus Saudi-Arabien, Katar und Türkei?

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Nahrungsmittel geliefert

Erstmals seit der Belagerung Aleppos vor einigen Wochen sind Nahrungsmittel in die dortigen Rebellengebiete geliefert worden. Der kleine Transport bestand vor allem aus frischem Gemüse, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Doch die gelieferten Mengen seien nicht ausreichend für die bis zu 300'000 Bewohner.

Saudi-Arabien, Katar und die Türkei finanzieren diese Kampfverbände und haben sich auch ausgerüstet mit dem erklärten Ziel, Aleppo befreien zu wollen. Mit der sehr stark religiös motivierten Orientierung, Syrien sei durch iranische Truppen und Ungläubige besetzt. Diese hat eigentlich mit der realen Lebenssituation der Syrer nicht viel zu tun. Die syrische Armee ihrerseits wird eine Eroberung Aleppos nicht zulassen und wird dabei von Russland, Iran und der libanesischen Hisbollah unterstützt.

Die Kämpfe haben sich zum Leidwesen der Bewohner Aleppos verschärft. Wie können sie überhaupt überleben?

In Aleppo leben noch bis zu zwei Millionen Menschen. Berichte gibt es meistens aus der Zivilbevölkerung jenes Gebiets, das unter Kontrolle der bewaffneten Gruppen ist. Es sollen bis zu 300‘000 Menschen sein. Im Rest der Stadt leben also noch mindestens weitere 1,5 Millionen Menschen. Die Lage der Zivilbevölkerung ist für beide Seiten sehr angespannt. So wurde gestern gemeldet, dass die Wasserversorgung durch die Kämpfe unterbrochen worden sei, was bei den herrschenden Temperaturen katastrophal ist.

In das unter Regierungskontrolle stehende Gebiet werden noch Lebensmittel gebracht. Die belagerte Zivilbevölkerung hat nach Angaben der UNO noch Lebensmittel für ungefähr drei Wochen. Dann wird es sehr eng. Es gibt zwar Versuche, humanitär zu helfen, was aber wegen der politischen und militärischen Interessen bisher nicht möglich war.

Dramatische Lage in Aleppo

4:22 min, aus SRF 4 News aktuell vom 10.08.2016

Der UNO-Sicherheitsrat konnte sich nicht einmal zu einen Aufruf für einen Waffenstillstand durchringen. Was bedeutet das für Aleppo?

Die Kämpfe gehen jetzt wahrscheinlich mit noch grösserer Schärfe weiter. Für die syrische Regierung und die Armee ist es nicht vorstellbar, Aleppo aufzugeben, was die andere Seite quasi fordert. Solange die jeweiligen Unterstützer nicht auf die verschiedenen Kampfverbände einwirken können für eine Waffenruhe und die Rückkehr zu Verhandlungen, werden weiterhin die Waffen sprechen. Eine Bereitschaft zum Gespräch gibt es im Augenblick nicht.

Das Gespräch führte Marc Allemann.