Journalist in Afghanistan Jeden Tag setzt dieser Mann sein Leben aufs Spiel

Najib Sharifi kommentiert, was in Afghanistan schief läuft – und hilft Journalisten in anderen korrupten Ländern. Jetzt werden er und seine Organisation geehrt.

Najib Sharifi hing den ganzen Vormittag am Telefon. Gestern erst gab es einen Selbstmordangriff von IS-Terroristen, diesmal einen Anschlag gegen das Büro des staatlichen Rundfunks in Jalalabad in Ostafghanistan. Vier Tote, viele Verletzte.

Internationaler Journalistenpreis

Das Sicherheitskomitee der afghanischen Journalisten, dessen Direktor Sharifi ist, ist gefordert. Die Nichtregierungsorganisation, die 2009 auf Anregung der UNO entstand, erhält in Hamburg auf dem Weltkongress des «International Press Institute» einen Preis für ihre Pionierrolle in Sachen Pressefreiheit.

Das Sicherheitskomitee ist inzwischen zum Modell geworden: In Pakistan, in Somalia oder im Jemen entstehen vergleichbare Strukturen. Es sind Organisationen, die die Arbeit von Journalisten ein bisschen sicherer machen.

Die Gewalt in Afghanistan nimmt weiter zu

Afghanistan ist seit dem Abzug zehntausender von Nato-Soldaten aus den internationalen Schlagzeilen, aus dem Scheinwerferlicht verschwunden: Obschon die Gewalt seither nochmals zunimmt. 2016 war das blutigste Jahr seit dem Sturz der Taliban, gerade auch für Journalisten: 13 Reporter starben, hunderte wurden verletzt, entführt, physisch oder psychisch aufs heftigste bedroht. Kein Land der Welt, ausser Syrien, war noch gefährlicher. Und 2017 wird wohl noch schlimmer.

Ihre Aktivitäten umfassen Kurse über das Verhalten in Risikogebieten, über das Ausüben von Druck auf Verleger, darüber, wie ihre Leute besser geschützt werden können, über das Anbieten von Hotlines, die sekundenschnell über plötzliche Gefahren informieren, über die Einrichtung von sicheren Häusern für bedrohte Reporter oder über juristische, medizinische und soziale Unterstützung. Hinzu kommt politisches Lobbying.

Der 36-jährige Najib Jarifi aus Kabul war ursprünglich Arzt. Dann wurde er zum Journalisten. Mit Leib und Seele: «Ich verliebte mich in diesen Beruf», sagt er. Er sei durch seinen Broterwerb während des Studiums als Assistent für ausländische Journalisten «angefixt» worden. Heute kommentiert er selber in internationalen Medien, in seiner Muttersprache Dari. Zudem berichtet wer für die BBC, al-Jazeera, NPR oder Voice of America.

Journalisten haben fast nur Feinde

Dass Journalismus in Afghanistan derart riskant ist, hängt damit zusammen, dass die Medien, ja die Pressefreiheit generell, erbitterte Feinde haben: Terrororganisationen wie der «Islamische Staat», al-Kaida und die Taliban. Hinzu kommen die mächtigen Kriegsfürsten – und auch hohe Regierungsvertreter, denn viele von ihnen sind korrupt.

Sie alle fürchten Transparenz und akzeptieren nur Journalisten, die sich für ihre jeweiligen Zwecke einspannen lassen. Islamistische Extremisten sehen in den Medien ausserdem Instrumente zur Aufklärung, zur Bildung der Bevölkerung. Das finden die Taliban & Co. natürlich nicht gut. Sharifi ist stolz auf seine einheimischen Berufskollegen und noch wenigen -kolleginnen. Obschon die Gefahr gross sei und oft monatelang nicht bezahlt würden, arbeiteten sie mit Leidenschaft.

Das Leben ist ohnehin gefährlich

Tatsächlich gibt es in Afghanistan eine vielfältige Medienlandschaft. Es gibt kritische, ja lebhafte, oft gar heftige Debatten. Dass Afghanistan heute eine Demokratie ist, wenn auch eine mit vielen Mängeln, ist vor allem den Journalisten zu verdanken. Ebenso wie die Tatsache, dass Frauenrechte, Menschenrechte oder die Korruption heute ein Thema sind.

Sharifi zögert keinen Moment auf die Frage, ob er jungen Landsleuten rate, Journalisten zu werden: «Das Leben in meinem Land ist ohnehin gefährlich. Da wählt man doch am besten einen Beruf, wo man wirklich etwas bewirken, wirklich nützlich sein kann», sagt er überzeugt. Obgleich das halt noch etwas riskanter ist.