Reinhold Messner kämpft für offenen Brenner

Die Pläne Österreichs für Grenzkontrollen am Brenner reissen beidseits des Passes alte Wunden auf. Der weltberühmte Extrembergsteiger Reinhold Messner macht sich grosse Sorgen um sein Südtirol. Er warnt vor einem Rückfall in die schmerzliche Geschichte und plädiert für ein solidarisches Europa.

Die Innenminister aus Österreich und Italien trafen sich am Freitag zu Gesprächen. Es ging um die von Wien geplanten Grenzkontrollen am Brennerpass. Solche soll es nun zwar bis auf weiteres nicht geben. Sollte sich die Zahl der aus Italien kommenden Flüchtlinge und Migranten wieder erhöhen, will Österreich aber an den Plänen festhalten. Gegen solche Absichten stellt sich ganz vehement der wohl bekannteste Südtiroler: Reinhold Messner.

SRF News: Was verändert sich für das Südtirol, wenn die Grenze dicht ist?

Dicht kann sie gar nicht werden, denn das würde die EU verbieten. Aber sie kann scharf kontrolliert werden, was in der sommerlichen Urlaubszeit Staus und stundenlange Verspätungen verursachen würde. Die Gäste aus dem Norden würden nicht mehr einreisen aus Sorge, nicht mehr locker aus dem Urlaub zurückzukommen. Viel schlimmer als die wirtschaftlichen Nachteile wäre aber die alte Wunde, die damit zwischen Nord- und Südtirol wieder aufgerissen würde. Wir wären die Leidtragenden und sässen zwischen alten Stühlen wie vor hundert Jahren.

Extrembergsteiger Reinhold Messner. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Reinhold Messner: «Eine Rückkehr zur kleinräumigen Kirchturmpolitik ist nicht mehr möglich.» Keystone/Archiv

Ein Rückfall in die Geschichte?

Durch Schengen vor etwa 20 Jahren bekamen wir doch das Gefühl, nicht mehr abgetrennt zu sein. Es ging locker vom Hocker von Bozen nach Innsbruck ins Theater und Konzert. Wir waren mitten in Europa. Wenn wir jetzt wieder ausgegrenzt und in unser kleines und irgendwie tristes Südtirol zurückgeworfen werden, habe zumindest ich keine grosse Freude.

In der aktuellen Situation geht es aber auch dem Südtirol weniger um die ankommenden Flüchtlinge, sondern vielmehr um die wegbleibenden Touristen?

Auch wir Südtiroler müssen einen Teil dieser Flüchtlinge aufnehmen. Wir gehören zu Europa und die Menschenrechte und die Solidarität gehören wesentlich zu unseren Werten. Wir sorgen uns weniger um die Zahlen, sondern vielmehr um das entstehende Durcheinander. Denn wir sind sozusagen das Nadelöhr vor dem Brenner. Wenn Österreich nicht grossherzig ist und das Südtirol miteinbezieht, frage ich mich allmählich, wo es mit der Herzensangelegenheit bleibt.

Experten beziffern die negativen Effekte der geplanten österreichischen Abschottungspolitik auf mehrere Milliarden Euro. Sie führen im Ort Firmian das Messner-Museum und haben ein finanzielles Interesse an den Touristen?

Wir leben nicht unbedingt nur von den ausländischen Touristen. Aber es geht jetzt nicht um mein Museum. Ich überlebe das auch ohne diese Touristen, die vielleicht nicht kommen, weil die Brenner-Grenze scharf kontrolliert wird. Ich jammere auch nicht egoistisch. Ich habe aber vor allem das Gefühl, das Südtirol auch das Problem von populistischen rechteren Kräften kriegt, wenn die Grenze Chaos bringt und Emotionen erzeugt, die zum Glück in den letzten Jahrzehnten allmählich versiegt sind.

Statistisch kommen im Südtirol auf 520‘000 Einwohner aktuell nur 900 Asylbewerber. Müsste das Südtirol mehr Menschen aufnehmen?

Südtirol nimmt auch mehr auf, wenn wir mehr aufnehmen müssen. In Italien werden die Flüchtlinge auf die einzelnen Regionen verteilt, was leider in Europa nicht gelungen ist.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.