Nach Doppelanschlag in Ägypten Präsident ruft Ausnahmezustand aus

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Zwei Anschläge gegen ägyptische Kopten

1:06 min, aus Tagesschau vom 9.4.2017
  • Bei einem Bombenanschlag im ägyptischen Tanta starben mindestens 29 Menschen – gegen 80 weitere Personen wurden verletzt. Laut Medienberichten sprengte sich zuvor ein Selbstmordattentäter in die Luft.
  • Einem weiteren Anschlag in Alexandria fielen mindestens 17 Personen zum Opfer – darunter drei Polizisten. Mindestens 48 Menschen wurden verletzt. Offenbar handelte es sich auch hier um ein Selbstmordattentat.
  • Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sissi hat mittlerweile den Ausnahmezustand ausgerufen. Dieser soll drei Monate lang andauern.
  • Der IS reklamiert beide Anschläge für sich. Ausserdem droht die Terrormiliz mit neuer Gewalt gegen Christen.
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Bildlegende: In den ägyptischen Städten Alexandria und Tanta wurden blutige Anschläge verübt. SRF

Der Anschlag in der nordägyptischen Stadt Tanta ist einer der tödlichsten auf die christliche Minderheit Ägyptens in den vergangenen Jahren.

Explosion während der Messe

Die staatliche Nachrichtenseite Al-Ahram zitierte Augenzeugen, wonach sich ein Selbstmordattentäter in der Kirche St. Georg in die Luft gesprengt haben soll. «Die Explosion ereignete sich in den vorderen Reihen, in der Nähe des Altars während der Messe», sagte Vize-Innenminister Tarek Atija. Mindestens 29 Menschen starben, gegen 80 weitere wurden verletzt.

An dem christlichen Feiertag war die Kirche zur Messe gut besucht. St. Georg ist dem Staatsfernsehen zufolge das grösste christliche Gotteshaus der Region im Nildelta. Im Internet kursierende und im Fernsehen ausgestrahlte Videos zeigten einen blutverschmierten Boden.

Zweiter Anschlag wenige Stunden später

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Christen in der Minderheit

Die Kopten sind die grösste christliche Glaubensgemeinschaft im Nahen Osten. In Ägypten machen sie etwa zehn Prozent der rund 90 Millionen Einwohner aus. Obwohl sie weitgehend friedlich mit der muslimischen Bevölkerungsmehrheit zusammenleben, sieht sich die christliche Minderheit Ägyptens immer wieder gewaltsamen Übergriffen ausgesetzt.

Wenige Stunden nach dem Anschlag in Tanta folgte ein weiterer Anschlag auf eine koptisch-christliche Kirche in der Millionenstadt Alexandria. Dabei starben mindestens 17 Menschen. Weitere 48 Personen wurden nach jüngsten Angaben des Gesundheitsministeriums in Kairo verletzt.

Nichtsdestotrotz haben die Sicherheitskräfte möglicherweise ein noch schlimmeres Blutbad verhindert. Nach Angaben des Innenministeriums konnten Sicherheitskräfte demnach den Selbstmordattentäter von Alexandria am Betreten der Kirche hindern. Der Mann habe sich daraufhin in die Luft gesprengt. Der koptische Papst Tawadros befand sich zum Zeitpunkt des Anschlags in der Kirche in Alexandria, wurde nach Angaben des Innenministeriums aber nicht verletzt.

Ausnahmezustand ausgerufen

Die ägyptische Regierung sprach von Terror: «Der Terrorismus trifft Ägypten erneut, dieses Mal am Palmsonntag», sagte der Sprecher des Aussenministeriums, Ahmed Abu Seid, auf Twitter. Es sei eine weitere widerwärtige Tat gegen alle Ägypter.

Präsident Abdel Fattah Al-Sisi berief umgehend den nationalen Sicherheitsrat ein. Dieser solle noch am Sonntag die «Konsequenzen» besprechen, berichtete das staatliche ägyptische Fernsehen. Zudem wies Al-Sissi die Armee an, wichtige Gebäude des Landes zu schützen. Mittlerweile hat der ägyptische Präsident den Ausnahmezustand ausgerufen. Dieser soll drei Monate lang andauern.

