Jedem Inder sein Konto – Mammutprojekt mit Tücken

Zwei von drei Bürger des Schwellenlandes Indien besitzen kein Konto und sind damit Geldverleihern ausgeliefert. Das will die Regierung ändern und weiteren 75 Millionen Menschen eine Bankverbindung einrichten. Ministerpräsident Modi spricht von einem Meilenstein im Kampf gegen Armut und Korruption.

Indiens Ministerpräsident Modi stellt Kontenprogramm vor. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der indische Premier Narendra Modi sagt der «finanziellen Unberührbarkeit» den Kampf an. Reuters

Fast sieben Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit verfügten «68 Prozent der Bevölkerung immer noch über kein Bankkonto», sagte Premierminister Narendra Modi bei der Vorstellung des Projekts in Neu Delhi.

Bis Mitte kommenden Januar sollten deshalb 75 Millionen Menschen Zugang zu einem Bankkonto erhalten. Vor kurzem hatte der Premierminister gar ein Konto für alle 1,2 Milliarden Inder angekündigt.

Modi: «Finanzielle Unberührbarkeit» überwinden

Bislang konnten Hunderte Millionen Inder, die oft weder Identitätskarte noch Geburtsurkunde besitzen, kein Konto eröffnen. Mit der neuen Massnahme sollen hingegen alle nur noch einen Adressausweis vorlegen müssen. Zum Start des Projekts seien bereits 15 Millionen Konten bei staatlichen Banken eröffnet worden, erklärte Modi.

«Wer die Armut besiegen will, muss die finanzielle Unberührbarkeit beenden», betonte Modi in Anspielung an das Kastensystem. Mit den Konten seien die Menschen aber auch vor der Ausbeutung durch Geldverleiher und vor Korruption besser geschützt.

Gegen Schuldenkreislauf und Korruption

Die Besitzer der Konten erhalten nun eine Debitcard und eine Unfallversicherung über 1500 Franken sowie eine Lebensversicherung über 450 Franken. Um die Korruption zu bekämpfen, sollen Sozialdienstleistungen oder Gelder von Sozialprogrammen künftig direkt auf diese Konten überwiesen und so Mittelsmänner ausgeschaltet werden.

Es handle sich um ein hoffnungsvolles Programm, das nun aber erst bewähren müsse, sagt SRF-Korrespondentin Karin Wenger. Sie erinnert an den Schuldenkreislauf der Armen, der wegen Wucherzinsen vor allem bei den Bauern zu einer regelrechten Selbstmordwelle geführt hat.

Zahlreiche Unsicherheiten

Das Mammutprogramm steht laut Wenger noch vor verschiedenen Hürden: So reicht es nicht aus, Bankkonten zu eröffnen, wie das teilweise bereits die vorherige Regierung gemacht hat. Denn viele dieser Konten liegen nun ungenutzt da, weil die Banken den Armen keine Dienstleistungen anboten. Es fehlte unter anderem an Kleinstkrediten von eine paar Franken, oder die Konteninhaber konnten die verdienten Kleinstbeträge nicht deponieren, weil es die Banken nicht erlaubten.

Nun sollen die Kontenbesitzer ihre Konten sogar um bis zu umgerechnet 75 Franken überziehen können. Hier stellt sich aber laut Wenger die Frage, ob das nicht zu riesigen Verlusten bei den Banken führen wird, wenn Konten einfach überzogen und dann fallengelassen werden.

Keine Banken in weiten Gebieten

Als weitere Herausforderung nennt Wenger den Umstand, dass es in den meisten ländlichen Gebieten weder Banken noch Geldautomaten gibt. Bisher werden vor allem mobile Bankautomaten auf Lastwagen durchs ganze Land gefahren. Künftig sollen Bankgeschäfte vermehrt übers Handy abgewickelt werden. Dazu will die Regierung auch Banklizenzen an Mobilfunkunternehmen vergeben.