Keine deutsche Sternstunde: Warum Sparen nicht immer etwas bringt

Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Doch was sich bei Privaten bewährt, scheint für viele Staatshaushalte nicht zu gelten. Schuldenmachen gehört hier zum guten Ton. Lange galt das auch für Deutschland. Doch ausgerechnet jetzt, wo der Staat den Gürtel enger schnallt, gibt es Kritik.

Haushaltssaldo in Relation zum BIP in Prozent: Bisher hat sich Deutschland dem europaweiten Trend der Verschuldung weitestgehend entziehen können. Doch gelingt das auch in Zukunft?

Es war eine der Nachrichten der letzten Woche: Der deutsche Bundeshaushalt soll 2016 erstmals seit 45 Jahren ohne neue Schulden auskommen.

«Der ausgeglichene Haushalt einer so grossen Wirtschaftsnation wie Deutschland hat auf die EU- und Nachbarstaaten ganz sicher eine Signalwirkung», sagt Henning Vöpel. Für den Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) zeige der deutsche Weg exemplarisch, dass Schuldenmachen nicht der richtige Weg sei und Reformen sich auf lange Sicht auszahlten.

«Für künftige Generationen wird es teurer»

Doch es mehren sich Stimmen – vor allem aus dem Ausland – die fordern, dass Deutschland doch bitte das strikte Sparen künftig unterlassen möge. Rein wissenschaftlich betrachtet gebe es auch dafür gute Gründe, so Vöpel. Denn in Zeiten wie den jetzigen, in denen der Aufschwung sich abschwächt, sollte der Staat eigentlich antizyklisch eingreifen.

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Henning Vöpel

Henning Vöpel

Der deutsche Ökonom und Wirtschaftswissenschaftler studierte und promovierte in Hamburg. Seit 2010 lehrt er als Professor. Im Fokus seiner Forschungen stehen die Konjunkturanalyse, Geld- und Währungspolitik und Finanzmärkte. Seit September 2014 ist er einer von zwei Direktoren des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts.

Deutschland könnte mit Hilfe öffentlicher Investitionen so fit für die Zukunft gemacht werden. «Egal ob Sanierung der Verkehrsinfrastruktur, Investitionen in Bildung oder Ausbau der digitalen Infrastruktur», so Vöpel, «vor dem Hintergrund der aktuell niedrigen Zinsen sollte man das eigentlich jetzt in Angriff nehmen.»

Das man dafür neue Schulden machen muss, ist für den Ökonomen kein Problem. Wäge man das Ganze Für und Wider ab, dann sei klar: «Tätigt man die Investitionen nicht jetzt, werden sie nur auf künftige Generationen abgewälzt und auf jeden Fall teurer.»

«Nur der Staat kann Volkswirtschaft retten»

Sparen oder Verschulden, für den Hamburger Ökonomen stellt sich die Frage so nicht. «Aus meiner Sicht macht eine Schwarze Null im Staatsetat Sinn. Allerdings handelt es sich im Falle Deutschlands um eine reine Symbolpolitik.» Ob man einige wenige Milliarden im Plus oder Minus sei, spiele bei einer Volkswirtschaft dieser Grössenordnung keine entscheidende Rolle.

So absurd es für den Einzelnen klingen mag, aber man spare nicht zwingend durch Ausgabenkürzungen, so Vöpel. Im Gegenteil, «auf lange Sicht kann durch die Steigerung der Ausgaben ein grösserer Einsparungseffekt erzielt werden» – nämlich dann, wenn dadurch das zukünftige Steueraufkommen erhöht werde.

Das in Diskussionen oft gebrachte Argument, der Staat solle sich bei seiner Ausgabenpolitik an Privathaushalten orientieren und nur so viel ausgeben, wie er eingenommen hat, ist aus seiner Sicht falsch. «Ein einzelner Haushalt kann nicht die Volkswirtschaft retten, ein einzelner Staat hingegen schon.» Denn durch fiskal- und steuerpolitische Mittel ist er in der Lage, auf die Wirtschaft Einfluss zu nehmen.

(Sendebezug: SRF4 News, 14.11., 10 Uhr)