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Palästinenser-Hilfsgelder «Es geht um Menschenleben»

Ende Januar wurde bekannt, dass die USA ihre Hilfsgelder ans UNO-Hilfswerk UNRWA zurückhalten, das in den Palästinensergebieten tätig ist. Mit dem Wegfall des wichtigsten Geldgebers braucht das Hilfswerk jetzt selbst Hilfe.

Chef der Organisation ist der Genfer Pierre Krähenbühl. Er reist derzeit um die Welt und versucht, das Finanzierungsloch zu stopfen. Im Interview mit Radio SRF spricht er über die Auswirkungen des Zahlungsstopps und sagt, wieso Europa seiner Meinung nach ein Interesse daran hat, die Palästinenser zu unterstützen.

Was ist die UNRWA

Der 1949 gegründeten UNRWA obliegen die Schutz- und Hilfsprogramme für die Palästinaflüchtlinge. Die Organisation stellt die Grundversorgung bei Gesundheit, sozialen Diensten, Bildung, Mikrofinanzierung und Nothilfe für über fünf Millionen Menschen in Jordanien, Libanon, Syrien und im besetzten Palästinensischen Gebiet sicher.

Pierre Krähenbühl
Legende: Braucht Geld: UNRWA-Chef Pierre Krähenbühl. Keystone

SRF News: Merken Sie bereits, dass Ressourcen fehlen?

Pierre Krähenbühl: Im Moment sind alle unsere Dienstleistungen gesichert. Es besteht aber ein grosses Risiko, dass Nahrungsmittelverteilung, finanzielle Unterstützung, medizinische Versorgung und das Bildungssystem für eine halbe Million Schülerinnen und Schüler ins wanken kommen werden. Uns wird im Laufe des Jahres ganz einfach das Geld dafür fehlen. Wir arbeiten sehr engagiert daran, diese Krise zu überwinden.

Ein Button auf der Website ruft zu Spenden auf.
Legende: Crowdfunding: Wer die Website des UNRWA aufruft, sieht als erstes einen Spendenaufruf. Screenshot

Bis wann reicht das Geld konkret, um die laufenden Projekte weiterzuführen?

Es ist etwas schwierig, ein genaues Datum zu geben. Es kommt darauf an, wie viele Geldgeber ihre Beiträge früher überweisen und wie erfolgreich wir in der Strategie sein werden, diese Situation zu überwinden. Wir haben einen Appell für Gelder und Unterstützung weltweit lanciert. Zum jetzigen Zeitpunkt handelt es sich aber um einige Wochen, bei einigen Projekten zwei Monate. Dann werden wir schon ganz konkrete Schwierigkeiten sehen.

Die USA und Israel kritisieren die Arbeit der UNRWA. Washington macht weitere Hilfsgelder von Reformen abhängig. Werden Sie diesem Druck nachgeben, um das Geld fliessen zu lassen?

Damit hat es gar nichts zu tun. Ich war im November des letzten Jahres in Washington. Dort erhielt ich sehr viel Anerkennung für unsere Aktivitäten und die Art, wie wir unsere Neutralität bewahren. Natürlich sind wir der Kritik ausgesetzt und werden sie sehr ernst nehmen.

Die Entscheidung der USA war nicht reformbestimmt, sondern bezieht sich rein auf die politische Diskussion in Bezug auf die Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Israels.

Die Entscheidung der USA war aber nicht reformbestimmt, sondern bezieht sich rein auf die politische Diskussion in Bezug auf die Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Israels. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen lehnte diese Anerkennung ab, die Amerikaner reagierten darauf und zogen humanitäre Gelder in die Diskussion ein. Ich gebe zu, dass uns das überrascht hat. Normalerweise werden humanitäre Gelder von der politischen Dimension geschützt.

