Mehr Meer! Staatliche Ansprüche auf Territorien in Ozeantiefen

Rund um den Globus spielt sich derzeit die grösste Landnahme der Menschheitsgeschichte ab. Warum sie uns nicht vor Augen steht? Sie findet nicht an der Erdoberfläche statt, sondern vollzieht sich knapp unter dem Meeresspiegel.

Die Schätze liegen (auch) unter der Wasseroberfläche. Im Bild die Lady-Elliott-INsel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Schätze liegen (auch) unter der Wasseroberfläche. Im Bild die Lady-Elliott-Insel. Reuters

Auf der ganzen Welt zanken sich derzeit Küstenstaaten um den Ozeanboden. In einer Reportage hat der Fernsehsender Arte den Territorialkampf als gewaltiges «Monopoly der Weltmeere» erfasst. Die wichtigsten Punkte im Überblick.

Die Geschichte

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Festlandsockel/Schelf

Festlandsockel, Schelf oder Kontinentalschelf nennen Geologen den randlichen Bereich eines Kontinents, der vom Meer bedeckt ist. Als nur leicht seewärts geneigte Plattform liegt der Festlandsockel bis 200 Meter unter dem Meeresspiegel. An den Kontinentalfuss, dem äussersten Teil des Sockels, schliesst die Tiefsee an.

Vor 1492 hat das Meer für den Menschen buchstäblich nur am Rande Bedeutung: Der Ozean fasst die Erde ein und interessiert nur insoweit, als er die Grenze zum jenseitigen Garten Eden markiert. Mit der Entdeckung Amerikas gewinnt die See dann aber ein wirtschaftliches Gewicht: Meere zu beherrschen heisst Handelswege kontrollieren und also profitable Geschäfte machen. Die Verlegung eines transatlantischen Kabels macht 1858 schliesslich – wörtlich – die Tiefe des Ozeans bewusst. Und wo sich der Meeresboden in Berge und Täler faltet, rechnet der Mensch fortan auch mit wertvollen Bodenschätzen.

Das Beispiel

Harry Truman, 33. Präsident von Amerika, erfährt nach dem Zweiten Weltkrieg von gewaltigen Erdölvorräten im Golf von Mexiko. Um der internationalen Gemeinschaft plausibel zu machen, dass diese Vorräte den USA gehören, bringt Truman ein geologisches Argument ins Spiel: Zum Festland würde ein Festlandsockel gehören, auf den die USA Anspruch hätten. Dabei spielt ihm die Theorie der kontinentalen Drift in die Hände. Das amerikanische Land endet nicht am Ufer, sondern setzt sich in den ins Meer verlaufenden Abbruchkanten fort.

Die Übereinkunft

Da nach den USA nun auch andere Staaten Schelfgebiete beanspruchen, wächst der Bedarf nach einem internationalen Gesetz. Dieses folgt 1982 in Form des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen (UNCLOS) und beeinhaltet eine juristische Definition des Festlandsockels als ausschliesslicher Wirtschaftszone. Die Länder mit geohistorischen Vorteilen respektive grösseren Kontinentalschelfen bringen indes einen Zusatzartikel durch: Die Wirtschaftszonen reichen nicht notwendig 200 Seemeilen ins Meer hinaus. Sie können sich auch so weit erstrecken, wie sie die Staaten als ihre Sockel vermessen haben. Voraussetzung für die Anerkennung ihrer territorialen Ansprüche: Die Nationen müssen vor der 'Festlandsockel-Begrenzungs-Kommission' geologisch nachweisen, dass ihr Land tatsächlich bis zum angegebenen Punkt in die See reicht – bevor es dann abrupt in die ozeanischen Tiefen abfällt.

Die Akteure

Mittlerweile buhlen diverse Staaten um den Ozeanboden, darunter Argentinien und Chile, Dänemark und Kanada, Japan und China. Welcher Staat wie viel Land unter Wasser bekommt, entscheidet die Festlandsockel-Begrenzungs-Kommission. Sie zählt 24 Mitglieder, die je von der UNO gewählt werden. Bei der Verteilung der maritimen Wirtschaftszonen mischt auch die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) mit. Sie verwaltet Bodenschätze ausserhalb nationaler Hoheitsgebiete als 'gemeinsames Erbe der Menschheit' – derart, dass ein Abbau allen Ländern, auch denjenigen ohne Meereszugang, zugute kommt. Wo die Fronten schon verhärtet sind – wie im südchinesischen Meer – kann der Ständige Schiedshof Empfehlungen abgeben. Im Zwist um Atolle zwischen China, Vietnam, Malaysia und den Philippinen beurteilen die Richter in Den Haag, ob es sich bei den chinesischen Gebietsansprüchen tatsächlich um Inseln handelt, wie Peking sagt, oder um Felsen, wie Manila meint. Von Felsen würde kein Anspruch auf die umliegenden Territorialgewässer ausgehen.

