Erpresstes Geständnis in China Mit Kunst und Hartnäckigkeit der Hinrichtung entkommen

Liu Renwang wurde zum Tode verurteilt, weil er unter Peinigung einen Mord gestand. Am Ende wurde er freigesprochen. Eine Entschuldigung blieb aber bis heute aus. Doch er gibt nicht auf.

In der Provinz Shanxi wurde ein Beamter ermordet. Der Verdacht fiel auf den Lastwagenchauffeur Liu Renwang. Er wurde verhaftet - und über zwei Monate gefoltert: In einen Metallkäfig gesperrt, nur die Hände und der Kopf schauen heraus, überschütteten die Beamten ihn immer wieder mit heissem Wasser. Sie hängten ihn an den Armen auf, schlugen ihn oder steckten ihm Stäbchen ins Ohr.

Nach zwei Monaten gab Liu Renwang auf - und gestand den Mord. Einen Anwalt durfte er zu seiner Verteidigung nicht beziehen. So wurde Liu Renwang zum Tod verurteilt. Mit Hilfe seiner Schwester in Peking zog er den Fall weiter; in zweiter Instanz wurde er zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt. Nach fünf Jahren wurde er entlassen; die dritte Instanz sprach ihn frei.

Doch die Schäden, die Liu Renwang davongetragen hat, sind so gravierend, dass er nicht mehr arbeiten kann. Er liess die Folterungen anhand seiner Schilderungen von einem Künstler zeichnen. Die Bilder veröffentlichte er auf sozialen Medien. In der Folge erhielt Liu Renwang von der Regierung eine Entschädigung von umgerechnet 70'000 Franken.

Viel Geld, aber nicht genug, um die Anwaltskosten zu bezahlen, und noch viel weniger, um die Qualen aufzuwiegen. Doch Liu Renwang möchte vor allem eine Entschuldigung und, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden: sowohl die Mörder des Beamten, wie auch seine eigenen Peiniger. Doch von diesen Zielen ist Liu Renwang noch weit entfernt.

Einschätzungen von China-Korrespondent Martin Aldrovandi

Einschätzungen von China-Korrespondent Martin Aldrovandi
Liu Renwang hatte Glück. Er konnte sich wehren. Zahlen dazu, wie vielen Menschen das in China gelingt, gibt es nicht – obwohl Renwang auch kein Einzelfall ist. Ihm hat die Aufmerksamkeit geholfen. Die Bilder der Foltermethoden haben China erschüttert. Oft kommen aber Fälle nicht an die Öffentlichkeit, weil sie von den lokalen Behörden vertuscht werden. Es gibt nicht viele Möglichkeiten, sich gegen chinesische Behördenwillkür zu wehren.

China ist derzeit dabei, seine Justiz zu reformieren. Bis man aber so weit ist, dass die Bevölkerung vor solchen willkürlichen Verhaftungen geschützt wird, dauert es noch lange. Momentan geht es darum, die Justiz und die Gerichte zu modernisieren und transparenter zu machen. In vielen Städten werden deswegen Verhandlungen im Internet übertragen. Das gilt aber vor allem für Grossstädte und urbane Orte und nicht für ländliche Gebiete.

Auch hat die Zentralregierung schon klar gemacht, dass die Reform nicht bedeutet, dass es in China eine Gewaltentrennung im westlichen Sinne geben wird. Die Partei wird auch weiterhin klar über dem Recht stehen.