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International Kiew: Neue Krawalle statt Kompromisse

Nach gescheiterteten Kompromissgesprächen haben sich Polizei und Demonstranten in der Nacht erneut schwere Auseinandersetzungen geliefert. Oppositionelle umzingelten ein Gebäude der Sicherheitskräfte. Das Kongresszentrum haben sie bereits eingenommen.

Personen mit Stangen vor einem Gebäude
Legende: Sturm auf ein Zentrum der Sicherheitskräfte: Nach gescheiterten Kompromissgesprächen eskalierten die Krawalle in Kiew. Reuters

Bei den Protesten in der ukrainischen Hauptstadt Kiew haben etwa 2000 Demonstranten in der Nacht ein von Sicherheitskräften genutztes Gebäude angegriffen.

Im Innern sollen die Eindringlinge Sprengsätze gezündet haben. «Schande», riefen viele Protestierende, während einige in das Gebäude im Stadtzentrum vordrangen, wie ein Korrespondent berichtete. Die eingeschlossenen Einsatzkräfte setzten Blendgranaten ein. Zahlreiche Fensterscheiben gingen zu Bruch.

Wie die die Vaterlandspartei der inhaftierten Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko mitteilte, haben die Demonstranten inzwischen das Kongresszentrum in der Nähe des Europaplatzes in ihrer Hand. «In den Büros wird Essen und heisser Tee ausgegeben, hier können sich unsere Kampfgenossen aufwärmen», sagte eine Sprecherin der Regierungsgegner. In Kiew herrschte am Sonntagmorgen strenger Frost bei etwa minus 20 Grad.

Oppositioneller für weitere Verhandlungen

Der ukrainische Oppositionspolitiker und frühere Aussenminister Arseni Jazenjuk hat sich unterdessen für weitere Verhandlungen mit der Staatsführung ausgesprochen. «Wir lehnen den Vorschlag (von Präsident Viktor Janukowitsch) nicht ab, aber wir nehmen ihn auch nicht an», sagte Jazenjuk in der Nacht in Kiew, wie die Agentur Interfax meldete.

Legende: Video Opposition lehnt Angebot von Janukowitsch ab abspielen. Laufzeit 1:10 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 26.01.2014.

Die ukrainischen Regierungsgegner hatten zuvor die von der Staatsführung angebotenen Regierungsämter abgelehnt. Unter dem Jubel der Menge forderte Vitali Klitschko Neuwahlen noch in diesem Jahr. Es ist das erklärte Ziel der prowestlichen Opposition, den an Russland orientierten Präsidenten Viktor Janukowitsch abzulösen. Regulär sind Präsidentenwahlen erst für das kommende Jahr geplant.

Auch der frühere Aussenminister Arseni Jazenjuk sprach auf dem Unabhängigkeitsplatz (Maidan) zu den Demonstrierenden: Die Opposition sei bereit, die Regierung zu übernehmen. Dies aber nur, um das Land dann in die Europäische Union zu führen. Seine Bewegung habe keine Angst davor, Verantwortung zu übernehmen. «Aber wir glauben der Staatsmacht kein einziges Wort», rief Jazenjuk, Chef der Vaterlandspartei.

Unterdessen kündigte die Partei des prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch an, einer Änderung umstrittener Gesetze etwa zur Einschränkung des Demonstrationsrechts zustimmen zu wollen. Die Novelle ist eine Hauptforderung der Opposition um Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko.

Janukowitsch taktiert geschickt

Nach den Ausschreitungen der vergangenen Tage hatte der Präsident vorgeschlagen, dass der Regierungskritiker und frühere Aussenminister Arseni Jazenjuk neuer Regierungschef und Klitschko dessen Stellvertreter werden solle.

Nach Ansicht von SRF-Korrespondent Peter Gysling hat Janukowitsch einen geschickten Schachzug gemacht: Eine Annahme der Regierungsämter kam für die Oppositionellen kaum in Frage. Denn damit hätten sie sich bei ihren Anhängern unglaubwürdig gemacht. Betonten sie doch bisher immer, mit der Regierung nichts zu tun haben zu wollen.