Die Schelfplattform (Festlandsockel) ist wegen der Bodenschätze wirtschaftlich interessant. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Schelfplattform (Festlandsockel) ist wegen der Bodenschätze wirtschaftlich interessant. wikipedia/gretarsson

Die Schätze

Diverse Schätze schlummern in den Meerestiefen: nebst Fischbeständen Bodenschätze wie Gas, Öl, Schwefel, Metalle, Petroleum. Ferner mögen gerade auch die Inseln – die rundherum auf Sockeln ruhen – den Staaten die Möglichkeit bieten, sich in strategisch wichtigen Regionen wirtschaftlich und militärisch in Stellung zu bringen.

Der Wert

Gut drei Viertel der Erdoberfläche sind durch Meere bedeckt. Fast 40 Prozent davon fallen auf die juristischen Festlandsockel. Und die Forderungen auf mehr Land, die derzeitig hängig sind, machen weitere 10 Prozent der Weltmeere aus. Gemäss Expertenschätzungen könnten am Ende 57 Prozent des Ozeangrundes von Küstenstaaten in Besitz genommen worden sein. Der Wert der dabei entstehenden Wirtschaftszonen ist astronomisch: Etwa 12'000 Billionen Dollar an Ressourcen könnten sich in den Kontinentalschelfen befinden.

Die Probleme

Rivalitäten um ressourcenreiche Schelfen schwelen auf allen Erdteilen. An das Seerechts-Regime fühlen sich nicht alle Nationen gebunden. Einige haben das Übereinkommen nicht ratifiziert (Türkei und USA), andere halten in ihrer Praxis an Vorstufen des Kontraktes fest. Diverse Probleme bestehen zudem in der Festlandsockel-Begrenzungs-Kommission. Zunächst stammen 19 der 24 Mitglieder aus Nationen, die selbst Meeresboden-Territorien beanspruchen. Ferner operieren sie mit Daten von Ölförderkonzernen, die sie zur Geheimhaltung und Intransparenz verpflichten. Weiter werden sie in der Prüfung wissenschaftlicher Daten nicht kontrolliert, so dass ihre Empfehlungen bei der Landverteilung de facto Entscheidungen sind. Schliesslich sind die Folgen einer systematischen Bewirtschaftung des Meeresbodens für das Ökosystem schlicht nicht absehbar.

Die Strategien

Einige Länder, allen voran das Kolonialland Frankreich, nennen unzählige Inseln aufgrund historischer Zusammenhänge ihr eigen. Andere setzen bei der Landnahme auf Biologie. Japan etwa fürchtet, mit dem Absinken des Atolls Okinotorishima in der Philippinensee die Hoheit über einen Festlandsockel zu verlieren. Deswegen züchtet das Land Korallen, die, versteinert, die Insel tragen und gar vergrössern sollen.

Zwist im Südchinesischen Meer – ein Streit zwischen Grossmächten

Zwist im Südchinesischen Meer – ein Streit zwischen Grossmächten
Nach dem Urteil des Schiedshofs in Den Haag zuungunsten Pekings könnte sich der Konflikt in der Region noch einmal verschärfen. Laut Pascal Abb, Research Fellow am GIGA Institut für Asien-Studien in Hamburg, «hat China als politische und militärische Grossmacht die Möglichkeit, Fakten zu schaffen.» Dies entfalte eine prekäre Wechselwirkung mit den USA, die sich in der Region ebenfalls in Stellung gebracht hätten und den chinesischen Anspruch auf die Meere nicht anerkennen wollten. «Zwar will niemand in der Region Krieg», so Abb, «aber wenn die beiden Grossmächte vor Ort aufrüsten, können Zwischenfälle eskalieren, ohne dass dies jemand gewollt hätte.»

Laut Abb ist der heute um ein Kapitel reichere Konflikt zwischen China und den Philippinen der prominenteste Fall im Streit um maritime Territorien. Der Zwist zwischen Peking und Tokio sei aber noch etwas ernster. Hier habe China bereits Massnahmen wie die Einrichtung einer Luftverteidigungszone ergriffen, die wiederum von Japan und den USA nicht anerkannt werde.

Wirtschaftliche Interessen seien für die Streitereien im chinesischen Meer vielleicht gar nicht der massgebliche Grund, vermutet Abb. Wohl sei die Fischerei von Bedeutung. Doch die Inseln seien auch Projektionsflächen für nationales Prestige. «In der chinesischen Öffentlichkeit werden die Territorialkonflikte oft im Kontext historischer Demütigungen durch ausländische Kolonialmächte wahrgenommen. Parolen, dass diese 'von alters her chinesisches Territorium' seien, lösen entsprechende Bedürfnisse aus, diese Territorien im Rahmen des Wiederaufstiegs zur alten Grösse auch zurückzugewinnen, (...).» Dabei, so Abb, spiele die Erwartungshaltung im Volk eine zentrale Rolle. «Die Chinesen mögen sich fragen: Wie kann China die Grossmacht sein, als die sie sich gibt, wenn es seine territorialen Ansprüche nicht durchsetzen kann?»

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