Als Diana Loginowa zur Welt kam, war Wladimir Putin in Russland bereits seit sieben Jahren an der Macht. Mit 18 Jahren ist sie nun in die Repressionsmaschinerie geraten, die der Präsident über bald drei Jahrzehnte aufgebaut hat.
Grund sind die Lieder, die sie mit ihrer Strassenband Stoptime auf den Gassen Sankt Petersburgs spielte. Es waren Lieder wie «Du bist Soldat» der Sängerin Monetotschka. «Du bist Soldat, und egal in welchem Krieg du kämpfst, ich bin auf der Gegenseite», lautet eine Textzeile.
Musiker als «ausländische Agenten»
Oder Monetotschkas «Das war in Russland», das von Erinnerungen an glückliche Zeiten handelt, die ihr jetzt wie ein halb vergessener Traum vorkommen. Oder Lieder des russischen Rappers Noize MC, der wie Monetotschka für die Behörden als «ausländischer Agent» gilt.
Stoptime in St. Petersburg mit «Das war Russland»
Als Videos von den Auftritten Anfang Oktober im Netz viral gingen, dauerte es nicht lange, bis die Musikgruppe Stoptime verhaftet wurde.
Stetig neue Anklagen und Haftstrafen
In der Folge begann das «Karussell» der Ordnungswidrigkeiten: Die jungen Menschen wurden zuerst wegen «Organisation einer unbewilligten Veranstaltung» zu zwei Wochen Haft verurteilt. Bei ihrer Freilassung wurden sie umgehend wieder festgenommen und wegen «Organisation einer öffentlichen Massenansammlung» für zwei Wochen inhaftiert.
Direkt danach kam die dritte Festnahme, auch wegen einer «Massenansammlung» bei einem anderen Auftritt. Parallel dazu wurde Loginowa «Diskreditierung der russischen Streitkräfte» vorgeworfen.
Offenbar wollten die Behörden ein Exempel statuieren: Bei Stoptimes Auftritten hatten sich jeweils viele, vor allem junge Russinnen und Russen versammelt und bei den verbotenen Texten mitgesungen.
Kritikern drohen Jahre im Gefängnis
Der Fall zeigt, dass es solche Menschen in Russland noch gibt. Doch sie begeben sich in Gefahr: Die Repression trifft nicht nur Leute, die sich exponieren wie Diana Loginowa.
Am Wochenende traf sie etwa die Flugbegleiterin Warwara Wolkowa. Sie erhielt sieben Jahre Gefängnis, weil sie in einem Nachbarschafts-Chat über die Zerstörung in der Ukraine geschrieben hatte.
Vor fünf Tagen forderte die Staatsanwaltschaft vier Jahre Gefängnis für den Unternehmer Dmitri Regusch, weil er knapp 300 Franken an die Organisation von Alexei Nawalny gespendet hatte.
Alexei Kusnezow hatte nur 20 Franken gespendet. Er bekam vor einer Woche drei Jahre Zwangsarbeit.
Es bleibt einzig die Auswanderung
Sicher: Es gibt weniger Russen, die gegen den Krieg sind, als solche, die ihn befürworten oder einfach mitlaufen. Aber es gibt die Kritikerinnen in jeder Region, in jeder Berufsgruppe, in jeder Einkommensklasse. Die Repression trifft nicht alle – aber sie kann jede und jeden treffen.
Die Mitglieder der Band Stoptime wurden am Sonntag nach über einem Monat aus der Haft entlassen. Am Abend kam die Nachricht, Sängerin Diana Loginowa und Gitarrist Alexander Orlow hätten das Land verlassen. Ihr musikalischer Widerstand währte nur kurz.
Loginowa wird ihre Heimat wohl erst wieder betreten, wenn Putin nicht mehr an der Macht ist.