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International «Nur eine Frage der Zeit, bis Mossul fällt»

Auf wie viel Widerstand werden die irakische Armee und ihre Verbündeten stossen, wenn sie in die Stadt Mossul vordringen? Yassin Musharbash, Korrespondent für «Die Zeit» in Jordanien, glaubt, dass der IS keinen Grossteil seiner Kämpfer opfern will.

Kurdische Kämpfer liegen auf einem Erdwall, der eine Strasse blockiert.
Legende: Kurdische Kämpfer bringen sich bei Khazer, rund 30 Kilometer vor Mossul, in Stellung. Keystone

SRF News: Mossul ist ja die letzte grosse Bastion des sogenannten «Islamischen Staats» im Irak. Was wird dessen Strategie sein bei der Verteidigung der Stadt?

Yassin Musharbash: Zunächst bin ich mir gar nicht mal so sicher, ob sie alles tun werden, um die Stadt zu verteidigen. Sie werden es den Angreifern auf jeden Fall so schwer wie möglich machen, die Stadt einzunehmen. Sie werden versuchen, sie zu zwingen, einen hohen Blutzoll zu bezahlen. Mein Gefühl ist aber, dass der IS seinerseits nicht bereit ist, eine signifikante Anzahl seiner Kämpfer in dieser Schlacht zu opfern.

Ich habe mit mehreren IS-Anhängern, die Kontakte in den Irak haben, sprechen können. Sie sagen, ein paar 100 werden sicher in der Schlacht um Mossul ums Leben kommen. Und wir werden möglicherweise auch erleben, wie der IS dort Scharfschützen und Sprengfallen zurücklässt, aber nicht den grössten Teil seiner Kämpfer, die sich bis vor kurzem noch in der Stadt befunden haben.

Wieso will der IS in Mossul nicht aufs Ganze gehen?

Weil er weiss, dass er die Schlacht nicht gewinnen kann. Mossul wird früher oder später fallen. Das ist eine Frage der Zeit. Der IS ist mehr am Überleben interessiert, als daran, diese Stadt zu halten. Er plant ganz offensichtlich, einen Grossteil seiner Kämpfer entweder in die noch vom IS gehaltenen Gebiete in Syrien zu bringen, oder sie im Irak in der Nähe kleinerer Städte, in denen der IS auf Sympathisanten hoffen kann, unterzubringen. Von dort aus wird er zusehen, wie der irakische Staat möglicherweise dabei scheitern wird, Mossul zu stabilisieren und unter seine Kontrolle zu bringen.

Die neue Linie des IS scheint mir recht eindeutig: ‹Wenn wir Mossul verlieren, ist es zwar nicht gut, aber das ist ganz sicher nicht unser Ende. Wir haben schon schlimmere Zeiten durchgestanden und werden wiederkommen.›

Wird der IS auch versuchen, neue Kämpfer zu rekrutieren?

Das Rekrutieren ist für den IS schwierig geworden. Im Ausland sind die Kontrollen durch Polizei und Sicherheitsbehörden mittlerweile so sehr angestiegen, dass man nur noch schwer dagegen ankommt. Es gibt auch einen gewissen Rückgang an Enthusiasmus. Die westlichen Kämpfer, die sich dem IS angeschlossen hatten, wollten Teil des Aufbaus dieses Staates sein, den der IS ausgerufen hat. Sie sind nicht unbedingt so erpicht darauf, dort jetzt gleich nach der Einreise in der ersten Schlacht ums Leben zu kommen.

Die arabischen Sympathisanten, die möglicherweise zu einer Teilnahme an so einer Schlacht bereit wären, kommen auch nicht mehr so leicht über die Grenze. Ich lebe in Jordanien. Ich traf hier IS-Anhänger, die sagen, ‹wir kommen gar nicht rüber, die Grenzen sind dicht›. Der IS verfügt noch über etwa 20'000 Kämpfer. Und selbst wenn er einen erklecklichen Anteil davon verlieren sollte, sind das aus seiner Sicht immer noch genügend Kämpfer, um als Organisation bestehen zu bleiben und eventuell ein Comeback im Irak zu wagen.

Kämpfer hat er also noch genug, aber immer weniger Territorium. Ist es nicht genauso wichtig für ein «Kalifat», Grund und Boden zu haben?

Ja und nein. Ja insofern, als dass der IS selbst nach der Einnahme Mossuls vor zwei Jahren argumentiert hat: ‹Jetzt, da wir ein so grosses Gebiet beherrschen, müssen wir quasi ein Kalifat ausrufen, das ist eine theologische Verpflichtung.› Der Verlust dieses Gebietes und insbesondere Mossuls ist also das Symbol einer krachenden Niederlage.

Andererseits darf man nicht vernachlässigen, dass Dschihadisten in anderen Zeiträumen denken als wir. Es ist ihnen relativ egal, wenn sie eine Stadt wie Mossul nach zwei Jahren wieder verlieren. Sie gehen davon aus, dass sie sie in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren wieder zurückgewinnen. Und da sie aus theologisch-ideologischer Sicht davon ausgehen, dass ihnen der Sieg sowieso versprochen ist, hängt für sie nie allzu viel von einer Schlacht oder von einer Stadt ab. Wichtig für den IS ist, dass er als Organisation nicht vollkommen zermürbt wird. Die IS-Führung glaubt, das verhindern zu können – und alles andere wird die Zeit regeln.

