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International «Selten war ein Bundespräsident so beliebt»

Im Februar 2017 endet in Deutschland die Ära Gauck. Er tritt nicht für eine zweite Amtszeit als Bundespräsident an, obwohl er viel Rückhalt in der Bevölkerung hat. Warum mögen die Deutschen Joachim Gauck so sehr? Antworten des deutschen Journalisten Martin Mair.

Legende: Video Gauck – vom Pastor zum Präsidenten abspielen. Laufzeit 01:31 Minuten.
Aus Tagesschau vom 06.06.2016.

Joachim Gauck tritt will nicht mehr für eine weitere Amtszeit als deutscher Bundespräsident kandidieren. Die Entscheidung sei ihm nicht leichtgefallen, hat der 76-Jährige in Berlin erklärt. Er begründete sie so:

Ich möchte für eine erneute Zeitspanne von fünf Jahren nicht eine Energie und Vitalität voraussetzen, für die ich nicht garantieren kann.
Autor: Joachim GauckDeutscher Bundespräsident

SRF News: Ist das fortgeschrittene Alter der einzige Grund für Gaucks Entscheid?

Martin Mair: Ich glaube, es ist der einzige Grund, warum Joachim Gauck sagt, er wolle nicht ein zweites Mal als Bundespräsident kandidieren. Er ist 76 Jahre alt. Der Bundespräsident wird in Deutschland für Jahre gewählt und nächstes Jahr ist die Wahl. Gauck wäre also 82 am Ende seiner zweiten Amtszeit und ist sich nicht sicher, ob ihm die Kraft dafür reicht. Es ist also eine sehr persönliche Entscheidung des Bundespräsidenten, der sehr beliebt ist. Das Amt ist durchaus anstrengend und mit vielen Reisen verbunden.

Warum finden ihn die Deutschen so gut?

Das hat wohl damit zu tun, dass Joachim Gauck über dem Parteienstreit steht, den wir in Deutschland zurzeit vor allem in der Flüchtlingsfrage erleben. Die Union, die Konservativen und die SPD streiten sich munter darüber, wie man mit den Flüchtlingen umgehen und welche Rolle Deutschland dabei in Europa einnehmen soll. Gauck ist keinem politischen Lager zuzuordnen und tatsächlich überparteilich.

Andererseits ist er ein Mann, der begnadet reden kann. Er war Pastor, was man ihm anmerkt. Er kann einfach gut mit Menschen umgehen und vermittelt ihnen das Gefühl, dass er sich für ihre Geschichten, Probleme und Belange interessiert. Ich glaube, dass die Deutschen das spüren. Deshalb sagen sie: ‹Diesen Mann wollen wir eigentlich länger im Amt haben.› 70 Prozent sagen es in Umfragen. Das ist ein hoher Wert und ich glaube, es hat selten einen Bundespräsidenten gegeben, der so beliebt war.

Gibt es schon einen Favoriten oder eine Favoritin für die Nachfolge von Gauck?

Da wird im Moment viel spekuliert. Jeder will etwas gehört haben in den Berlins politischen Kreisen. Aber einen klaren Favoriten gibt es nicht. Finanzminister Wolfgang Schäuble wird immer wieder genannt bei den Konservativen. Aussenminister Frank-Walter Steinmeier von der SPD wird auch ins Feld geführt.

Bis es klare Favoriten gibt, dürfte es aber noch dauern, weil es nicht ganz einfach ist. Die Wahl des Bundespräsidenten findet ein halbes Jahr vor den Bundestagswahlen statt. Deshalb wird bei der Bundespräsidentenwahl viel Parteitaktik eine Rolle spielen. Bis dahin dürften daher noch viele Namen als Favoriten gehandelt werden. Übrigens halten viele entscheidende Politiker die Zeit für reif, dass Deutschland mal eine Bundespräsidentin bekommt.

Wie wichtig ist es für die politische Zukunft Deutschlands, wer gewählt wird?

Ich glaube nicht, dass es für die politische Zukunft Deutschlands wichtig ist. Trotzdem ist es entscheidend, dass man einen Kandidaten findet, der das kann, was Joachim Gauck konnte. Angesichts der anstehenden, grossen Streitthemen muss er also in der Lage sein, das Land ein bisschen zu einen. Die Flüchtlingsfrage etwa wird Deutschland noch Jahrzehnte beschäftigen. Da einen Mann zu finden, der auch klug mit Worten umgehen kann, ist eine wichtige und nicht ganz leichte Aufgabe.

Das Gespräch führte Tina Herren.

Martin Mair

Martin Mair

Martin Mair lebt in Leipzig und arbeitet beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) als Moderator und Autor. Er hat Journalismus und Chemie an der Universität Leipzig studiert und kam 2001 als Volontär zum MDR. 2008 erhielt er den Kurt-Magnus-Preis der ARD für seine überzeugende Rolle als Anwalt der Hörer.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Beatrice Mayer (signorinetta)
    Schaut man in die Leserbriefspalten deutscher Onlinezeitungen mochten längst nicht alle Deutschen Gauck "so sehr".
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  • Kommentar von Bernd Kulawik (Bernd K.)
    Vorsicht, Sarkasmus: Wer soll denn jetzt mit den Deutschen schimpfen, wenn sie sich Frieden und Glück wünschen (vielleicht sogar für andere), aber ihre Kinder nicht in Kriege schicken wollen, um andere dieses "Glück" zu bringen? Wer wird kalte Worte für die frierenden Kinder von Hartz-IV-Opfern finden? Wer wird "Freiheit" predigen, wo das Brot fehlt? Na, vielleicht wird's ja der noch neoliberalere Menschenhasser Schäuble. "Schlimmer geht immer"! SCNR
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  • Kommentar von Rainer Fauser (Rainer Fauser)
    Gauck hat dem deutschen Volk bei einem Staatsbesuch in der CH die Demokratiefähigkeit und -mündigkeit abgesprochen. Das deutsche Volk sei zu dumm, um komplexe politische Zusammenhänge zu verstehen, von daher für die direkte Demokratie ungeeignet. Ich mag solche elitären Volkszertreter gar nicht! Solche Aussagen von wegen Beliebtheit sollten angezweifelt werden. Aber bitte... .
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    1. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Diese Aeusserungen damals in der Schweiz, waren wirklich unpassend und eigentlich respektlos gegenüber dem Gastland. Aber keine Sorge, wir Schweizer können mit solchen Herausforderungen problemlos umgehen und nehmen solche Aeusserungen aus unberufenem Munde nicht besonders ernst.
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