IS kündigt weitere Anschläge an

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte die beiden Anschläge für sich. Die Explosionen in Tanta und Alexandria seien von den Dschihadisten verursacht worden, berichtete das IS-Sprachrohr Amak. Die Mitteilung konnte zunächst nicht unabhängig auf Echtheit untersucht werden.

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Papst besucht Ägypten

Mit der Feier des Palmsonntags bereiten sich die Kopten wie Christen in aller Welt auf das Osterfest in einer Woche vor. Am 28. und 29. April will das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus, Ägypten besuchen und dabei auch seine Solidarität mit den Kopten bekunden.

Zudem drohte der IS mit weiterer Gewalt gegen Christen. Die «Kreuzzügler» und «Ungläubigen» würden mit dem Blut ihrer Söhne bezahlen, hiess es in einer Mitteilung im Namen des Islamischen Staates, die über IS-nahe Kanäle veröffentlicht wurde.

Dschihadisten auf der Sinai-Halbinsel

Bereits im vergangenen Dezember kam es zu einem Anschlag auf die koptische Kirche St. Peter und Paul in Kairo. Damals starben fast 30 Personen. Die Terrormiliz IS bekannte sich später zu der Tat.

Ein Ableger der Terrormiliz versetzt den Nordsinai in Ägypten in Angst und Schrecken und kündigte in Propagandavideos Angriffe auf Christen an. Im Februar flohen Hunderte ägyptische Christen aus dem Norden der unruhigen Sinai-Halbinsel. Vorangegangen war eine Mordserie an Mitgliedern der religiösen Minderheit, hinter welcher der IS vermutet wurde.

Die Analyse von SRF-Korrespondent Philipp Scholkmann zu den Anschlägen in Ägypten

In Ägypten ist es innert weniger Stunden zu zwei Anschlägen gekommen. Deutet das auf eine orchestrierte Aktion einer radikalen Gruppierung hin?
Es liegt nahe, dass die Anschläge – wenn sie nicht direkt koordiniert waren – dennoch den gleichen Hintergrund haben. Der IS hat die Anschläge für sich reklamiert. Wie schon zum Anschlag auf das Gelände der Kathedrale von Kairo im Dezember. Im Nordsinai führt die ägyptische Armee einen undurchsichtigen Krieg gegen beduinische Aufständische, von denen sich einige zum IS bekennen. Diese haben erklärt, dass sie Christen ins Visier nehmen, wegen ihres Glaubens, aber auch wegen der politischen Position der koptischen Kirchenführung, die sich beim Umsturz in Ägypten klar auf die Seite des Militärs und Präsident Al-Sissi geschlagen hat.
Wurden die koptischen Christen nach den Anschlägen im Dezember polizeilich oder militärisch nicht besser geschützt?
Dieser Vorwurf wird laut werden – wie schon im Februar – als im Nordsinai hunderte christliche Familien flohen aus Angst vor dschihadistischen Angriffen. Andererseits ist es wohl unmöglich, an einem Palmsonntag zur Gottesdienstzeit sämtliche Kirchen vor Anschlägen zu schützen. Ausserdem gab es offenbar Kontrollen: In Alexandria soll ein Selbstmordattentäter von den Sicherheitskräften daran gehindert worden sein, in die Kirche selbst einzudringen, so die ersten Meldungen. Deshalb habe er sich vor der Kirche in die Luft gesprengt. Unter den Toten und Verletzten sollen sich auch Polizisten befinden.
Ist das Leben als Christ in Ägypten gefährlicher geworden?
Nicht grundsätzlich, was das Zusammenleben mit der muslimischen Bevölkerungsmehrheit betrifft. Aber die Drohungen und die Welle von Anschlägen auf Kirchen sind sicher alarmierend. In den letzten Jahren richteten sich die dschihadistischen Anschläge in Ägypten insbesondere gegen Sicherheitskräfte, Polizeiposten und Militäranlagen. Das scheint sich geändert zu haben.