Doping in Russland Moskau sucht offenbar den Neuanfang

Eine russische Anti-Doping-Funktionärin gibt das systematische Doping im Land zu. Doch Putin soll davon nichts gewusst haben.

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Russisches Doping-Geständnis mit Dementi

3:52 min, aus Tagesschau vom 28.12.2016
  • In einem Interview mit der «New York Times» sagte die Chefin der russischen Anti-Doping-Agentur, es habe eine «institutionelle Verschwörung» gegeben.
  • Das ist neu: Bislang gab Russland immer den erwischten Sportlern die Schuld.
  • Russland suche wohl einen Neuanfang, sagt SRF-Korrespondent David Nauer.
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David Nauer

David Nauer

David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

SRF News: Was bedeutet die Aussage, es habe eine «institutionelle Verschwörung» gegeben?

David Nauer, Moskau: Russland hat immer zugegeben, dass es ein Doping-Problem gibt im Land. Es hat aber immer geheissen, das seien Einzelfälle. Man schob die Schuld also den einzelnen Sportlern zu. Jetzt gibt erstmals eine hohe Funktionärin zu, dass es organisiertes Doping gab, in das staatliche Organisationen verwickelt waren. Konkret sind dies die russische Anti-Doping-Agentur Rusada und der russische Geheimdienst. Dieses organisierte Doping wäre dann wohl die erwähnte «institutionelle Verschwörung».

Putin in Grossaufnahme, er klatscht in die Hände. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Putin in Sotschi 2014. Von den russischen Doping-Machenschaften soll er nichts gewusst haben. Getty Images Archiv

Wie glaubwürdig sind die Aussagen der Chefin der russischen Anti-Doping-Agentur?

Sie sind grundsätzlich sehr glaubwürdig. Anna Anzeliowitsch gibt zu, was Russland gar nicht mehr abstreiten konnte. Die Beweise für organisiertes Doping in Russland sind ja wirklich erdrückend. Daher ist dieses Geständnis eine Art Vorwärtsverteidigung. Anzeliowitsch geht es wohl darum, die Glaubwürdigkeit des russischen Sports wieder herzustellen. Das geht aber nur, indem man reinen Tisch mit der schmutzigen Vergangenheit macht. Auffallend ist dabei, wie sie versucht, den Kreml aus der Schusslinie zu nehmen. Sie behauptet, die Regierung von Wladimir Putin habe von all dem nichts gewusst.

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Dementi aus Moskau

Die russische Anti-Doping-Agentur hat sich zu Anzeliowitschs Geständnis vernehmen lassen – und ihre Aussagen dementiert. Diese seien verfälscht und aus dem Zusammenhang gerissen worden, teilte die Rusada laut der Nachrichtenagentur Tass mit. Für Korrespondent Nauer ist das Dementi vor allem als Botschaft an die russischen Bürger zu verstehen.

Kann das wirklich sein?

Es ist tatsächlich schwer vorzustellen, dass der Kreml nichts von dem Doping-Programm wusste. Für Präsident Putin ist der Spitzensport eine Sache des nationalen Stolzes und Russland hat Milliarden in sportliche Grossanlässe wie die Olympischen Winterspiele von Sotschi 2014 investiert. Zudem gibt es starke Hinweise, dass mindestens der ehemalige Sportminister Vitali Mutko in das Doping-Programm verwickelt war. Allerdings kommt es in Russland immer wieder vor, dass Leute in der unteren Hierarchie tricksen und betrügen, um Resultate zu bekommen, die dem Kreml gefallen. Deshalb ist es auch im vorliegenden Fall nicht auszuschliessen, dass Sportfunktionäre das ganze Doping-System aufbauten, um die Medaillen zu liefern, die Putin verlangte. Wie es genau war, lässt sich im Moment nicht sagen.

Müssen die Verantwortlichen des russischen Dopings die alleinige Schuld auf sich nehmen – und werden nun quasi aufs Schafott geführt?

Es sieht tatsächlich danach aus, dass Russland nun versucht, Schuldige zu finden, diese abzustrafen und dann quasi einen Neuanfang zu machen. Es geht ja darum, die Glaubwürdigkeit des russischen Sports wiederherzustellen. Dabei ist Russland gar nicht in einer so schlechten Position: Der Hauptschuldige ist identifiziert – es ist der ehemalige Chef der Anti-Doping-Agentur Grigori Rodschenkow. Er ist in die USA geflüchtet und hat dort sehr freimütig zugegeben, dass er ein staatliches Doping-System in Russland organisiert habe. Für die Doping-Bekämpfer ist er quasi der Kronzeuge, der Russlands Machenschaften aufgedeckt hat. Für Russland ist er der ideale Sündenbock.

Russland leidet unter dem Dopingskandal

Die Folgen des Dopingskandals sind für Russland – und sein Image – durchaus spürbar: Die Bob- und Skeleton-WM 2017, die Biathlon WM der Junioren 2017 sowie die Weltcup-Finals im Langlauf und im Eisschnellauf 2017 werden nicht wie vorgesehen in Russland stattfinden. Ausserdem nimmt der Druck auf die russischen Sportler und Funktionäre weiter zu. Auch wird das Land wohl weitere, bereits zugesagte Events verlieren. Ein separates Züglein dürfte allerdings die Fifa fahren, wie SRF-Sportredaktor Marcel Melcher sagt. So dürften der Confed-Cup 2017 und die Fussball-WM 2018 trotz allem in Russland stattfinden.

Wie ernst ist es Russland tatsächlich mit dem Aufräumen?

Russland will seinen Sport wohl schon ernsthaft sauberer machen. Denn einerseits soll das Image wiederhergestellt werden und andererseits steht das Land nun unter besonderer Beobachtung. Doch man kann kein richtiges Schuldbewusstsein feststellen – das sieht man auch am Dementi der Rusada [siehe Kästchen]. Auch heute noch erklären Sportfunktionäre, westliche Sportler würden ebenfalls dopen, man nehme sie einfach nicht so hart dran wie die Russen. Man sieht den ganzen Doping-Skandal also weniger als eigenes Versagen, sondern eher als Verschwörung gegen Russland.

Das Gespräch führte Simon Leu.

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