Nach der Ablehnung des Angebots kann der ukrainische Präsident ihnen nun aber vorwerfen, sich vor der Regierungsverantwortung zu drücken.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von René Wagner, Möriken
    Der Regierung in der Ukraine gelang mit dem Angebot der Regierungsbeteiligung ein strategisches Meisterstück. Sie wusste genau, dass die Anführer der Demonstranten keine Chance hatten, auf das Angebot einzugehen. Diese wären bei Annahme von den Geistern, die sie riefen, zerfetzt worden. Zu sehr haben sie die Menge mit unrealistischen Maximalforderungen aufgewiegelt und in die Irre geführt. Klitschko wird demnächst feststellen, dass er total versagte. Dafür trägt er die Verantwortung.
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    1. Antwort von E. Waeden, H
      @R. Wagner: Stimme Ihnen zu! Die Verantwortung für diesen Aufstand trägt Klitschko. Nachdem Janukowitsch einen EU-Beitritt abgelehnt hatte, hat er die Menschen aufgewiegelt. Er, ein grosser Freund des Westen, weil er da Millionen verdient hat, will natürlich dahin.
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  • Kommentar von UdoGerschler, Frankenberg
    Molotow-Cocktail auf Polizisten ist versuchter Mord und hat nichts mit Demokratie zu tun.
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Nach meinen eigenen Beobachtungen vor Ort - zugegeben, das ist schon einige Zeit her - geniesst sogar Janukowitsch eine gewisse Popularität, vor allem im russischsprachigen Osten. Solange Klitschko mit dem Anführer der nationalistischen und antisemitischen "Swoboda" gemeinsame Sache macht, bleibt er unglaubwürdig. Zudem habe ich es weltweit nur selten gesehen, dass jemand mit starken Armen und Beinen auch einen starken Kopf zum Regieren hat. Entschuldigung, Leute, aber so ist es.
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    1. Antwort von D. Flückiger, Zürich
      @Stump:War in den letzten 3 Jahren 7 Mal in der Ukraine,hauptsächlich in Donetsk,wo Ihre Aussagen vollkommen zutreffen.Zudem muss man die westliche Berichterstattung relativieren.Klitschko wird als Oppositionsführer dargestellt,was gar nicht zutrifft.Im Land selber ist seine politische Popularität nicht sehr hoch und daher ist das Land auch tief gespalten.Klitschko hofft durch seine Bekanntheit in Europa Punkte zu machen und mit Druck der EU auf Janukowitsch neue Machtverhältnisse zu schaffen!
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    2. Antwort von Albert Planta, Chur
      Wäre die Regierung Janukowitsch eine kompetente, zukunftsweisende Regierung gäbe es nicht mittlerweile in vielen Teilen der Ukraine Aufstände. Es ist ein Unsinn, eine korrupte, inkompetente Regierung mit der Ausrede, es käme sowieso nichts Besseres nach, am Leben zu erhalten. Der Weg zu einem gerechten System ist hart und dornenreich, die Geschichte hat es uns genug bewiesen.
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    3. Antwort von D. Flückiger, Zürich
      @Planta: Leider kann ich Ihre Kommentare nicht ganz verstehen, da Sie meiner Meinung nach wirklich etwas geblendet sind, von der westlichen Berichterstattung. Ich empfehle Ihnen das Land zu besuchen und zwar nicht nur Kiew sondern ebenfalls die östlichen Teile, danach werden Sie Ihre Meinung revidieren und etwas mehr über die gespaltene Meinung im Land erfahren!
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    4. Antwort von Albert Planta, Chur
      Wäre alles i.O. in diesem Land gäbe es vermutlich gar keine Berichterstattung darüber. Z. B. vom nördlichen Nachbar, der auch durch eine Diktatur geknebelt wird hört man so gut wie nichts. Die haben dort (noch) alles im Griff. Ich glaube auch kaum, das die Berichterstattung über die nun schon lange andauernden Demonstrationen und die Toten irgendwie von fremden Kräften organisiert werden. Tatsache ist, dass die Leute in diesem Land darben müssen, ausser sie gehören eben zu den Günstlingen .
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