Saint-Denis – das Hollywood von Frankreich

Am Sonntagabend blickt Europa nach Saint-Denis, wo im Stade de France der Fussball-EM-Final ansteht. In der Regel setzen sich im Pariser Vorort aber nicht Fussballer, sondern Film-Schauspieler in Szene. Saint-Denis gilt als französische Filmmetropole.

Saint-Denis: Das Hollywood Frankreichs

Was vor vielen Jahren in Saint-Denis geschah, ist eine filmreife Geschichte. Der Filmregisseur Luc Besson hat sich hier nämlich verliebt – und zwar in die stillgelegte Transformatoren-Station der Pariser Métro. Dort drehte der französische Regisseur 1994 Szenen seines Kassenschlagers «Léon». Mit weitreichenden Folgen. Auch wenn Besson Frankreich nach diesem Erfolg den Rücken gekehrt hat und nach Hollywood ausgewandert ist.

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Bildlegende: Ist dem ausgewanderten Regisseur Besson dankbar: Olivier-René Veillon, Direktor der Pariser Film-Kommission. SRF/Charles Liebherr

Olivier-René Veillon, oberster Filmförderer von Paris, nimmt den Star aber in Schutz: «Luc Besson ist eine Chance für uns, denn er ist nicht nur ein grosser Regisseur, sondern auch einer der erfolgreichsten Unternehmer in der Film-Industrie.»

Hollywood à la française

Nicht alle in der französischen Film-Branche würden die gleiche Hymne auf Besson anstimmen. Der Direktor der Film-Kommission der Region Paris ist aber so nachsichtig mit dem Auswanderer, weil er gesehen hat, dass Besson auch in Hollywood dem französische Kino verbunden blieb.

Und wie: Aus der Ferne hat Besson in Saint-Denis die Cité du Cinema angestossen und mitfinanziert. Es sind die wohl modernsten Film-Studios Europas, eingerichtet in seiner geliebten, alten Trafostation, die dem Film Léon einmal als Kulisse diente. Saint-Denis ist also Hollywood à la française. Und damit Symbol für ein grundlegendes Umdenken in der französischen Film-Industrie, erklärt Veillon: «Le cinema français hat heute internationale Ambitionen. Die staatliche Filmförderung unterstützt diese Öffnung gegenüber dem internationalen Publikum. Wir haben heute ein viel besseres Gleichgewicht (zwischen französischen und ausländischen Produktionen, Anm. d. Verf.).»

Steuervorteile schaffen Arbeitsplätze

Die Kühnheit von Besson hört damit freilich nicht auf. Der Mann hat Ambitionen und lässt das alle anderen gerne spüren. Zum Beispiel den Präsidenten und dessen Kulturministerin.

Besson wollte seinen neusten Fantasy-Streifen gerne in «seinen» Studios in Saint-Denis drehen. Darum verlangte er vom Parlament, es solle das Film-Förderungs-Gesetz umschreiben – in seinem Sinn. Das heisst: Steuerabzüge für Filmproduktionen in Frankreich sollen möglich sein, auch wenn diese weder in französischer Sprache, noch mit primär französischem Geld produziert werden.

Diese filmreife Erpressung war aber erfolgreich. Vor einem Monat drehte Besson die letzten Szenen von «Valerian» in Saint-Denis. Budget: 170 Millionen Euro, Tausende Arbeitsplätze. Veillon reibt sich die Hände. «Der Norden von Paris ist heute das Zentrum der französischen Filmindustrie. 80 Studios zählt die Region, die Hälfte davon in Saint-Denis.» Was nicht in Saint-Denis gedreht werden kann, lässt sich von dort aus zudem bequem erreichen: alle erdenklichen Kulissen in den Strassen von Paris vom Quartier Latin bis Versailles.

Polizisten als Filmprofis

Sogar die Polizei spielt ihre Rolle in diesem grenzenlosen Freiluft-Studio, erklärt Veillon. «Die Pariser Stadtpolizei hat Spezialisten, welche alle Film-Equipen beraten und fast jeden Wunsch erfüllen; eigentliche Film-Profis.»

Hinter fast jedem Film, der in Franrkeich gedreht wird, steckt also ein Stück Saint-Denis. Das könnte das Publikum jeweils im Abspann lesen; die Mehrheit hat den den Kinosaal dann aber meist schon verlassen.