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International Kritische Stimme in Ungarn verstummt

Mit dem Qualitätsblatt verstummt eine der beharrlichsten kritischen Stimmen der ohnehin stark dezimierten freien ungarischen Medienlandschaft. Für das Ende der «Nepszabadsag» werden wirtschaftliche Gründe ins Treffen geführt. Regierungspolitiker freuen sich aber ungeniert.

Titelseite einer ungarischen Zeitung
Legende: Spekulationen ranken sich um die plötzliche Einstellung der regierungskritischen Zeitung. Keystone

Die unabhängige ungarische Traditionszeitung «Nepszabadsag» hat überraschend ihr Erscheinen eingestellt.

Der Eigentümer, die in österreichischem Besitz befindliche Mediaworks AG., begründete die Entscheidung mit den Verlusten, die das Blatt erwirtschafte. Mitarbeiter sprachen von einem «Putsch», der politisch motiviert sei.

Online-Version verschwunden

Die Opposition bezeichnete die Einstellung der Zeitung als «Angriff auf die Pressefreiheit», ein Sprecher der rechts-konservativen Regierung als «autonome Entscheidung eines Medieneigentümers».

Tatsächlich traf die unangekündigte Einstellung des Blattes Mitarbeiter, Leser und Abonnenten aus heiterem Himmel. Die gedruckte Samstag-Ausgabe wurde noch plangemäss ausgeliefert. Die Online-Version verschwand aber am Samstagvormittag ohne weitere Erklärung aus dem Netz.

«Putsch»

Wenig später erschien eine Verlautbarung der Mediaworks AG. «Die Herausgabe der 'Nepszabadsag' in allen ihren Versionen - Print und Online - wird mit dem heutigen Tag bis zur Ausarbeitung beziehungsweise Umsetzung einer neuen Konzeption ausgesetzt», hiess es darin.

Redakteure und Mitarbeiter erhielten Briefe, in denen ihnen mitgeteilt wurde, dass sie unter fortlaufenden Bezügen vom Dienst suspendiert sind. Die Facebook-Seite des Blattes, die bislang unter Kontrolle der Mitarbeiter blieb, schrieb am Samstag von einem «Putsch».

Berichte über Skandale aus dem Umfeld Orbans

Das Blatt hatte in den letzten Monaten immer wieder über Skandale aus dem Umfeld von Regierungschef Viktor Orban berichtet. Unter anderen enthüllten gründlich recherchierte Geschichten die mutmasslichen Interessenskonflikte des Nationalbank-Gouverneurs György Matolcsy - eines engen Orban-Vertrauten - und die teuren Privat-Helikopterflüge von Orbans Kanzleichef Antal Rogan.

Legende: Video Die Propagandamaschinerie in Ungarn ist im vollen Gang abspielen. Laufzeit 04:18 Minuten.
Aus 10vor10 vom 30.09.2016.

Orban, dem Kritiker einen autoritären Herrschaftsstil vorwerfen, dürfte «Nepszabadsag» schon länger im Visier gehabt haben, vermuten Mitarbeiter. «Wir wussten, dass uns nicht mehr viel Zeit bleiben würde», sagte ein Redakteur, der nicht namentlich genannt werden wollte, am Samstag der Nachrichtenagentur dpa. «Aber dass wir am (Freitag-)Abend die Zeitung machen und es am nächsten Morgen aus sein sollte, überstieg unsere Vorstellungskraft.»

«Pecina tut Orban den grossen Gefallen»

Mediaworks gehört zum Firmengeflecht der österreichischen Investmentfirma Vienna Capital Partners (VCP). Die VCP-Tochter besitzt in Ungarn weitere Printmedien, darunter zwölf Regionalzeitungen.

