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International Jede dritte Frau in der EU erlebt Gewalt – Schweiz keine Ausnahme

Ein Drittel der Frauen in der EU ist seit dem 15. Lebensjahr mindestens einmal Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt geworden. Die EU-Grundrechte-Agentur FRA kommt in der weltweit grössten Studie auf 62 Millionen Betroffene. Ähnliche Verhältnisse herrschen laut Experten auch in der Schweiz.

Frau bedeckt das Gesicht mit ihren Händen.
Legende: 22 Prozent der Befragten gaben an, körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren eigenen Partner erfahren zu haben. Reuters

«Zu viele Frauen in Europa leiden unter Gewalt», sagte FRA-Direktor Morten Kjaerum. Die Untersuchung der EU-Grundrechte-Agentur (FRA) zeigt, dass jede zweite Befragte schon einmal sexuell belästigt wurde. 22 Prozent der Befragten gaben an, körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren eigenen Partner erfahren zu haben.

Psychischer Gewalt durch ihren aktuellen oder einen früheren Lebensgefährten waren 43 Prozent der Frauen ausgesetzt. Knapp ein Drittel wurde durch Vorgesetzte, Kollegen oder Kunden sexuell belästigt und eine von 20 Frauen ist seit ihrem 15. Lebensjahr vergewaltigt worden.

«Kein Nischenthema»

«Das ist kein Nischenthema. Wir sprechen von Müttern, Töchtern und Schwestern, die sexuell, psychisch oder physisch missbraucht wurden», sagte Kjaerum.

Häufiger als Frauenhäuser suchen Betroffene medizinische Einrichtungen auf. 87 Prozent der befragten Frauen gaben an, dass Ärzte nach der Herkunft verdächtiger Verletzungen fragen sollten, um möglichen Opfern helfen zu können.

Die Studien-Teilnehmerinnen wurden auch zu Erlebnissen in ihrer Kindheit befragt: Hier gab jede dritte Frau an, körperlicher oder sexueller Gewalt durch Erwachsene ausgesetzt gewesen zu sein; die Hälfte der sexuellen Missbrauchsfälle (sechs Prozent) wurde von fremden Männern ausgeübt.

Belästigung in sozialen Netzwerken

Auch innerhalb von sozialen Netzwerken werden immer mehr Frauen Opfer von sexueller Belästigung: Eine von zehn gab an, unangemessene Annäherungsversuche oder E-Mails und SMS-Nachrichten mit eindeutigem sexuellen Inhalt erhalten zu haben. Frauen von 18 bis 29 Jahren werden sogar doppelt so häufig auf diese Weise belästigt.

EU-weit wurden neun Millionen Frauen Opfer von Stalking. Für jede fünfte Befragte traf das für einen Zeitraum von zwei Jahren zu, 23 Prozent der betroffenen Frauen änderten deshalb bereits ihre Mail-Adresse oder Telefonnummer.

Am meisten Gewalt im Norden

Die höchste Gewalt-Rate meldeten Frauen laut der Studie in den drei nördlichen EU-Ländern Dänemark (52 Prozent), Finnland (47 Prozent) und Schweden (46 Prozent). In Polen, Österreich und Kroatien gibt es mit jeweils rund 20 Prozent demnach vergleichsweise am wenigsten Gewalt. Deutschland liegt mit 35 Prozent etwas über dem EU-Durchschnitt (33 Prozent).

Diese Unterschiede können laut Joanna Goodey, Vorsitzende des Freiheits- und Justizministeriums der FRA, verschiedene Ursachen haben, etwa verschiedene Trinkgewohnheiten innerhalb der Staaten oder die unterschiedliche Verschwiegenheit bei gewissen Themen. Bei stärkerer Gleichberechtigung der Geschlechter herrscht laut Studie deutlich mehr Bewusstsein, und mehr Frauen zeigen Täter an.

Schulung zur Früherkennung gefordert

«Nur weil ein Land in diesem Vergleich besser da steht, heisst es aber nicht, dass die Ergebnisse gut sind. Das beste Ergebnis war, dass nur eine von fünf Frauen sexuelle Gewalt erlebt hat. Das ist immer noch viel zu viel», so Goodey.

