IMI-Kritik: Universitäten fühlen sich benachteiligt

Auch europäische Universitäten üben Kritik an dem milliardenschweren Pharma-Forschungsprogramm der Europäischen Union. Akademiker stünden deutlich im Nachteil.

Die Idee ist bestechend: Alle wichtigen Forscher ziehen am gleichen Strang, koordiniert von Spezialisten der EU. Doch das Zukunftsmodell der europäischen Pharmaforschung, «Innovative Medicines Initiative» (IMI), steht in der Kritik. Dem Forschungs-Konsortium der Europäischen Union (EU), an dem auch die Schweiz beteiligt ist, überlasse der Industrie die Steuerung des Forschungsprogramms, beklagen Akademiker und Politiker.

Von Macht und Kontrolle

Eine gemeinsame Recherche des deutschen Nachrichtenmagazins «Spiegel», der belgischen Tageszeitung «De Standaard» und des SRF zeigt: Das EU-Flaggschiff bevorteilt die Pharma-Industrie und benachteiligt die akademischen Institutionen.

Zu Beginn begrüssten viele Forscher die Gründung der IMI. Mit dem milliardenschwerden Forschungs-Projekt würden sie endlich die Möglichkeit erhalten, gleichberechtigt mit ihren Kollegen von der Industrie an wegweisenden Projekten im Bereich der biomedizinischen Pharmaforschung zusammen zu arbeiten. Immerhin trägt das Konsortium das Etikett «Public-Private Partnership» – öffentlich-private Kooperation. Umso grösser war die Enttäuschung nach Start des Projekts. Viele der Mitarbeiter der 155 Universitäten, die zu Beginn mitmachten, mussten lernen: Bei IMI gelten andere Regeln.

Bei der Gestaltung der Projekte hat die Pharmaindustrie «eine sehr starke Vormachtstellung», sagt eine Forscherin, die von Beginn an in einem IMI-Projekt arbeitet. Wie viele ihrer Kollegen möchte sie sich nicht mit Namen äussern, um das Projekt nicht zu gefährden. Viele Vorschläge von Seiten der Universitäten würden verändert und angepasst. Die beteiligten Pharmaunternehmen würden die Macht des Einspruchsrecht nutzen, etwa wenn sie ein interessantes Krankheitsbild gerade selbst erforschten. Den kleinen Projektpartnern bleibe häufig nur, an Indikationen und Nebengebieten zu forschen, also die Grundlagen für die nächste Phase vorzubereiten. «Das hemmt die Dynamik der Projekte», so die Wissenschaftlerin.

Im Oktober 2010 zogen die zwei grossen europäischen Hochschul-Verbände die Notbremse. Die Organisation «League of European Research Universities» (LERU) als auch der Verband «European University Association» (Euabe) übten in einer öffentlichen Erklärung harsche Kritik an der europäischen Forschungsinitiative. In den beiden Verbänden sind die Interessen der forschungsstarken Universitäten Europas vertreten, unter anderem auch die Universität Zürich. Einige sind im Verlauf der ersten Projekte wieder ausgetreten. «Fortschritt kann nur erzielt werden, wenn beide Partner gleichwertig forschen können und auch gleichwertig beteiligt werden», sagt Angela Noble, Wissenschaftlerin an der Universität von Edinburgh und Sprecherin der LERU.

Akademie gegen GSK: David gegen Goliath

Ein Paradebeispiel für die Schwachstellen der IMI ist ein Forschungs-Projekt mit dem Namen «Combacte». Mit einem Budget von 250 Millionen Euro ist es eines der grössten IMI-Projekte gemessen an den finanziellen Mitteln. Laut IMI soll es einen «enormen Bedarf der Öffentlichkeit» beantworten. Es soll die Entwicklung von neuen Antibiotika beschleunigen, mit denen die zunehmende Zahl von Patienten mit gefährlichen resistenten Bakterien behandelt werden können. Das Herzstück des Projektes ist der Ausbau einen europaweiten Netzes von Krankenhäusern, an denen in Zukunft neue Antibiotika an Patienten getestet werden können.

Eigentlich ein erstrebenswertes Ziel. Doch schnell kam es zum Kampf der Kulturen. Der britische Pharmariese GlaxoSmithKline (GSK), der das Projekt koordiniert, geriet in einen Streit mit dem unabhängigen Forschungsinstitut «Mario Negri Institute for Pharmacological Research» aus Mailand. «Das Projekt ist eigentlich vielversprechend», sagt Silvio Garattini, Direktor des Mario Negri Institutes. «Aber das Studiendesign, das GSK durchsetzen wollte, war unethisch. Wir hätten ein Antibiotikum an Patienten testen müssen, ohne Zugang nach der Studie zu den Daten aus den anderen Krankenhäusern zu haben. Wir bestanden darauf, dass wir als klinische Forscher das Recht und die Pflicht haben, die Daten zu sehen und einen Beitrag zur Analyse zu liefern.» Letztes Jahr stieg Mario Negri aus dem Projekt aus. Garattini schrieb darauf einen Beitrag in der renommierten Fachzeitschrift «British Medical Journal». Titel: «Der gescheiterte Versuch einer Zusammenarbeit».

Gemäss GSK hätte das Mario Negri Institut um die Daten bitten können. «Aber sie waren nicht damit einverstanden, dass wir solch eine Anfrage erst beurteilen», reagiert GSK. «Um dabei einen Interessenkonflikt zu vermeiden, haben wir ein beschlossen, dass ein Komitee solche Anfragen behandelt. Trotzdem wollte das Mario Negri Institut nicht mehr teilnehmen an dem Projekt.»

Ein weiterer Kritikpunkt: Dass bei IMI auch Phase-2-Studien geplant und durchgeführt werden. Eine Combacte-Forscherin auf Universitäts-Seite, die anonym bleiben will, sagt: «Eigentlich war IMI als präkompetetive Forschung angelegt. Aber das hat sich geändert. Jetzt werden klinische Studien systematisch in die Unis getragen. Die akademischen Partner testen dann das Medikament und organisieren Spitäler, die bereit sind, ihre Patienten mitmachen zu lassen. Die Pharmafirma bezahlt Zubehör, Laborkosten, Analyse - Geld, das sie sowieso ausgeben müssten. So kommen sie billiger weg. Und am Ende profitieren sie von den Resultaten.»

Viele der Projektpartner an den Universitäten fällt es schwer, ihre Kritik laut zu äussern. Sie haben Angst, ihre Meinung würde dem Fortgang ihres noch laufenden Projekts schaden, in das ihre Universität schon viel Geld investiert hat. Zwar seien viele Dinge mit dem zweiten Lauf des Programm besser geworden, sagt ein Forscher. Aber gleichberechtigt seien die Forscher noch immer nicht.

Mitarbeit: Pascal Biber.

Sendung zu diesem Artikel

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel