In Schwedens Vorstädten herrscht trügerische Ruhe

Zwei Wochen nach den Krawallen in Stockholm und anderen schwedischen Städten herrscht immer noch Ruhe im Land – trügerische Ruhe, sagt SRF-Korrespondent Bruno Kaufmann. Denn die sozialen Spannungen bestehen weiterhin. Und niemand weiss so recht, was man dagegen tun kann.

Vor bald drei Wochen begannen im von sozialen Missständen geprägten und vorwiegend von Einwanderern bewohnten Stockholmer Vorort Husby heftige Jugendkrawalle: Nacht für Nacht gingen Autos, Geschäfte und Schulen in Flammen auf. Die Lage schien zu eskalieren, als sich die Unruhen auf andere Problem-Vorstädte in Schweden ausdehnten. Nach rund einer Woche flauten die Krawalle jedoch wieder ab.

«Es ist sehr schwierig zu sagen, was passieren wird»

4:09 min, aus SRF 4 News aktuell vom 07.06.2013

Dies sei vor allem den Einwohnern der betroffenen Vorstädte und weniger dem massiven Polizei-Einsatz zu verdanken, sagt SRF-Nordeuropa-Korrespondent Bruno Kaufmann. Die Menschen hätten nach einigen Tagen Krawallen die Strassen wieder zurückerobert. Zurzeit herrsche in den Vororten wie Husby «eine Art Schockstille», beschreibt Kaufmann die Lage. «Die Menschen dort sind immer noch tief erschüttert über das, was passiert ist.»

Niemand weiss, was zu tun ist

Zwar sei inzwischen viel über die sozialen Unterschiede und Spannungen gesprochen, reflektiert und geschrieben worden. Doch für die allermeisten Schweden sei das Problem im Alltag nicht präsent: Die problematischen, Getto-ähnlichen Siedlungen der Vororte liegen am Ende von U-Bahn oder Buslinien. Dort kommt man nicht einfach so vorbei, ausser man will gezielt da hin.

«Diese Abnabelung, diese offensichtliche Chancenungleichheit ist auch das grosse Problem», ist Kaufmann überzeugt. Das sähen die Schweden zwar nicht gern, «aber sie wissen auch nicht, was sie dagegen tun können.»

Ausgebrannte Autowracks im Stockholmer Vorort Rinkeby. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Schweden sind noch immer schockiert ob Bildern wie diesem, aufgenommen am 23. Mai. Reuters

Die Regierung ihrerseits habe «erstaunlich wenig» unternommen, um Ausschreitungen in Zukunft zu verhindern. Sie habe von Anfang an versucht, die Krawalle zu individualisieren und die Schuld den etwa 100 gewalttätigen Jugendlichen und deren Eltern zuzuschieben, sagt der Korrespondent. «Zu gross scheint der Graben zwischen den wohlhabenden Teilen Stockholms und diesen nicht sehr attraktiven Betonsiedlungen der Vorstädte.»

Eine Prognose ist schwierig

Damit ist nicht ausgeschlossen, dass ähnliche Krawalle erneut ausbrechen könnten. Allerdings sei eine Prognose schwierig, so Kaufmann. Denn viele gewalttätige Jugendliche seien während der Krawalle verhaftet worden und warteten nun auf ihren Prozess. Auch seien örtliche Vereine präsenter und versuchten, die Lage unter Kontrolle zu behalten.

Zudem seien die Möglichkeiten der Polizei in den Stockholmer Vororten womöglich noch nicht ausgeschöpft: Malmö und Göteborg hätten früher ähnliche Probleme gehabt. In der Folge habe man dort eine Art Kooperation zwischen lokalen Polizisten und den Menschen in den betreffenden Vorstädten eingeleitet. Dies sei in Stockholm bisher nicht der Fall. Hier sei die Polizei als repressiver Apparat aufgetreten, «der ständig nach papierlosen Flüchtlingen sucht.» Vor allem dies habe die Jugendlichen aufgebracht und zu den Krawallen geführt, ist Kaufmann überzeugt.