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International Papst vergrössert Spielraum für Geschiedene

Franziskus macht in seinem Schreiben zu Ehe und Familie den einen Katholiken Hoffnungen, für die anderen bleibt es beim Status Quo: So sollen Wiederverheiratete Gläubige «ihren Platz in der Kirche» haben. Die katholische Ehe für homosexuelle Paare bleibt ein Tabu.

Legende: Video Neue Töne aus dem Vatikan abspielen. Laufzeit 2:12 Minuten.
Aus Tagesschau vom 08.04.2016.

Papst Franziskus macht wiederverheirateten Geschiedenen vage Hoffnungen auf eine Teilnahme an der Kommunion. In seinem mit Spannung erwarteten Schreiben zu Ehe und Familie, das sogenannte «Amoris Laetitia – über die Liebe in der Familie», verzichtet er zwar auf eine gesetzliche Änderung der bestehenden Kirchenregeln, lässt aber Spielraum für Interpretationen.

Franziskus betont in dem Schreiben, auch Gläubige, die nach einer Scheidung wieder zivil geheiratet haben, hätten ihren Platz in der Kirche.

Sie sollen sich nicht nur als nicht exkommuniziert fühlen, sondern können als lebendige Glieder der Kirche leben und reifen.
Autor: Papst Franziskus

Franziskus appelliert an das Gewissen der Pfarrer und Priester, Einzelfälle abzuwägen: «Es ist nur möglich, eine neue Ermutigung auszudrücken zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle», heisst es in dem postsynodalen Schreiben.

Auf die Forderung, ihnen auch den Zugang zur Kommunion zu ermöglichen, geht der Papst aber nicht direkt ein.

Kein Platz für die Homo-Ehe

In Bezug auf homosexuelle Paare spricht sich der Papst wie schon bei früheren Gelegenheiten gegen jegliche Diskriminierung aus.

Er fordert einen respektvollen Umgang, rüttelt aber nicht am katholischen Status quo. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften stünden keineswegs auf einer Stufe mit der Ehe zwischen Mann und Frau, heisst es in dem Lehrschreiben.

Niemand darf für immer verurteilt werden. Das entspricht nicht der Logik des Evangeliums.
Autor: Papst Franziskus

In dem Schreiben fasst der Argentinier die Ergebnisse der beiden Bischofstreffen aus den vergangenen Jahren mit seinen eigenen Schlussfolgerungen zusammen. Bereits damals hatten die Bischöfe in ihrem Abschlusspapier für eine vorsichtige Öffnung plädiert und eine Einzelfallprüfung angeregt.

«Es ist keine Revolution»

Das Schreiben des Papstes sei eine Öffnung – aber keine Revolution, sagt SRF-Korrespondent Philipp Zahn in Rom. Er begründet: Die katholische Moral-Lehre werde nicht geändert. Der Papst finde aber neue Worte: Er spreche davon, dass die Probleme in Sachen Ehe und Familie so mannigfaltig seien, dass er nicht alles vom Vatikan aus entscheiden könne. «Deswegen delegiert er Einzelfragen an die Bischöfe und ihre Pfarrer – auch in der Schweiz.»

Legende: Video SRF-Korrespondent Philipp Zahn: «Der Papst findet neue Worte» abspielen. Laufzeit 1:26 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 08.04.2016.

Die Ortskirchen sollen also mehr eingebunden werden. So sollen etwa die Bischöfe und Pfarrer entscheiden, ob Geschiedene und wiederverheiratete Katholiken am Abendmahl teilnehmen könnten. «Die Priester müssen hierzu also nicht mehr auf Antworten oder Regeln des Vatikans warten», so Zahn. Und auch die Frage nach dem Miteinander bei homosexuellen Lebensgemeinschaften soll vor Ort entschieden werden.

Die Nachricht aus Rom sei klar: Man möchte die Tore der Kirche öffnen.

Päpstliche Meinungsbildung

Chronologie
November 2013
Am Anfang stand ein päpstlicher Fragebogen. Die Gläubigen sollten die Haltung der Kirche zu Verhütung und Homosexualität beurteilen.
Oktober 2014
Der Papst ruft seine Hirten zusammen. Während zwei Wochen diskutieren 200 Bischöfe über Homosexualität und Scheidung.
Dezember 2014
Der Papst will es genau wissen. Abermals schickt er einen Fragebogen an Katholiken in aller Welt. Er will die 2013-Ergebnisse vertiefen.
Oktober 2015
300 Bischöfe debattieren erneut über Familie und Ehe. Nach turbulenten Begegnungen beschliesst das Gremium eine vorsichtige Öffnung der Kirche.
April 2016
Ein halbes Jahr nach der Synode endet mit dem Schreiben von Papst der von ihm initiierte Diskussionsprozess. Die letzten Schlüsse zieht er nun selber.

«Amoris Laetitia»

Mit dem Lehrschreiben «Amoris Laetitia - Über die Liebe in der Familie» fasst der Papst die Debatten zusammen. Die nun vorgelegte Exhortation hat verbindlichen Charakter. Sie ist in neun Kapitel eingeteilt und hat mehr als 300 Abschnitte.

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19 Kommentare

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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    Es versucht da einer, dem die Schafe davonlaufen, einen kleinen Zaun zu bauen... aber da muesste die kath Kirche schon komplet umgekrempelt werden, um weitehin den Status Quo an Mitgliedern halten zu koennen. Aber sie tun sich schwer, eine Menschennahe (und dadurch auch Gottnahe) Taetigkeit auszuueben...
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    1. Antwort von Marcel Chauvet (xyzz)
      ....wenn man Jahrhunderte lang den Gläubigen “ewige, göttliche“ Wahrheiten weismacht, kann man schlecht von vorne anfangen und davon abgehen. Wie stünde man denn dann da? Also bleibt nichts anderes übrig, als die rechtgläubige Vergangenheit huckepack und in meinen Augen anachronistisch weiter zu schleppen. Die römische Kirche bleibt also eigene Gefangene in einem selbstgebauten Käfig von Dogmen.
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  • Kommentar von Léonie Schmid (Sakura)
    Ohhjemine, einst als grosser Reformator der kath. Kirche angepriesen...und jetzt? KEIN nennenswerter Fortschritt! "Man möchte die Tore der Kirche öffnen." Wirklich? Da seh' ich kein Engagement in diese Richtung. Viele sind spätestens jetzt vom Papst enttäuscht - zurecht. Schade, ich hatte auch Hoffnungen.. Ich bin immer noch der Überzeugung,dass er ein kluger Denker ist. Leider fehlt ihm nun der Mut..
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  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Geh in eine katholische Stadt und sie gefällt dir. So weit reicht mein Lob. Den grössten Schäden und das grösste Leid richtet sie jedoch durch ihre unrealistische Ausstrahlung bei der Verhütung an, nicht etwa bei der Homosexualität.
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