Kindsmissbrauch: Ein Opfer berät den Papst

Papst Franziskus hat die ersten Mitglieder der Kommission gegen Kindsmissbrauch in der römisch-katholischen Kirche ernannt. Die Hälfte davon sind Frauen – eine von ihnen war selbst Opfer priesterlicher Übergriffe.

Missbrauchsopfer in Deutschland demonstrieren mit blutigen Puppen an einem Kreuz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kindsmissbrauch «im Namen des Herrn»: Opfer fordern vom Vatikan eine öffentliche Aufklärung der Fälle. Keystone

Er werde eine Kommission zum Schutz von Kindern vor pädophilen Priestern ins Leben rufen. Das hatte Papst Franziskus im Dezember angekündigt. Ganze drei Monate später nun gibt er die ersten Mitglieder bekannt und sorgt damit für eine Überraschung: Die Hälfte der acht Experten und Würdenträger sind Frauen.

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Katholische Kirche unter Druck

Seit rund 20 Jahren wird die römisch-katholische Kirche von Fällen des Kindsmissbrauchs erschüttert. Die heftigsten Kontroversen fanden in den USA statt, doch wurden auch in Europa und Australien Fälle bekannt. Dem Vatikan wird Vertuschung vorgeworfen. Er weigere sich, die Fälle öffentlich aufzuklären und die Namen der Täter bekannt zu geben.

Eine von ihnen ist die Irin Marie Collins – selbst ein Opfer. Ein Geistlicher hatte sie als 13-Jährige in den 1960er-Jahren missbraucht. Später setzte sie sich für den Schutz von Kindern ein und versuchte, Missbrauchsopfern pädophiler Kleriker rechtliches Gehör zu verschaffen.

Opfer fordern konkrete Taten

Die US-Opferorganisation Snap begrüsste Collins‘ Berufung zwar. Aber sie betonte auch, der Papst brauche keine weiteren Experten, es reiche, das Schweigen zu brechen und endlich die Namen der schuldigen Bischöfe bekanntzugeben.

«Er hatte über ein Jahr Zeit, um zumindest einen von ihnen des Amtes zu entheben, zu disziplinieren oder ihn öffentlich zu beschuldigen», sagte die Vorsitzende der US-Opferorganisation, Barbara Dorris. Wie seine Vorgänger weigere sich Papst Franziskus auch, diesen einfachen aber entscheidenden Schritt hin zu Gerechtigkeit, Heilung und Prävention zu vollziehen.

Laien und Kleriker erarbeiten Leitfaden

Neben Collins berief der Papst auch den deutschen Jesuiten und Psychologen Hans Zoller in die Kommission, die französische Jugendpsychiaterin Catherine Bonnet, die britische Psychiaterin Baroness Sheila Hollins, die frühere polnische Ministerpräsidentin und Ex-Botschafterin im Vatikan, Hanna Suchocka, sowie der italienische Anwalt Claudio Papale, der argentinische Jesuit Humberto Miguel Yanez, Moraltheologe an der päpstlichen Universität, und Patrick O’Malley, Erzbischof von Boston, wo 2002 der ganze Skandal aufgeflogen war.

Ihre Aufgabe ist es nun, die Statuten der Kommission festzulegen und einen Leitfaden für die Aufklärung über Pädophilie, für die Vorbeugung und die strafrechtliche Ahndung von Übergriffen in der römisch-katholischen Kirche auszuarbeiten.

Kindsmissbrauch in der römisch-katholischen Kirche der Schweiz

März 1998Der ehemalige Pfarrer von
Lumino und Castione im Tessin wird wegen sexuellen Handlungen mit Kindern zu fünf Jahren
Zuchthaus verurteilt.
Mai 1999Der
ehemalige Pfarrer von Chiasso wird nach mehreren Rekursen und Urteils-Revisionen
wegen sexueller Handlungen mit Minderjährigen zu einer bedingten Strafe
verurteilt.
Mai 2000Der Fall eines Priesters wird
publik, der eine Frau bei seelsorgerischen Gesprächen sexuell ausgebeutet
hat. Er wird zu einer bedingten Gefängnisstrafe und einer Busse verurteilt.
Juli 2000Der Pfarrei-Administrator
im zürcherischen Urdorf soll sich vor seinem Priesteramt als Sporttrainer an
Jugendlichen vergangen haben. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes
lässt ihn der Zürcher Weihbischof Henrici unbehelligt.
Juni 2001Ein pädophiler Priester im Kanton Jura erhält drei Monate Zuchthaus wegen Pornographie. Er hat auch sexuelle Kontakte mit Kindern zugegeben. Aber die Delikte sind verjährt.
Januar 2003Der frühere römisch-katholische
Pfarrer von Uznach und Walenstadt erhält wegen Missbrauchs
von Kindern eine Zuchthausstrafe von viereinhalb Jahren.
Bei den Untersuchungen kommen pädophile Übergriffe seines Vorgängers heraus.
Das Bistum St. Gallen setzte daraufhin ein Fachgremium gegen sexuellen Missbrauch ein.
Januar 2008Die römisch-katholische Kirche zeigt zwei Priester in
Freiburg und Genf wegen Verdachts auf Pädophilie
an. Sie gibt zu, lange von den Missbräuchen gewusst, aber die Behörden nicht informiert zu
haben.
ab 2010Die römisch-katholische Kirche der Schweiz führt eine Statistik über Missbrauchsfälle in der Seelsorge ein. Zwischen 2009 und 2012 werden 193 Opfer und 172 Täter gemeldet – die Übergriffe auf Kinder und Frauen ereigneten sich von den frühen 1950er-Jahren bis zur Gegenwart.

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