Legende:
Die wichtigsten Spender des UNRWA Neben den Geberstaaten wird das UNRWA auch durch Private unterstützt. Die staatlichen Hilfsgelder machen 92 Prozent der Einnahmen aus. Die verwendeten Daten stammen von 2015. UNRWA

Wir zahlen den Palästinensern hunterte Millionen Dollar und erhalten nichts dafür, schreibt US-Präsident Trump

Es gibt Vorwürfe, dass Schüler in Schulen, die vom UNRWA betrieben werden, mit antisemitischem Gedankengut indoktriniert werden. Sie haben im vergangenen Jahr zwei Lehrer entlassen, die bei der Hamas in hohe Positionen gewählt wurden. Offensichtlich besteht durchaus Handlungsbedarf.

Es waren nicht zwei Lehrer, sondern zwei Angestellte und wir haben sofort gehandelt. Für uns ist ganz klar: Wenn es zu einem Fall wie im letzten Jahr kommt, werden diese Personen nach einer Analyse entlassen. Wir akzeptieren das nicht. Wir sind UNO-Angestellte und es besteht ein Bedürfnis der Neutralität. Das wollen und werden wir rigoros schützen. Ich werde nicht erlauben, dass zwei Personen 30'000 Angestellte in Schwierigkeiten bringen.

Sie müssen die Finanzierung jetzt schnellstmöglich wieder sichern. Wie wollen Sie das tun?

Wir werden nicht lange klagen, sondern aktiv handeln. Es geht um Menschenleben. Ich bin in der Welt unterwegs und wir werden eine Strategie mit Staaten suchen. Es ist nicht einfach, in die Schweiz, nach Japan oder in die EU zu gehen, um noch mehr Geld zu beantragen.

Es ist nicht einfach, in die Schweiz, nach Japan oder in die EU zu gehen, um noch mehr Geld zu beantragen.

In einem solchen Krisenmoment ist das aber sehr wichtig. Wir werden auch bei den arabischen Staaten und in Asien an die Türe klopfen und dort Diskussionen führen. Wir sind es gewohnt, mit geringen finanziellen Mitteln zu handeln. Diese Erfahrung haben viele humanitäre Organisationen. Im Moment mache ich mir aber Sorgen, weil es um so viele Menschenleben geht.

UNRWA-Mitarbeiter demonstrieren in Gaza gegen den US-Entscheid.
Legende: UNRWA-Mitarbeiter demonstrieren in Gaza gegen den US-Entscheid. Keystone

Haben Sie nicht Angst, dass das Gegenteil passiert und andere Länder der UNRWA das Geld entziehen?

Man muss sich auf alle Möglichkeiten vorbereiten. Ich habe aber das Gegenteil erlebt: Ich war in Japan, in Bern, in Brüssel oder bei den arabischen Staaten. Dort gibt es viel Solidarität. Mir wurde Anerkennung zugeteilt und es gab auch eine Bestätigung, dass sie uns unterstützen wollen. Natürlich will kein einzelnes Land den ersten Schritt machen. Deswegen müssen wir an dieser Dynamik weiterarbeiten.

Kein Europäer darf sich vorstellen, dass palästinensische Flüchtlinge sich nicht auch in Bewegung setzen werden, wenn es in der Region keine Unterstützung, keine Zukunftsperspektive und keinen Horizont mehr gibt.

Aus europäischer Perspektive würde ich das Folgende sagen: 2015 haben wir gesehen, was passiert, wenn es keine Zukunftsperspektiven für Flüchtlinge im mittleren Osten gibt, beispielsweise bei den syrischen Flüchtlingen. Kein Europäer darf sich vorstellen, dass palästinensische Flüchtlinge sich nicht auch in Bewegung setzen werden, wenn es in der Region keine Unterstützung, keine Zukunftsperspektive und keinen Horizont mehr gibt. Wenn man an all die Emotionen im Jahr 2015 zurückdenkt, lohnt es sich durchaus, mit der UNRWA zusammenzuarbeiten.