Um die Situation der weiblichen Bevölkerung in den EU-Ländern zu verbessern, sollen daher Arbeitgeber, Beschäftigte im Gesundheitsbereich und in Bildungseinrichtungen geschult werden, damit sie Anzeichen verschiedener Formen von Gewalt künftig früher erkennen zu können.

Ähnliches Szenario für die Schweiz vermutet

Die EU-Werte dürften ohne grössere Abweichungen auf die Schweiz zutreffen, wie Marlies Haller, Geschäftsführerin der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern, gegenüber SRF erklärt. Tiefenstudien für die Schweiz gebe es aber nicht, die Dunkelziffer sei hoch.

Häusliche Gewalt ist laut Haller auch in der Schweiz ein grosses Thema – trotz Fortschritten bei Sensibilisierung und gesellschaftlicher Ächtung in den letzten Jahren. Haller verweist auf die überlasteten Frauenhäuser und die ausgelasteten Beratungsstellen der Opferhilfe.

Wenn Frauen Anzeige erstatten, müssen sie laut Haller durch Staat, Gesetz und Beratungsstellen unterstützt werden, um sich nicht zusätzlich zu gefährden und zusätzlich traumatisiert zu werden. «Anzeigen können zu mehr Gewalt führen», warnt Haller. Sie fordert eine nationale Strategie und Politik gegen Gewalt an Frauen.

Gewalt gegen Frauen in der EU

EU-MitgliedstaatPartnerIn oder andere Person
Dänemark52
Finnland47
Schweden46
Niederlande 45
Grossbritannien44
Frankreich44
Lettland39
Luxemburg38
Belgien36
Deutschland35
Slowakei34
Schnitt sämtlicher EU-Länder33
Litauen31
Rumänien30
Ungarn28
Bulgarien28
Italien27
Irland26
Griechenland25
Portugal24
Estland22
Malta22
Slowenien22
Spanien22
Zypern22
Kroatien21
Österreich20
Polen19

Legende zur Tabelle

Befragt wurden Frauen, die seit dem 15. Lebensjahr körperliche und / oder sexuelle Gewalt durch eine/n derzeitige / und / oder frühere/n PartnerIn oder eine andere Person erfahren haben, nach EU-Mitgliedstaat in Prozenten dargestellt.
Quelle: FRA-Erhebung zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen, 2012

Die Studie

Für die Studie befragte die EU-Grundrechte-Agentur (FRA) 42‘000 Frauen. Pro Land wurden 1500 zufällig ausgewählte Frauen im Alter von 18 bis 74 Jahren persönlich interviewt. Mehr dazu

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30 Kommentare

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  • Kommentar von Tom Duran, Basel
    Ohne jetzt irgend welche Gewalt zu verherrlichen, auch Männer leiden unter Frauen! Dazu kommt eine äusserst eigenartige neue Rolle der Frauen in Europa, nach dem Motto: ich bin Frau also darf ich alles... Klar, Frauen haben auch Jahrhunderte lang unter Idioten arbeiten müssen, dass war es sicher auch nicht. Doch mich erstaunt immer wieder, wie man unfähige Frauen (es gibt auch unfähige Männer) ins Kader oder die Politik holt, nur weil man irgendwelche Quoten oder sein Gewissen befriedigen will!
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  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    Wenn man die Entwicklung der Gesellschaft betrachtet, dann wären die Zahlen leider nicht gross erstaunlich. Wobei, wie kamen die 42'000 Interviews zu stande? Nach welchem "Zufallsprinzip" wurden die Frauen ausgewählt? Strasse? Telefonnummer? Bei den Folgen der physischen oder psychischen Gewalt stimme ich der Studie sofort zu: Verlust des Selbstvertrauens, Beziehungsschwierigkeiten, Angstzustände, Gefühl der Verletzlichkeit. Interessant sind auch die Ursachen warum jemand Gewalt anwendet.
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  • Kommentar von p.keller, kirchberg
    Nicht zu vergessen die vielen Männer, die tagtäglich zu Hause massiven Psychoterror erleben.
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    1. Antwort von Hans Knecht, Torny
      Als psychische Gewalt gilt gemäss der Studie wenn man vor anderen Leuten herabgesetzt oder gedemütigt, unter vier Augen herabgesetzt oder gedemütigt wurde, Dinge getan hat, um Sie absichtlich zu verängstigen oder einzuschüchtern, zum Beispiel durch Schreien.
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