SNCF droht Millionenstrafe wegen Diskriminierung

Mehrere hundert marokkanische Angestellte, die für die französische Staatsbahn gearbeitet haben, sind während Jahrzehnten benachteiligt worden. Das bestätigt ein Gericht. Das Urteil könnte die SNCF teuer zu stehen kommen.

Zwei Bahnangestellte mit Leuchtwesten gehen rechts von einem stillstehendem TGV entlang. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gleiche Arbeit, nicht gleicher Lohn: Die Arbeiter aus Marokko hatten andere Arbeitsverträge. Keystone

Wegen der Diskriminierung von Angestellten marokkanischer Herkunft ist die französische Staatsbahn SNCF zu Entschädigungszahlungen verurteilt wurden. Das Pariser Arbeitsgericht sprach rund 800 von 2000 Klägern zwischen 150'000 und 230'000 Euro zu. Die SNCF könnte das rund 150 Millionen Euro kosten.

Marrokanische SNCF-Angestellte fordern Schadenersatz

4:40 min, aus SRF 4 News aktuell vom 22.09.2015

Die marokkanischen Einwanderer waren Anfang der 70er-Jahre von der SNCF eingestellt worden. «Damals herrschte noch Vollbeschäftigung», erklärt SRF-Korrespondent Charles Liebherr. Sie erhielten zwar unbefristete Arbeitsverträge, aber nicht den vorteilhaften Status von Eisenbahnern im öffentlichen Dienst. Dieser war Europäern oder jungen Neueingestellten vorbehalten.

Langwieriger Rechtsstreit

Das bedeutet, dass die Kläger – viele von ihnen waren Rangierarbeiter – in ihren 30 bis 40 Jahren Dienst deutlich weniger verdienten. «Der Arbeitgeber zahlte auch weniger in die Pensionskasse ein», weiss Liebherr. «Und dies, obwohl sie eigentlich dieselbe Arbeit machten wie ihre französischen Kollegen.»

«  Die marrokanischen Angestellten hatten einfach keine Lobby. »

Charles Liebherr
SRF-Korrespondent

Das Pariser Arbeitsgericht verurteilte die SNCF deshalb wegen «Diskriminierung bei der Ausführung des Arbeitsvertrags» und Diskriminierung bei den Rentenansprüchen, wie es im Urteil vom Montag heisst. Komplex war der Fall, weil einige der Marokkaner inzwischen die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatten. «Damit konnten sie Angestellte des öffentlichen Dienstes werden», so der Korrespondent. Andere seien nach Marokko zurückgekehrt.

Ausserdem hätten die marokkanischen Mitarbeiter einfach keine Lobby gehabt: «Die Gewerkschaften haben sich – mit einer Ausnahme – nicht für sie eingesetzt. Sie wollten, dass ihre französischen Kollegen von den Lohnverhandlungen profitierten.»

Berufung nicht ausgeschlossen

Die Anwältin der Kläger, Clélie de Lesquen, sprach von «sehr sehr schönen Entscheidungen». Ahmed Katim, der 1972 von der SNCF eingestellt wurde, brach nach Bekanntwerden des Urteils in Tränen aus: «Das ist eine gewaltige Befriedigung, das bedeutet Würde für die Marokkaner.» Mohamed Ben Ali sagte: «Das ist etwas Grosses: Sie erkennen den Unterschied an, den die SNCF zwischen uns und den Franzosen gemacht hat.» Jetzt sei er «zu 100 Prozent ein Bahner».

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die SNCF kann Berufung dagegen einlegen.