20 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Holenweger (Galileo12)
    Seit nun 70 (!) Jahren hängen die Palästinenser am Tropf westlicher Staaten und Hilfswerke. Inzwischen haben sie die Fähigkeit sich selber zu helfen verloren. Warum soll sich die Situation ändern, wenn sie bei jeder Gelegenheit denen den Tod wünschen, die nachhaltig etwas ändern könnten?
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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Man kann diesen humanitären Helfern einfach nicht weis machen, dass sie bereits hinterher hinken. Sie planen für eine Bevölkerung von x, bis sie die Gelder für den Plan aufgetrieben haben, haben sie schon X mal 2 Menschen zu ernähren. In unserem Land denken Paare nach, wie viele Kinder sie in Würde grossziehen können. Manche verzichten sogar aus diesem Grund. Aus dieser Perspektive empfinde ich die bedingungslose Unterstützung sich unkontrolliert vermehrender armen Massen als unverantwortlich.
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  • Kommentar von Erwin Jenni (ej)
    Warum muss den Palästinensern seit JZ mit Milliardenbeträgen geholfen werden? Warum wurde eigens für die Pal. ein UNO Hilfswerk gegründet, obwohl nachweislich bekannt ist, dass Milliarden an Hilfsgeldern veruntreut wurden. Ein Stichwort: Arafat. Viele dieser Gelder werden zur Hasspropaganda gegen Israel verwendet. Die UNO ist arabisch-islamisch schattiert und kein neutraler Vermittler! Niemand bekommt mehr Hilfsgelder als die Pal. und trotzdem soll es ihnen schlecht gehen?
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Von was sollen die Palestinenser leben? Ihre Olivenhaine können sie nicht mehr bestellen, weil sie auf der anderen Seite der Mauer sind oderjenseits der Grenze. Industrie gibt es keine richtige weil die Rohstoffe fehlen wegen der Grenzblockaden und fischen geht auch nur noch sehr eingeschränkt weil nur wenige Seemeilen befahrbar sind für die Palästinensischen Fischerboote.
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    2. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      tja, HP, daran hätte das Volk früher denken sollen. Es ist eine Binsenwahrheit, dass man einem mehr hilft, wenn er kooperativ ist. Die wiederholt gebissene Hand hingegen ist nach einer Weile nicht mehr fähig und gewillt, hingestreckt zu werden. So einfach ist das. Alles hat seinen Preis.
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    3. Antwort von Friedrich Straubinger (Friedrich)
      Herr Müller, als die Israelis Gaza verlassen haben, haben diese ein funktionierende Infrastruktur hinterlassen, statt diese weiter auszubauen, wurde diese systemisch von der Hamas zerlegt. Die jüngsten Nachrichten verlauten, das der Iran der/den Hisbollah/Palästinenser mit Fabriken für Raketenlenksystem unter die Arme greift, dann zeichnet sich ein Bild ab, das mit den Friedenswunsch nichts zu tun hat. Erklären sie mir doch bitte wie Arafat 900 Million auf sein Konto verbuchen konnte.
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    4. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      "als die Israelis Gaza verlassen haben, haben diese ein funktionierende Infrastruktur hinterlassen" schon möglich, und in der Zwischenzeit haben sie nicht nur ganze Häuserzeilen, sondern auch Spitäler, Schulen und sogar UNO-Gebäude in Schutt und Asche gelegt mit Raketenangriffen.
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    5. Antwort von Friedrich Straubinger (Friedrich)
      Herr Müller ihre Aussage ist soweit richtig, nur vergessen sie dabei zu erwähnen, das eben gerade dort die Hamas tausende Raketen Richtung Israel abgefeuert hat. Erstens nahm die Hamas somit zivile Opfer in Kauf und zweitens ging es der Hamas wieder darum, die Medienlandschaft gegen Israel zu sensibilisieren. Sogar Terrortunnel der Hamas wurden unter Schulen entdeckt, was sogar dann mal von der UN auf schärfste verurteilt wurde, aber nur, weil es UN Schulen waren!
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