«Putin plant seit Jahren, die Krim an sich zu reissen»

In der Ukraine überschlagen sich die Ereignisse. Der geplante Anschluss der Krim an Russland ist wohl kaum mehr zu verhindern. Ein ehemaliger Vertrauter Putins sagt, dieser habe dies alles von langer Hand geplant.

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Bildlegende: «Putin will sich schon lange einen Teil der Ukraine einverleiben», sagt ein ehemaliger Vertrauter des russischen Präs... Keystone

Andrej Illarionow war fünf Jahre lang der wichtigste Wirtschaftsberater von Wladimir Putin. Dann trennte er sich im Streit von seinem ehemaligen Dienstherrn.

Russland sei kein demokratisches und freies Land mehr, sagte Illarionow bei seinem Rücktritt im Jahr 2005. Heute lebt er grösstenteils in Washington, arbeitet für die rechtskonservative Denkfabrik Cato Institute und gehört zu einem der schärfsten Kritiker der Politik Putins.

Der 53-Jährige ist überzeugt: Die russische Intervention auf der Krim war von langer Hand vorbereitet worden. «Putin hat schon vor vielen Jahren den Plan gefasst, einen Teil der Ukraine an sich zu reissen. Und hat sich dementsprechend darauf vorbereitet», sagt Illarionow.

Ukraine: keine Existenzberechtigung

Öffentlich dazu geäussert habe sich Putin erstmals am Nato-Gipfel in Bukarest, im Frühling 2008. Dabei ging es um die Annäherung der Ukraine und Georgiens an die Nato. Putin sagte damals, die Ukraine als Land habe keine Existenzberechtigung. Die Hälfte des ukrainischen Territoriums gehöre Russland. Geographisch seien damit Teile der Ostukraine, der südlichen Ukraine und die Krim gemeint.

Putin wollte mit dieser Äusserung davor warnen, die Ukraine in die Nato aufzunehmen, fährt der ehemalige Vertraute des russischen Präsidenten fort. Aber: «Putin brachte damit auch seine tiefe innere Überzeugung zum Ausdruck.» Nämlich, dass es sich im Falle der Staatsbildung der Ukraine um eine historische Ungerechtigkeit handle und dass die Russen ein geteiltes Volk seien.

Gezielt Lügen über die Ukraine verbreitet

Mit der konkreten Umsetzung von Putins Plan habe man dann letzten Sommer begonnen: mit dem Beschluss, in der Ukraine eine Krise zu schüren. Die geplante Unterzeichnung des Assoziationsabkommens mit der EU sei dafür ein willkommener Anlass gewesen.

Illarionow spricht von einer eigentlichen Operation, mit ökonomischen, politischen und diplomatischen Elementen. Ein wichtiger Teil davon sei Information oder eben: Desinformation gewesen. Die Behauptung nämlich, die Ukraine sei kein wirkliches Land, sondern ein von Chaos und Rechtlosigkeit beherrschtes Territorium, in dem gemordet und gestohlen werde.

Diese Behauptungen würden seit letztem Sommer vom staatlichen russischen Propaganda-Apparat verbreitet. Sie gipfelten in der Behauptung, die Ukraine sei ein gescheiterter Staat, in dem die Institutionen nicht funktionierten.

«Russische Geheimdienstler schürten bewusst Chaos in Kiew»

Und um die eigenen Behauptungen Realität werden zu lassen, habe der Kreml zum Chaos beigetragen, es sogar geschürt, sagt Illarionov. Während der Demonstrationen auf dem Kiewer Maidan-Platz und der blutigen Auseinandersetzungen hätten sich zahlreiche russische Geheimdienstler in Kiew befunden, mit dem Ziel, den Protest nicht abebben zu lassen.

Das tönt streckenweise nach Verschwörungstheorie. Doch Illarionow ist sich seiner Sache sicher. Der Kreml werde in der Ukraine intervenieren und sie besetzen, schrieb er bereits Anfang Jahr, als der ukrainische Präsident Janukowitsch noch im Amt war. Auf die Frage, woher er seine Informationen beziehe, will er keine Stellung nehmen. Seine Aussagen sind damit nicht überprüfbar.

«Für Sanktionen ist es zu spät»

Wie geht es weiter? Illarionow spricht davon, man befinde sich in einer entscheidenden Phase. «Alle Seiten erhöhen ihren Einsatz. Die von Putin bezahlten Leute auf der Krim haben sich an Russland gewandt mit der Bitte, die Halbinsel in russisches Staatsgebiet aufzunehmen. In Russland werden Massenversammlungen abgehalten, die Regionalparlamente verabschieden Resolutionen, in denen sie die Aufnahme der Krim verlangen.»

Illarionow glaubt, für Sanktionen sei es jetzt schon zu spät. «Die USA und die Nato müssen jetzt ernsthaft demonstrieren, dass sie zur Gewaltanwendung bereit sind. Sonst nimmt Putin die Krim ein und fällt mit grosser Wahrscheinlichkeit tiefer in die Ukraine ein.»

Putins Vision: Die Hälfte der Ukraine als sein Eigentum

Und was ist mit den wirtschaftlichen Risiken für Russland, nimmt die Putin einfach in Kauf? Illarionow wiederholt, was er bereits betont hat: Es ist Putins persönliche Vision, dass mindestens die Hälfte der Ukraine sein Land, sein Eigentum ist.

Und auf die Frage, ob denn die russische Bevölkerung diese Aneignung ukrainischen Territoriums unterstütze, sagt er: Es gebe natürlich Leute, die das ablehnten. Aber leider glaubten sehr viele den Hasstiraden des Kremls. Die Propaganda habe sich als sehr wirkungsvoll erwiesen.

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