Neuer Doping-Skandal erschüttert Leichtathletik-Welt

In drei Wochen kämpfen die Leichtathleten in Peking um WM-Medaillen. Im Vorfeld werfen neue Doping-Gerüchte einen dunklen Schatten über die Leichtathletik-Szene. Medienberichten zufolge sind Hunderte Blutproben der Jahre 2001-2012 verdächtig. Der zuständige Weltverband IAAF steht nun unter Druck.

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Gedopte Olympiasieger? Leichtathletik droht neuer Doping-Skandal

1:50 min, aus Tagesschau vom 2.8.2015
  • IAAF bestätigt Echtheit der Blutproben
  • Verdächtige Blutwerte bei 146 Medaillengewinnern
  • Grösste Verdachtsmomente bei Sportlern aus Russland und Kenia

Fast 150 fragwürdige Olympia- und WM-Medaillen, über 800 verdächtige Blutproben sowie weitere Doping-Anschuldigungen gegen Russland und Kenia: Neue Enthüllungen einer ARD-Dokumentation erschüttern drei Wochen vor der WM in Peking die internationale Leichtathletik und bringen den Weltverband IAAF in Erklärungsnot.

12'000 Blutproben

Das Kernstück der Dokumentation «Geheimsache Doping, im Schattenreich der Leichtathletik» ist eine Datenbank von über 12.000 Blutproben, die vom IAAF stammen soll. Nach Meinung zweier führender Experten gebe es bei einem Siebtel der Proben Hinweise auf Doping. Ein echter Beweis sei dies allerdings nicht.

Der IAAF hat unterdessen die Echtheit der betreffenden Blutwerte-Datenbank bestätigt. «Die Behauptungen» des Fernsehteams basieren zum grössten Teil auf «privaten und medizinisch vertraulichen Daten, die ohne Zustimmung weitergegeben worden sind», hiess es in einer Stellungnahme der IAAF.

Viele Medaillengewinner unter Verdacht

Nach Analyse der Datenbank könnte ein Drittel aller Medaillen in Ausdauersportarten bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen von 2001 bis 2012 von Sportlern mit verdächtigen Blutwerten gewonnen worden sein. Insgesamt 146, davon 55-mal Gold. «Nur gegen ein Drittel von ihnen läuft ein Verfahren oder sie sind bereits gesperrt. Die restlichen zwei Drittel sind nie überführt worden», hiess es in einer Mitteilung der ARD.

Wada-Präsident Craig Reedie Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wada-Präsident Craig Reedie erklärt, dass seine Anti-Dopingagentur «tief erschüttert» sei. Keystone

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), die bereits die Anschuldigungen aus einer ARD-Dokumentation im vergangenen Dezember untersucht, zeigte sich nach den neuen Erkenntnisse alarmiert. «Die Wada ist sehr beunruhigt über die neuen Anschuldigungen. Dies wird erneut das Fundament eines jeden sauberen Athleten weltweit erschüttern», sagte Präsident Craig Reedie.

«Wir haben volles Vertrauen in die Wada», erklärte der Sprecher des Internationalen Olympischen-Komitees, Mark Adams: «Es ist Sache der Kommission, die Details der Vorwürfe zu untersuchen.» Die Veröffentlichung des Abschlussberichts der unabhängigen Wada-Kommission wird sich voraussichtlich bis zum Ende des Jahres verzögern.

«  Die Werte in der Datenbank lassen aus meiner Sicht keinen Zweifel daran zu, dass die Ausdauerdisziplinen bei Weltmeisterschaften und Olympia von Blutdoping durchsetzt waren »

Michael Ashenden
Doping-Experte

Doping-Experte Michael Ashenden aus Australien bewertet die verdächtigen Blutproben eindeutig. «Die Werte in der Datenbank lassen aus meiner Sicht keinen Zweifel daran zu, dass die Ausdauerdisziplinen bei Weltmeisterschaften und Olympia von Blutdoping durchsetzt waren», sagt er. «Ich habe niemals so alarmierende, unnormale Blutwerte gesehen», sagte der australische Anti-Doping-Experte Robin Parisotto, der mit Ashenden die Daten statistisch ausgewertet hat.

Der britische Langstrecken-Olympiasieger Mo Farah und Sprinter Usain Bolt aus Jamaika sollen nicht zu den verdächtigen Athleten zählen. Die IAAF teilte auf ARD-Anfrage mit, ohne genaue Kenntnis des Datensatzes könne man die Ergebnisse nicht kommentieren, und verwahrte sich gegen den Vorwurf, nicht genug unternommen zu haben.

Bereits im vergangenen Dezember hatte eine ARD-Dokumentation über systematisches Doping und Korruption im russischen Sport weltweit für Aufsehen gesorgt. In einer ihr zugeordneten Tonband-Aufnahme soll 800-m-Olympiasiegerin Maria Sawinowa die Einnahme von Wachstumshormonen zugeben.

Die Kenianerin Rito Jeptoo auf den Knien mit erhobenen Händen nach dem Sieg beim Boston-Marathon 2014 Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Rito Jeptoo aus Kenia hat 2014 den Boston-Marathon gewonnen. Nun ist sie wegen Dopings gesperrt. Keystone

Wie genau kontrolliert Kenia?

In Kenia zeigte die Reportage auf, dass auch dort Dopingmittel einfach zu beschaffen seien. Die inzwischen wegen Dopings gesperrte Läuferin Rito Jeptoo, Gewinnerin des Boston-Marathons, berichtete zudem offen über den mangelhaften Anti-Doping-Kampf in ihrem Heimatland.

«Ich habe seit 2006 nicht einmal in Kenia einen Bluttest machen müssen», sagte die 34-Jährige. Verbandspräsident Isaiah Kiplagat sieht sich zudem Korruptionsvorwürfen ausgesetzt, die die zuständigen Behörden bereits untersuchten. Er kandidiert in wenigen Wochen als Vize-Präsident der IAAF.

Der kenianische Leichtathletik-Verband AK hat die in der ARD-Dokumentation erhobenen Doping- und Korruptionsvorwürfe zurückgewiesen. «Der Verband begrüsst alle Informationen, die im Kampf gegen Doping helfen. Aber wir müssen herausstellen, dass die Dokumentation ein Versuch ist, unsere Läufer mit unbewiesenen Anschuldigungen zu beschmutzen», heisst es in einer Stellungnahme.