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International Irland und seine Homosexuellen: Stockkonservativ war gestern

Homosexuelle hatten es lange schwer in Irland. Ihre Liebe wurde kriminalisiert. Doch in den letzten 20 Jahren hat sich einiges verändert. Heute ist Irland bei den Rechten für Schwule und Lesben weiter als viele andere Länder in Europa. Ein Gespräch mit SRF-Korrespondent Martin Alioth.

Zwei sich umarmende Männer auf einem Yes-Plakat. Daneben steht ein Mann, der wegschaut.
Legende: Bis 1993 war Homosexualität im katholischen Irland noch eine Strafttat; nun stimmt das Land über die Homo-Ehe ab. . Reuters

SRF News: Über die Iren gibt es viele Klischees: Sie feiern gern, sie trinken gern und sie sind erzkatholisch. Und ausgerechnet diese konservativen Iren könnten nun mittels Volksentscheid Ja sagen zur vollen rechtlichen Gleichberechtigung homosexueller Paare. Martin Alioth, wie passt das zusammen?

Martin Alioth: Die Iren nehmen die gesellschaftliche Wirklichkeit durch das Brennglas persönlicher Erfahrungen wahr. Anders als viele Schweizer sind sie an abstrakten Konzepten nicht besonders interessiert. Diese alltägliche Realität hat sich in den letzten Jahren so dramatisch verändert, dass die Fadenscheinigkeit der überlieferten, katholisch geprägten Ideale von Familie und Ehe unübersehbar geworden ist.

Noch bis 1993 war Homosexualität in Irland eine Straftat: Was ist denn seither konkret passiert ?

Das Ausmass des Kindsmissbrauchs durch Geistliche hat die irische Gesellschaft traumatisiert. Die staatlichen Behörden betätigten sich als Komplizen einer autoritären und klerikal geprägten Kirche. Aus dieser Autoritätskrise hat sich – vielleicht paradoxerweise – ein neues individuelles Selbstbewusstsein entwickelt. Die Vorschriften von der Kanzel haben ihre Glaubwürdigkeit verloren, nun richtet man sich eher nach den Bedürfnissen der eigenen Familie, des eigenen Bekanntenkreises.

Das heisst: Ohne die Verfehlungen der katholischen Kirche, die dadurch viel Vertrauen verloren hat, hätten sich die Iren gesellschaftlich nicht so stark bewegt?

Ich glaube, dass die moralische Leere der Kirche diesen Prozess erleichtert und beschleunigt hat. Unabhängig davon sind seit Mitte der 1990er-Jahre Zehntausende von jungen Familien aus der Emigration nach Irland zurückgekehrt. Sie brachten ihre Erfahrungen aus den Vereinigten Staaten, Grossbritannien, Australien und anderswo mit; sie bildeten ein Ferment für eine offenere Gesellschaft.

Wie positioniert sich die denn die in ihrer Autorität geschwächte katholische Kirche im Abstimmungskampf?

Bischöfe und Priester sind – mit vereinzelten Ausnahmen – gegen die Gleichstellung der Homo-Ehe. Sie begründen dies – angesichts des Zölibates vielleicht pikanterweise – mit der Andersartigkeit von Mann und Frau, die sich gegenseitig ergänzten, namentlich bei der Erziehung von Kindern. Das vermeintliche Recht von Kindern auf einen Vater und eine Mutter wird unterstrichen, obwohl alle wissen, dass die Realität meist komplexer und vielfältiger ist.

Seit 2011 können Lesben und Schwule ihre Partnerschaft in Irland bereits eintragen; die rechtliche Gleichbehandlung ist damit schon jetzt praktisch garantiert: Geht es denn vor allem um Symbolik bei der Volksabstimmung über die gleichgeschlechtliche Ehe?

Ja, das ist bestimmt so. Wie Sie sagen: Rechtlich ändert sich durch den Einbezug der gleichgeschlechtlichen Ehe in den von der irischen Verfassung ausgesprochenen Schutz für Ehe und Familie nicht viel. Aber die Reform würde den Makel der Andersartigkeit tilgen; Schwule und Lesben würden exakt gleich behandelt wie Heterosexuelle. Darum geht es wohl, namentlich im Hinblick auf jüngere Schwule und Lesben, die von Anfang an auf diese Gleichbehandlung bauen dürften.

Umfragen gehen davon aus, dass die Irinnen und Iren der Vorlage zustimmen dürften: Ist das sicher?

Nein, aber die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Nur etwa ein Viertel der Befragten – mehrheitlich ältere und ländliche Stimmbürger – wollen die Vorlage ablehnen. Doch das Resultat hängt von der Stimmbeteiligung der Jungen ab, die überwiegend für die Gleichstellung sind. Jüngere Stimmbürger gehen aber erfahrungsgemäss weit weniger brav zur Urne als die älteren. Wird das diesmal, angesichts der Chance, das Selbstverständnis der irischen Gesellschaft neu zu definieren, anders sein? Am Samstag werden wir mehr wissen.

Das Gespräch führte Simon Leu.

Martin Alioth

Porträt Martin Alioth

Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Bernd B., Basel
    Ich bin überrascht, dass viele osteuropäische Länder fortschrittlicher sind als die Schweiz, zumindest auf dem Papier. Heirat/Adoption sind optionale Dinge, die viele Homosexuelle nicht brauchen, dass wir hier aber keinen Schutz vor "hate crimes" haben, ist Rückständig.
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  • Kommentar von C. Szabo, Thal
    Laut der Grafik haben skandinavische Länder eine vorbildliche, liberale Haltung. Auch einige katholische Länder haben nach Aufklärung von grossen Skandalen in der römischen Kirche umgeschwenkt. Die Haltung der Kirche wurde in vielen Ländern als Scheinheiligkeit entlarvt. Das half homosexuellen Menschen bei ihren Anliegen, die berechteigt sind. Einige antike Reiche würden sich wundern, wie lange es in Europa gedauert hat, bis ein natürliches Verhalten nicht mehr kriminalisiert wurde.
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