VCP-Chef Heinrich Pecina ist ein Investment-Banker, der seit mehr als zwei Jahrzehnten im ehemals kommunistischen Osteuropa tätig ist. «Pecina tut Orban den grossen Gefallen, dass nach aussen hin alles so aussieht, als hätte die Regierung nichts damit zu tun», sagte der «Nepszabadsag»-Redakteur.

Die Budapester Führung wies in der Tat politische Motive von sich. «Keinesfalls wollen wir gegen die Pressefreiheit auch nur dadurch verstossen, dass wir uns in die Entscheidungen eines Verlagsunternehmens einmischen», erklärte Regierungssprecher Bence Tuzson.

Es war hoch an der Zeit, dass diese Zeitung 'unerwartet' zusperrt
Autor: Szilard NemethVize-Chef der Regierungspartei Fidesz

Der Fidesz-Vize-Vorsitzende Szilard Nemeth meinte allerdings im Nachrichtensender Hir TV: «Es war hoch an der Zeit, dass diese Zeitung 'unerwartet' zusperrt».

Die oppositionelle Ungarische Sozialistische Partei (MSZP), der «Nepszabadsag» früher einmal gehört hatte, sprach von einem «Trauertag für die ungarische Presse». Ein Sprecher der links-liberalen Demokratischen Koalition (DK) meinte: «Die Liquidierung der 'Nepszabadsag' stellt den niederträchtigsten Angriff auf die ungarische Demokratie und die ungarische Pressefreiheit dar.»

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Niklaus Bächler (SVP-Hinterfrager)
    Ungarn zeigt eindrücklich auf,wie sich Rechtspopulismus auf eine Demokratie auswirken kann. Wenn die freie Meinungsäusserung von Journalisten nicht mehr gewährleistet ist,so ist dies das Ende einer Demokratie.Wer nur demagogische Parolen brüllt versenkt die Grundrechte der Bürger.Ungarn ist zum Symbol einer ausländerfeindlichen Rechtsdiktatur verkommen.Dies sollte uns eine Warnung sein,diesen gefährlichen Weg mit allen Mitteln in unserer CH zu unterbinden.Auch wir sind gefährdet,schleichend!
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    1. Antwort von m. mitulla (m.mitulla)
      Der Besitzer hat den Druck eingestellt, weil die Zeitung zu wenige Leser gefunden hat und ein Verlustgeschäft war. Das ist private Marktwirtschaft - mit allen Vor- und Nachteilen. Mit Zeitungen wird heute nicht mehr das grosse Geld gemacht, insbesondere dann nicht, wenn Werbeeinnahmen fehlen.
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  • Kommentar von Martin Meier (M.Meier)
    @SRF Redaktion: Warum wieder die Einseitigkeit im Titel? Sie hätten auch einfach "Ehemaliges Sprachrohr der kommunistischen Partei Ungars schliesst seine Redaktion" titeln können. Sie verzerren ganz bewusst die Diskussion und hetzen gegen ein Land und eine Regierung, obwohl Sie aufgrund Ihrer Monopolstellung zu Neutralität verpflichtet sind!
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  • Kommentar von Lutz Bernhardt (lb)
    Man muss wissen, «Nepszabadsag» ist das Pendant zu "neues deutschland" in der DDR und nun in der Bundesrepublik. "Neues Deutschland" war in der DDR "Organ des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands". Seine Leserschar ist stetig am Sinken, wohl weil mehr und mehr Altkommunisten mittlerweile eines natürlichen Todes sterben. «Nepszabadsag» macht parallel die gleiche Entwicklung durch. Orban hätte es niemals notwendig, da einzugreifen, und hat es ja wohl auch nicht getan.
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    1. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Genau! Ergänzend muss man noch erwähnen, dass die Postkommunisten, die auf dem politischen Parkett nach der Wende aufzufinden waren, innert kürzester Zeit von der Spitzenpolitik aussortiert worden sind. "Sozialist" ist bis heute fast ein Synonym zum ehemaligen "Kommunist" und somit verhasst in Ungarn.
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