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International Labour-Chef Corbyn verliert Misstrauensabstimmung

Die Labour-Abgeordneten im britischen Unterhaus haben ihrem Parteichef Jeremy Corbyn das Misstrauen ausgesprochen. Der rechte Parteiflügel wirft ihm vor, mit einem lauwarmen Abstimmungskampf zum Brexit beigetragen zu haben.

Legende: Video Labour-Chef Jeremy Corbyn unter Druck abspielen. Laufzeit 1:04 Minuten.
Aus Tagesschau vom 28.06.2016.

Die Labour-Abgeordneten im britischen Unterhaus haben ihrem Parteichef Jeremy Corbyn das Misstrauen ausgesprochen. Der Entscheid fiel mit 172 zu 40 Stimmen.

Legende: Video Urs Gredig zu den Konsequenzen für Corbyn abspielen. Laufzeit 1:56 Minuten.
Aus Tagesschau vom 28.06.2016.

Das Misstrauensvotum hat aber keine unmittelbaren Konsequenzen: Der 67-jährige Corbyn will nicht zurücktreten. In einer schriftlichen Erklärung schrieb er: «Ich wurde von 60 Prozent unserer Parteimitglieder und Unterstützer demokratisch gewählt, um eine neue Politik zu machen. Ich werde sie nicht durch einen Rücktritt verraten.» Zudem habe das Votum der Abgeordneten keine rechtliche Grundlage.

An der Parteibasis ist Corbyn sehr beliebt, hat aber wenig Verbündete im Parlament. Er hat bereits erklärt, dass er wieder kandidiert, wenn es eine Neuwahl für den Vorsitz der sozialdemokratischen Labour-Partei geben sollte.

Kritik wegen Brexit-Referendum

Corbyn steht wegen seines Verhaltens im Vorfeld des Brexit-Referendums in der Kritik, bei dem sich eine Mehrheit der Briten in der vergangenen Woche für ein Ausscheiden aus der EU ausgesprochen hat.

Nach dem Referendum hatte eine Vielzahl von Labour-Spitzenkräften aus Protest gegen Corbyn das Handtuch geworfen. Der Parteichef verlor innerhalb weniger Tage mehr als die Hälfte der Mitglieder seines «Schattenkabinetts». Dieses bezeichnet eine von der Oppositionspartei zusammengestellte «Mannschaft», die im Falle eines erfolgreichen Wahlausgangs das Regierungskabinett bilden soll.

Vertreter des rechten Parteiflügels werfen Corbyn vor, nur halbherzig für den Verbleib geworben und damit viele Wähler aus dem eigenen Lager nicht überzeugt zu haben. Die Parteilinken sprachen von einem seit längerem geplanten Coup gegen Corbyn.

«Eine Tragödie für die britische Demokratie»

SRF-Grossbritannien-Korrespondent Martin Alioth: «Weniger als ein Jahr nach der triumphalen Wahl Corbyns wird die Parteibasis neu entscheiden müssen. Ob Corbyn selbst auf dem Stimmzettel stehen wird, ist noch umstritten. Sollte er es schaffen, geht man davon aus, dass er durchaus wiedergewählt werden könnte – auch wenn es seit dem Brexit Anzeichen gibt, dass sich auch die Basis von Corbyn entfremdet. Dies wohl auch in der Einsicht, dass man mit ihm keine Wahl gewinnen kann. Es ist wohl eine Tragödie für die britische Demokratie: Die konservative Regierung kratzt sich gegenseitig die Augen aus, wer denn Premierminister werden solle; da bräuchte das Land eine Alternative. Labour hat aber noch nicht skizziert, was die Partei in Brüssel verlangen würde. Und so sind die Säulen der britischen Demokratie nur mit sich selbst beschäftigt und lassen die EU im luftleeren Raum hängen.»

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Mir scheint es gerade mal so zu sein, dass man GB nur sehr oberflächlich kennt und all zu sehr mit Kontinental-Europäischen Augen betrachtet. Mir scheint vor allem auch offensichtlich, das diese, fast möchte ich sagen, deutsche Betrachungsweise, der Sache nicht gerecht werden kann. Es greift einfach zu kurz, die Briten nur noch als Fremdenfeindliche hinstellen zu wollen.
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  • Kommentar von Fabio Krauss (FabioK)
    Hmm, wenn man die "Misstrauensabstimmung verliert", hat man dann nicht folglich die "Vertrauensabstimmung gewonnen"? ;-) Habe den Artikel nicht fertig gelesen, aber fand das irgendwie witzig... :-)
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  • Kommentar von Sebastian Frey (Sebastian Frey)
    Richard Seymour (GBR Politologe) spricht von Putsch gegen J.Corbyn, Motiv nicht Brexit sondern; "Corbyn vor dem 6.Juli von Parteispitze zu entfernen, denn dort wird der Chilcot-Report (Irak-Kriegsverbrechen-BlairRegierung) veröffentlicht und Corbyn hat angekündet Klage gegen Blair einzureichen." (Auch sehr interessant wer die Leute sind, die gegen ihren eigenen ParteiChef opponieren!)
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