Mursis Gegner ignorieren die Ausgangssperre

Seit drei Tagen gilt in mehreren ägyptischen Städten der Ausnahmezustand – die wütenden Proteste aber hören nicht auf. Auch am Abend gingen in Port Said, Ismailia und in Suez wieder Gegner von Präsident Mursi auf die Strasse. Der rief die Opposition zum Dialog auf, kassierte aber eine Abfuhr.

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Wird aus Ägypten ein zweiter Irak?

2:23 min, aus 10vor10 vom 28.1.2013

In Ägypten ist kein Ende der Krawalle in Sicht. In mehreren Städten kam es am späten Abend erneut zu schweren Auseinandersetzungen – trotz Ausgangssperre. In Port Said, Ismailia und und Suez waren nach Augenzeugenberichten Hunderte Demonstranten unterwegs.

Zweifel an Ernsthaftigkeit der Gespräche

Sie riefen «Nieder mit Mohammed Mursi, weg mit dem Ausnahmezustand». Bei Zusammenstössen mit der Polizei wurde laut Medienberichten in Port Said eine Person getötet. Mehrere Demonstranten seien verletzt und eine Polizeiwache gestürmt worden.

Polizisten und Demonstranten in kairo geraten aneinander. (reuters) Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die einen werfen Steine, die anderen Tränengas-Granaten. Bei den Krawallen sind bereits 50 Menschen getötet worden. Reuters

Präsident Mursi hatte in einer TV-Ansprache seinen Gegnern Gespräche angeboten. Laut ARD-Korrespondent Jürgen Stryjak glauben diese aber nicht an die Ernsthaftigkeit von Mursis Absichten. Mursi müsse zuerst die Verantwortung für das Blutvergiessen übernehmen – doch dies sei unwahrscheinlich, da Mursi und die Muslimbrüder die Demonstranten als Kriminelle und Rowdies sehe.

Mehr Vollmachten für die Polizei

Präsident Mursi hatte am Sonntag – nach mehrtägigen Protesten – für die drei Städte den Ausnahmezustand verhängt. Er soll zudem einen Gesetzentwurf der Regierung gutgeheissen haben, der der Armee weitreichende Vollmachten verleihen soll. Die Soldaten sollen künftig Zivilisten festnehmen und auch andere Polizeiaufgaben übernehmen dürfen.

Inzwischen habe sich neben den Anhängern Mursis und der Opposition noch eine dritte Gruppe gebildet, so Jürgen Stryjak. Dieser sei die Opposition zu wenig stark, um Mursi und den Muslimbrüdern die Stirn zu bieten. Ihre Wut entlade sich jetzt.

Demonstrierende Menge steht vor brennendem Auto der Sicherheitskräfte in Kairo. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auto der Sicherheitskräfte in Brand: Demonstranten in Kairo missachten die nächtliche Ausgangssperre. Keystone

Erinnerungen an Mubarak-Zeiten

Die Gewalt war am vergangenen Donnerstag, dem zweiten Jahrestag der Revolution gegen den damaligen Präsidenten Hosni Mubarak, aufgeflammt. Viele Gegner Mursis nahmen dies zum Anlass, ihren Ärger über den neuen Präsidenten und die bei den Parlamentswahlen siegreichen islamistischen Muslimbrüder Luft zu machen. Sie werfen ihnen vor, die Ziele der Revolution von 2011 zu verraten und Ägypten auf Kosten weltlicher Kräfte dominieren zu wollen.
   
Bestätigt sehen sie sich durch die neue Verfassung, die deutlich islamistische Züge trägt. Auch die neuen Befugnisse für Streitkräfte weckten bei vielen Ägyptern Erinnerungen an die drei Jahrzehnte unter Mubarak.