Das Gespräch führte Simon Leu.

Aufstieg und Fall des IS

Juni 2014
IS-Extremisten bringen Mossul vollständig unter Kontrolle. Von der nordirakischen Metrople aus überrannte der IS weite Teile des Landes. Sunnitische Dschihadisten rufen in den von ihnen eroberten Gebieten in Syrien und im Irak ein «Kalifat» aus.
August 2014
Die USA fliegen erste Angriffe im Nordirak. Die Enthauptung des US-Journalisten James Foley schockiert die Welt.
September 2014
Frankreich startet Luftangriffe im Irak. Einige Tage später bombardieren das US-Militär und Luftstreitkräfte von arabischen Partnerländern erstmals IS-Stellungen in Syrien.
Dezember 2014
Kurdische Soldaten beenden mit Hilfe internationaler Luftangriffe die Belagerung des Sindschar-Gebirges nahe der IS-Hochburg Mossul. Im August waren Zehntausende Angehörige der jesidischen Volksgruppe vor den Dschihadisten in die Berge geflohen.
Januar 2015
Nach monatelangen Kämpfen vertreiben kurdische Kämpfer den IS aus der nordsyrischen Stadt Kobane an der türkischen Grenze.
März 2015
Irakische Kräfte erobern die strategisch wichtige Stadt Tikrit zurück, die die Extremisten im Juni 2014 besetzt hatten.
April 2015
IS-Kämpfer dringen in Ramadi, 100 Kilometer westlich von Bagdad, ein. Tausende Iraker fliehen vor dem Terror Richtung Bagdad.
Mai 2015
Die Terrormiliz bringt Ramadi vollständig unter ihre Kontrolle. Kurden erobern IS-Gebiete in Nordsyrien.
Juli 2015
Türkische Kampfjets fliegen erstmals Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien.
August 2015
Der IS sprengt den rund 2000 Jahre alten Baaltempel und den Tempel Baal-Schamin.
April 2016
Laut Pentagon hat die Terrormiliz seit 2014 rund 45 Prozent der von ihr eroberten Gebiete im Irak verloren, in Syrien 20 Prozent.
Juni 2016
Unterstützt vom US-Militär nimmt die irakische Armee die IS-Hochburg Falludscha ein.
Juli 2016
Bei dem bisher tödlichsten Anschlag des IS sterben in Bagdad knapp 300 Menschen.
Oktober 2016
Die irakische Armee beginnt mit dem Sturm auf Mossul, die letzte Bastion des IS im Irak.

Yassin Musharbash

Yassin Musharbash

Yassin Musharbash ist Journalist bei der Wochenzeitung «Die Zeit», im Ressort Investigative Recherche. Der Arabist beschäftigt sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit Islamismus, Terrorismus, Islamophobie und anderen radikalen Ideologien. Er hat auch einen Krimi mit dem Titel «Radikal» zum Thema geschrieben.

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Nach Berichten sind nur noch ca. 4.000 Terroristen des Daesh (IS) in Mossul. Da bleibt die Frage, wo sind die anderen hin? In den Jemen, nach Syrien, nach Libyen, in den Kaukasus, nach Europa, oder nach Nordafrika? Der Daesh hatte einst doch zwischen 25.000 bis 35.000 Kämpfer. Verschwinden überall kampflos und spurlos wie in Dabiq. Vielleicht werden sie von ihren Finanziers aus KSA und Katar schon woanders gebraucht unter neuem Namen. Der irakischen Armee ist einen raschen Erfolg zu wünschen.
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Von "Befreiung" ist hier die Rede. Ich finde, man sollte wenigstens so ehrlich sein und das richtige Wort verwenden: KRIEG!
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    1. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Ich denke, wenn man eine Stadt aus den Fängen des IS befreien kann darf man durchaus von Befreiung sprechen.
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    2. Antwort von m. mitulla (m.mitulla)
      1,5 Millionen Zivilisten, die in der Stadt Mossul wohnen werden jetzt bombardiert und beschossen - 8'000 ISIS-Terroristen werden nicht aufgeben, bis zu ihrem Tod kämpfen, sich hinter menschliche Schutzschilder stellen, derweil einzelne "Köpfe" bereist in Syrien die "Rebellen" unterstützen... möchten sie Einwohner von Mossul sein??? Das ist ein Krieg um Öl!
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    3. Antwort von m. mitulla (m.mitulla)
      ...und noch etwas @A.Planta: In Falludscha, als die Stadt vom IS im Juni 2016 durch die irakische Armee befreit wurde, hat man den Terroristen freies Geleit aus der Stadt garantiert. Das gleiche wird jetzt wahrscheinlich mit den Kämpfern des IS in Mossul passieren. Sie werden eingesammelt und dann nach Syrien entlassen, um dort gegen Assad zu kämpfen.
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  • Kommentar von D. Schmidel (D. Schmidel)
    Der IS kämpft mit russischem Schrott. Das wird nicht einfach für sie sein. Auf der Koalitionsseite werden die Scharfschützen das Sagen haben.
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