Pädophilie-Vorwürfe gegen britischen Ex-Premier

Das Thema Kindesmissbrauch wirft einen Schatten über Grossbritanniens Gesellschaft. Jetzt steht sogar ein ehemaliger Premierminister am Pranger: Edward Heath. Ob schuldig oder nicht – die Bewältigung der Akte Heath sorgt bereits in frühem Stadium für Empörung.

Edward Heath in einer Archivaufnahme. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Vorwürfe gegen Ex-Premier Heath wiegen schwer. Belegt sind sie bislang aber nicht. Reuters/ARCHIV

Der Konservative Edward Heath war von 1970 bis 1974 Regierungschef; er starb im Jahr 2005. Heath war jener Premier, der Grossbritannien in die Europäische Union geführt hatte. Nun ist er im Fokus von Sonderermittlern, die sich mit Kindesmissbrauch in höchsten Gesellschaftskreisen in den 1970er und 80er Jahren befassen.

«Niemand mehr ist vollkommen überrascht»

6:35 min, aus SRF 4 News aktuell vom 12.12.2017

Ob die Vorwürfe belastbar sind, lässt sich noch nicht abschliessend beurteilen, wie SRF-Grossbritannien-Korrespondent Martin Alioth ausführt: «Die Anschuldigungen gehen auf einen Polizeioffizier im Ruhestand zurück, der behauptete, in den 90er Jahren sei ein Missbrauchsvorwurf gegen Heath unterdrückt und nicht weiter verfolgt worden.»

Weggefährten bestreiten Vorwürfe

Der Polizist beziehe sich dabei auf den Fall einer verurteilten Bordellbesitzerin, die im Vorfeld eines weiteren Verfahrens entsprechende Vorwürfe gegen den Premier in den Raum gestellt und gedroht hatte, an die Öffentlichkeit zu gehen – wohl auch, um sich Vorteile zu verschaffen. Nun werde in Wiltshire, Kent und Jersey ermittelt.

Von Heaths Weggefährten werden die Vorwürfe vehement bestritten, so Alioth: «In den letzten zwei Tagen haben sich fast alle Leute gemeldet, die mit Heath zusammenarbeiteten. Sie haben die Unterstellungen als undenkbar zurückgewiesen und ihrer Empörung Luft verschafft.»

Polizei im Kreuzfeuer der Kritik

Ungeachtet der undurchsichtigen Faktenlage stehen die Ermittlungsbehörden im Kreuzfeuer der Kritik. In den teils Jahrzehnte zurückliegenden Kindesmissbrauchsfällen wurde ihnen wiederholt vorgeworfen – und auch nachgewiesen – Fälle verschleppt und Akten verschwinden gelassen zu haben. Dies nicht nur bei Prominenten.

Ex-Premier Heath mit seiner Nachfolger Margaret Thatcher. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Heath gehörte zum inneren Zirkel der Macht in Westminster. Jetzt droht im posthum der tiefe Fall. Reuters/ARCHIV

Im Fall Heath ging die Polizei nun gleichsam in die Gegenoffensive: Medienwirksam positionierte sie sich vor dem ehemaligen Anwesen des Verstorbenen und rief potentielle Opfer vor laufenden Kameras auf, sich bei den Behörden zu melden.

«Die Polizei hat ihre Standortwahl, die letztlich einem Rufmord gleichkommt, damit begründet, dass sie die Kindheitserinnerungen der potentiellen Opfer wecken wollte», kommentiert Alioth das umstrittene Vorgehen.

Statt Anerkennung für die vermeintlich entschiedene Aufklärungsarbeit gab es in den britischen Medien teils geharnischte Reaktionen: «Die Londoner Times etwa bezichtigte die Polizei, gerade wegen ihrer früheren Unterlassungen, den gesunden Menschenverstand verloren zu haben.»

Pädophilenring um Westminster?

Nichtsdestotrotz: Die Anschuldigungen gegen Heath wiegen schwer; umso mehr, als sie sich diesmal gegen einen ehemaligen Regierungschef richten. Doch ist man in Grossbritannien nach den Gerüchten um einen veritablen Pädophilenring in Westminster überhaupt noch erstaunt? SRF-Korrespondent Alioth: «Hier ist niemand mehr vollkommen überrascht. Man weiss aus den Enthüllungen der letzten Jahre, dass schauerliche Dinge in diesem düsteren Kapitel tatsächlich wahr sein können.»

Das Perfide sei, schliesst Alioth, dass in der britischen Kindesmissbrauch-Affäre mittlerweile eine ganz eigene Regel gelte: «Je waghalsiger die Gerüchte, desto eher wird alles denkbar.» Ob auch der neuesten Enthüllung ein wahrer Kern anhaftet, muss sich derweil noch weisen.

Untersuchungsausschuss will Vergangenheit aufrollen

Untersuchungsausschuss will Vergangenheit aufrollen
Vorwürfe gegen einflussreiche britische Politiker sind nur ein Teil der Kindesmissbrauch-Skandale in Grossbritannien. Am Pranger stehen auch Geistliche, Showstars oder etwa Taxifahrer. Losgetreten wurde der Skandal vor vier Jahren mit den Enthüllungen um den populären BBC-Moderator Jimmy Savile. Unter dem Deckmantel karitativen Engagements missbrauchte er hunderte todkranke Kinder. Ein von der Regierung bestellter Untersuchungsausschuss unter Vorsitz der neuseeländischen Richterin Lowell Goddard soll in den nächsten Jahren das Problem aufarbeiten. Goddard hat angekündigt, sie werde auch vor den Korridoren der Macht nicht Halt machen.