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Legende: Audio Rund ein Viertel der israelischen Bevölkerung ist arm abspielen. Laufzeit 06:59 Minuten.
06:59 min, aus Echo der Zeit vom 12.03.2019.
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«Kaum Geld fürs Nötigste» Israel – das arme High-Tech-Land

Israel ist eines der ärmsten OECD-Länder, doch im Wahlkampf ist die hohe Armut kein Thema, obwohl Premierminister Benjamin Netanjahu mitverantwortlich ist.

Israel gilt als modernes und innovatives High-Tech-Land. Stolz verweisen die Politiker im Hinblick auf die Parlamentswahlen am 9. April darauf. Aber nur gerade um die acht Prozent der werktätigen Bevölkerung arbeitet in diesem gutbezahlten Sektor. Eine Zahl, die sich in den letzten zehn Jahren kaum verändert hat.

Ein älterer Mann schiebt einen Kinderwagen mit Säcken voller Flaschen durch die Fussgängerzone in Jerusalem
Legende: Die Armutsrate in Israel ist hoch. Unter den OECD-Ländern ist das «Hightech-Land» im Nahen Osten eines der Ärmsten. Thilo Remini

Kaum ein Thema im Wahlkampf sind hingegen die vielen schlecht bezahlten Jobs und gar kein Thema ist die Armut. Die ist in Israel aber gross. In der Armutsstatistik der OECD gehört Israel zu den Mitgliedsländern mit den höchsten Armutsraten. Mitverantwortlich für den schlechten Listenplatz ist auch Premierminister Benjamin Netanjahu.

Legende:
Die Armut Israels im Ländervergleich Unter den OECD-Ländern ist das «Hightech-Land» im Nahen Osten eines der Ärmsten, hier der Vergleich mit den G7-Staaten und der Schweiz. OECD 2019 (Zahlen: 2016)

Knapp acht Franken Stundenlohn

Im Kiryat Eliezer Quartier von Haifa gibt es ein Billig-Shopping-Zentrum, wo vor allem arme Leute einkaufen. Vor dem Einkaufszentrum sitzen drei jüdische Frauen auf einer Bank. Die eine ist Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern, die anderen beiden sind schon Grossmütter. Sie treffen sich hier, weil sie kein Geld haben, um in ein Café zu gehen. Das Leben hier sei so teuer, klagen sie.

Die drei Frauen im Einkaufszentrum (Collage)
Legende: Drei Frauen treffen sich auf einer Parkbank im Einkaufszentrum von Haifa: «Kein Geld um ins Café zu gehen.» Thilo Remini (Collage)

«Ein Kilo Peperoni kostet zwölf Schekel, ein Kilo Gurken acht, und ein Kilo Bananen auch zwölf», sagt eine der drei Frauen. Das sind ähnliche Preise wie in der Schweiz. Das sei viel für sie, sagt die jüngste der drei Frauen. Sie arbeitet als Pflegerin für umgerechnet nicht einmal acht Franken Stundenlohn. Damit komme sie fast nicht durch. Die Hälfte ihres mageren Lohnes gehe nur für Miete, Sozialausgaben und Steuern drauf.

Die beiden anderen leben ebenso knapp: eine von der Sozialhilfe, die ihr 1700 Schekel pro Monat gibt – nicht einmal 500 Franken. «Israel, Israel …», beginnt die älteste der drei Frauen zu singen und lacht. Den Humor hat sie trotz ihrer Armut noch nicht verloren.

«Netanjahu ist schuld an unserer Armut!»

Schuld an ihrer Armut sei Premierminister Benjamin Netanjahu, sind sich die drei Frauen einig. «Es wäre schrecklich, wenn er wiedergewählt würde», sagt eine der drei Frauen. Die zweite ergänzt: Weil es dann wieder Krieg gebe. Und die dritte: Netanjahu stecke ihr Geld in seine eigene Tasche oder gebe es den Ultraorthodoxen, damit sie nichts täten ausser beten.

Erwerbstätigkeit steigt an

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Ultraorthodoxe Männer beten, statt zu arbeiten – und werden erst noch vom Staat finanziert. Diese Meinung ist in Israel weitverbreitet. Daniel Gottlieb, stellvertretender Generaldirektor der israelischen Sozialversicherung, widerspricht dem. Es gebe viel schlechtes Blut in Bezug zu den Haredim.

Ultraorthodoxe Frauen haben eine der höchsten Geburtenquoten weltweit und doch arbeiten sie sehr hart und sind gut gebildet, sagt Gottlieb. Doch die meisten Entscheidungen würden von Rabbis gefällt. Diese sind es auch, die sagen: Männer sollen die Thora studieren. Doch nicht alle Haredi-Männer studieren, manche würden auch einfach nur herumhängen. Einige von diesen suchen sich dann eine Arbeit.

Die Sozialversicherung verfolgt den Arbeitsmarkt Israels sehr genau. Und die Statistik zeigt: seit dem Jahr 2000 steigt die Erwerbstätigkeit der Haredim-Männer stark an. Noch ist diese Nachricht nicht bei der breiten Bevölkerung und in der Politik angekommen. Das brauche Zeit, meint Gottlieb. Und er fügt an, wer nicht arbeitet, habe auch keinen Anspruch auf Sozialversicherungen.

