Noch im März wollte der iranische Sportminister von einer Teilnahme an der Fussball-WM nichts wissen. Knapp zwei Wochen nach Beginn der US-Angriffe sagte er in einem TV-Interview: Nachdem «diese korrupte Regierung unseren Führer ermordet» habe, sehe er keine Voraussetzungen, um an einer WM teilzunehmen.
Nun spielt der Iran doch mit, am Sonntag ist die Mannschaft in ihrem Quartier in Mexiko eingetroffen. Zwei Gruppenspiele des Irans finden aber nach wie vor in den USA statt. Es ist das erste Mal, dass ein Gastgeberland bei einer Fussball-WM einen Kriegsgegner empfängt.
Abschied aus Teheran
In Teheran hat die Staatsführung «Team Melli», wie die Nationalmannschaft auf Persisch heisst, mit einer grossen Kundgebung auf dem Revolutionsplatz verabschiedet. Verbandspräsident Mehdi Tadsch, ein ehemaliges Mitglied der Revolutionsgarden, gab sich kämpferisch. Er erklärte den Spielern: «Bei der WM werdet ihr den Iran als Teil der Widerstandsfront und als Kriegshelden des Obersten Führers vertreten.»
Die Kundgebung in Teheran demonstriert, was im iranischen Fussball längst Alltag ist: Der Verband und die Vereine sind heute klar ein Instrument der Revolutionsgarden. «Team Mullah» statt «Team Melli» – so formuliert es der Journalist Ronny Blaschke, der auf Gesellschaftsfragen rund um den Sport spezialisiert ist. Tatsächlich habe der Fussball für das isolierte und stark sanktionierte Regime eine spezielle Rolle. «Der Fussball ist eines der wenigen Themen, bei denen der Iran international ein bisschen glänzen kann.»
Die Diaspora ist vorbereitet
In der Vergangenheit kam es bei der Nationalmannschaft aus Sicht des Regimes allerdings schon mehrmals zu Eklats. 2009 solidarisierten sich einige Spieler symbolisch mithilfe einer Armbinde mit der Opposition. 2022 verweigerte die Männer-Mannschaft beim ersten Gruppenspiel geschlossen das Mitsingen der Nationalhymne. Und erst dieses Jahr beantragten beim Asien-Cup in Australien fünf iranische Spielerinnen zwischenzeitlich Asyl, um nicht in ihre Heimat zurückkehren zu müssen.
Bei der Männer-WM rechnet Ronny Blaschke nicht mit so einem Schritt. Aber: Die grosse iranische Diaspora in den USA ist auf das Turnier vorbereitet. Zum Beispiel in Los Angeles, wo der Iran eines seiner Gruppenspiele absolviert. Dort laufen seit Wochen Vorbereitungen für Proteste. «Diese werden sicher auch die WM vor und in den Stadien prägen.»
Zwar wird die Fifa kaum Bilder von diesen Aktionen zeigen – und das iranische Staatsfernsehen schon gar nicht. Solche Aktionen könnten sich trotzdem herumsprechen, etwa über die sozialen Medien. «Das Ganze wird ein Propagandarückschlag für die Islamische Republik. Davon kann man ausgehen.»
Das Extremszenario: Ein K.-o.-Spiel gegen die USA
Wahrscheinlich wäre die Staatsführung nicht allzu traurig gewesen, wenn die USA oder die Fifa den Iran ganz ausgeschlossen hätten. Alles in allem gäbe es für den Verband bei dem Turnier, bei dem er wegen der Einreiseregeln auch sportlich im Nachteil ist, wenig zu gewinnen, so der Sportjournalist Blaschke. «Es geht jetzt, glaube ich, einfach um Schadensbegrenzung.»
Noch einmal zuspitzen könnte sich die Causa übrigens, wenn sowohl der Iran als auch die USA die Gruppenphase jeweils auf dem zweiten Platz abschliessen. Dann treffen beide Mannschaften in der ersten Runde der K.-o.-Phase aufeinander.