«Ich will wissen, wo mein Sohn ist!»

Der Konflikt zwischen den Farc-Rebellen und der kolumbianischen Regierung hat hunderttausende Tote und Millionen Vertriebene gefordert. Nun ist der Friedensvertrag unterzeichnet. Doch jene, die vom Konflikt betroffen sind, spüren noch immer Wut. Das zeigt die Geschichte eines Vaters aus Bogota.

Ein Mann macht das mit seiner Hand das Friedenszeichen vor einer Kirche in Bogota Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Innerhalb von sechs Monaten sollen die Rebellen unter Aufsicht der Vereinten Nationen ihre Waffen niederlegen. Keystone

Ismael Marquez liegt im Bett. Er ist gezeichnet von einer schweren Krankheit und seinem Alter. Zusetzen tut ihm aber vor allem die Vergangenheit. Der 82-jährige Rechtsanwalt aus der kolumbianischen Hauptstadt Bogota hat vor 18 Jahren und 7 Monaten seinen Sohn verloren. Kike heisst er. Und Kike bleibt bis heute verschollen. «Farc-Rebellen haben ihn damals entführt. Sie glaubten, er sei der Chef einer Agrarsparkasse. Doch sie haben ihn verwechselt», erzählt Marquez.

Straffreiheit erzürnt Marquez

Damals war Kike 26 Jahre alt. Über das Schicksal seines Sohnes erfuhr Vater Ismael Marquez nie etwas. Nicht einmal Lösegeld forderten die Farc-Rebellen. Im Verlauf der Friedensverhandlungen wurde der Guerilla-Kommandant, der für die Entführung verantwortlich ist, zwar mehrfach zur Rede gestellt. «Aber der Guerillero wollte oder konnte sich nicht erinnern. Dem Friedens-Hochkommissar Kolumbiens hat er immer wieder neue Versionen aufgetischt», erzählt Marquez enttäuscht.

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Die Farc-Rebellen

Die linken Rebellen, die zum Höhepunkt des Konfliktes Ende der 1990er Jahre etwa 20'000 und zuletzt noch 7000 Kämpfer zählten, kontrollierten jahrelang weite Teile des Landes. Finanziert wurde ihr Kampf auch durch Drogenhandel und Lösegeld-Erpressungen. Künftig wollen die Farc politisch für ihre Ziele eintreten.

Während die Regierung den Friedensvertrag nun offiziell feiert, mag sich der Vater über den historischen Schritt nicht freuen. «Der Vertrag bedeutet mir nichts, rein gar nichts», sagt er. Er sei ein gebrochener Mann und wolle endlich wissen, was mit seinem Sohn passiert sei. Der Friedensvertrag besagt zwar, dass die Guerilleros mit der Wahrheit herausrücken und den Opfern Genugtuung leisten müssen. Schwere Konsequenzen wie Gefängnisstrafen müssen die Rebellen aber nicht befürchten. Sie werden nur symbolisch bestraft, mit kleinen Einschränkungen in der individuellen Bewegungsfreiheit.

«  Der Vertrag bedeutet mir nichts, rein gar nichts »

Ismael Marquez
Vater eines Entführungsopfers

«Es tröstet mich nicht, wenn Guerilla-Kommandanten zur Wiedergutmachung Sozialarbeit leisten müssen», sagt Ismael Marquez. Er kämpft deshalb gegen die Straflosigkeit der Guerillaspitze. Der Rechtsanwalt hat sich mit anderen Opfern der Farc-Guerilla zusammengetan. Zusammen wollen sie die Fälle vor internationale Gerichte und so die Verantwortlichen hinter Gitter bringen. Es ist möglich, dass Ismael Marquez erfolgreich sein wird. Der Internationale Strafgerichtshof ICC besagt, die Schwere eines Verbrechens müsse sich proportional in Gefängnisstrafen niederschlagen.

Ob er sein Ziel noch erreichen wird? Wer den 82-jährigen Vater sieht, zweifelt. Für ihn aber ist klar: «Frieden bedeutet mehr als nur das Schweigen der Waffen.»