Daniel Gottlieb kennt die Sorgen der drei Frauen. Er hat sie bis ins letzte Detail erforscht. Der stellvertretende Generaldirektor der israelischen Sozialversicherung war selbst schockiert über das Ausmass der Armut in seinem Land. Er übernahm das Amt nach seiner Zeit bei der israelischen Zentralbank und der Weltbank. In den Jahren 2002 bis 2005 sei die Armutsrate in Israel stark gestiegen. Der damalige Finanzminister war Benjamin Netanjahu.

Eine leere Strasse mit dem Gebäude der israelischen Sozialversicherung im Hintergrund
Legende: Die grosse Armut war die Folge von Kürzungen bei den Sozialleistungen. Im Bild die israelische Sozialversicherung. Thilo Remini

Netanjahu habe damals drastische Kürzungen bei der Sozialversicherung und der Arbeitslosenunterstützung vorgenommen, erzählt Gottlieb. Die Folge davon: sehr schnell, sehr viel Armut. Danach kam die Finanzkrise, diese habe Israel in eine kurze aber heftige Rezession gestürzt.

Seither nehme die Armut wieder ab. Aber weil sie damals so stark zugenommen habe, belege Israel in der Armutsrangliste der OECD-Länder seit Jahren einen der schlechtesten Plätze. Rund ein Viertel der israelischen Bevölkerung ist arm oder lebt nur knapp über der Armutsgrenze.

Daniel Gottlieb unter drei kleinen Bildern
Legende: Daniel Gottlieb, stv. Generaldirektor der israelischen Sozialversicherung, war selbst schockiert über die Armut im Land. Thilo Remini

Die Frauen hätten nicht ganz Unrecht, wenn sie sagten, Netanjahu sei schuld an ihrer Armut. In Israel sei der Mindestlohn tief. Und: Frauen verdienten im Schnitt 10 bis 20 Prozent weniger als Männer.

Araber und Haredim besonders arm

Wo Daniel Gottlieb den Frauen widerspricht, ist bei ihrer Behauptung, der Staat gebe den ultraorthodoxen Juden viel Geld. Erstens sei es längst nicht mehr wahr, dass Haredim-Männer nicht arbeiteten. Und zweitens hätten gleich zwei Finanzminister die Kinderzulagen gekürzt, was diese kinderreiche Bevölkerungsgruppe hart treffe. Einer der beiden Finanzminister war Benjamin Netanjahu.

Frauen und Männer der Charedi an einer Strassenkreuzung im ultraorthodoxen Viertel Mea Shearim
Legende: Die Reduktionen der Kinderzulagen trafen die kinderreichen Charedi hart. Inzwischen gehen immer mehr Männer arbeiten. Thilo Remini

Unter diesen Kürzungen leiden Alleinerziehende besonders: Fast jede vierte alleinerziehende Mutter ist laut Statistiken der israelischen Sozialversicherung arm. Bei den arabisch-israelischen Frauen sind es noch mehr.

Arabische und ultraorthodoxe Familien, sowie Familien mit mehr als vier Kindern sind überrepräsentiert in der armen Bevölkerung.

Text der die Postergrafik beschreibt

Die Palästinenserin Ennaya wohnt mit ihren vier Kindern in einer kleinen Dreizimmer-Wohnung in Haifa. In der Küche sucht sie nach etwas, was sie den Kindern zum Mittagessen auftischen könnte. Vor sechs Jahren bekam sie Brustkrebs, ihr Mann liess sich scheiden, nun ist sie alleinerziehend. Ihre Spitalkosten bezahlt der Staat Israel. Aber zum Leben bekommt sie nur wenig Unterstützung.

«Ein Premierminister mit einem Gewissen»

Ihr Leben sei hart. «Immer, wenn ich mich stärker fühle, gehe ich arbeiten», sagt die 34-jährige Ennaya. Von der Sozialhilfe bekomme sie 4200 Schekel – rund 1200 Franken im Monat. Das reiche kaum fürs Nötigste. Als sie um mehr Kinderzulagen gebeten habe, habe man sie gefragt, warum sie so viele Kinder habe.

Ennaya in ihrer Wochnung, sie schaut aus dem Fenster
Legende: Ennaya, arabische Israelin aus Haifa: Die alleinerziehende Mutter von vier Kindern hat jeden Tag zu kämpfen. Thilo Remini

Solche Fragen empfindet die arabische Israelin als Diskriminierung. Ebenso, dass sie jahrelang um einen Zustupf an ihre Miete kämpfen musste. Sie müsse jeden Tag kämpfen, währendem die Politiker nur für sich schauten: «Wir brauchen einen neuen Premierminister – einen mit einem Gewissen!» In einem Küchenschrank findet sie Toastbrot, im Kühlschrank etwas Käse. Mehr Essen hat sie nicht zu Hause.

Rendez-vous, 27. März 2019

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