Wahlen in Kosovo Sturm oder Stagnation

Koalition der Kriegskameraden oder der Radikal-Opposition: Zwei Generationen kämpfen um den Wahlsieg in Kosovo.

Wahlveranstaltung mit Flaggen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Beim Wahlkampf im Kosovo geht es um die Zukunft auf dem Balkan. Keystone

Wahllokale bis 19 Uhr offen

Um ein Jahr vorgezogene Neuwahlen: Rund 1,8 Millionen Wahlberechtigte sind in Kosovo angehalten ihre Volksvertretung zu bestimmen. Die Wahllokale sind zwischen 7 und 19 Uhr geöffnet. Zumindest vor den Wahllokalen in der Hauptstadt Pristina haben sich trotz Regenwetters lange Schlangen gebildet. Zu sehen sind vor allem ältere Menschen. Die Wahlbeteiligung ist nach den ersten Stunden allerdings gering. Mit ersten Resultaten ist am Abend zu rechnen.

Der Krieg um den Kosovo Ende der 1990er Jahre: Am Nullpunkt hat Fahrie Hoti ihren Mann verloren – wie alle Frauen im Dorf Krusha ë Madhë im Westen Kosovos. Serbische Sicherheitskräfte töteten dort im März 1999 mutmasslich alle Männer. Noch immer ist das Kriegsverbrechen nicht aufgeklärt, geschweige denn verarbeitet.

Doch Fahrie Hoti und die Witwen von Krusha ë Madhë haben ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Aus den Trümmern haben sie ein landwirtschaftliches Kollektiv aufgebaut, das heute erfolgreich Paprika und andere Produkte nach Westeuropa – vor allem in die Schweiz – verkauft.

Kriegslegende als politisches Programm

Die Frauen um Fahrie Hoti haben den Aufbruch ohne Unterstützung der siegreichen Kämpfer geschafft, die im Juni 1999 die Macht in den Gemeindehäusern übernommen haben. Die unendliche Trauer haben sie mit harter Arbeit auf dem Feld verarbeitet:

«Wir hofften auf einen anderen Kosovo, aber leider sehen wir kaum Veränderungen. Vor achtzehn Jahren war ich noch jung. Aber jetzt fürchte ich um unsere Kinder», sagt Hoti.

Georg Häsler zu den Parlamentswahlen in Kosovo

0:26 min, vom 10.6.2017

Die Kämpfer von damals, die mit Unterstützung der Nato die serbischen Herrscher aus Kosovo vertrieben haben, beschwören im Wahlkampf den Kriegsmythos: Starke Männer als Garanten für die Freiheit. Die Partei von Präsident Hashim Thaçi hat sich mit dem ehemaligen UÇK-Kommandanten Ramush Haradinaj zu einer Koalition der alten Kameraden verbunden.

Die Konkurrenten um den Glanz der Befreiungslegende versuchen sich die Macht in Kosovo zu sichern. Insbesondere die ältere Generation aus den Dörfern ist dem Erbe der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK noch immer stark verbunden – und dürfte dem politischen Bündnis zu einer relativen Mehrheit verhelfen.

«Swiss Connection» fürchtet Spezialgericht

Doch die einstigen Kriegshelden stehen unter Druck: Noch dieses Jahr werden die ersten Anklagen vor dem Kosovo-Spezialgericht in Den Haag erwartet – wegen Kriegsverbrechen der UÇK zwischen 1998 und 2000. Der Bericht des Europarats von alt Ständerat Dick Marty (FDP/TI) verdächtigt die Kommandanten des Widerstands in einen abscheulichen Organhandel von verschleppten Kriegsgegner verwickelt gewesen zu sein.

Im Zentrum der Anschuldigungen steht die «Swiss Connection». Das ist die UÇK-Führung um Präsident Hashim Thaçi, die in den 1990er Jahren aus dem Schweizer Exil den gewaltsamen Widerstand gegen die serbische Herrschaft in Kosovo organisiert hat.

Jetzt versucht sich die «Swiss Connection» an die Macht zu retten. Sie hofft damit, vor einer Strafverfolgung sicher zu sein. Ramush Haradinaj, einst Türsteher in Neuchâtel, will Premierminister werden. Die Partei von Thaçi wirbt «mit einer neuen Führung für eine bessere Zukunft».

Kraftvoller Auftritt der Opposition «mit Herz»

Albin Kurti an einer Wahlveranstaltung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Albin Kurti von Vetëvendosjë wird gefeiert wie ein Popstar: «Ich verspreche mit Verstand, ich schwöre mit Herz!» Georg Häsler

Die Oppositionsbewegung Vetëvendosjë! [Selbstbestimmung] wirft der «Swiss Connection» zudem Korruption und Machtmissbrauch vor: Der ehemalige UÇK-Kommandant Azem Syla soll nämlich das Vakuum nach dem Krieg für den Aufbau einer kriminellen Organisation genutzt haben. Laut Anklage mit Sozialhilfe-Geldern aus der Schweiz, wie die «Rundschau» berichtete. Die Kameraden von damals haben sich unterdessen von Syla distanziert. Er sitzt jetzt in Kosovo in Untersuchungshaft.

Mit einem kraftvollen Auftritt vor tausenden Menschen auf dem Skenderbeg-Platz in Pristina hat die Oppositionsbewegung Vetëvendosjë! am Freitag den Wahlkampf beendet. Die Bewegung will von der Strasse an die Macht. Albin Kurti, der ehemalige Studentenführer und enfant terrible der kosovarischen Politik, hat im Wahlkampf eine Krawatte angezogen. Die Zeit der Proteste sei vorbei, es sei Zeit für eine Siegesfeier über die Kräfte der Vergangenheit. Gefeiert wie ein Popstar, hypnotisierte Kurti vor allem ein jugendliches Publikum: «Ich verspreche mit Verstand, ich schwöre mit Herz!»

Serben zwischen Hammer und Amboss

Doch Vetëvendosjë! ist umstritten: Das Programm der Oppositionsbewegung fordert eine Abstimmung über die Vereinigung Kosovos mit Albanien. Das Gespenst von Grossalbanien geistert immer wieder durch die Zeitungen Serbiens. Ein Wahlsieg von Kurtis Bewegung könnte das fragile Gefüge auf dem Balkan ins Wanken bringen.

Die serbische Minderheit in Kosovo befürchtet deshalb stürmische Zeiten. Sie ist ohnehin zwischen Hammer und Amboss: Belgrad unterstützt eine Einheitsliste mit Loyalisten von Präsident Aleksandar Vučić. Doch viele Kosovo-Serben wollen für die Liberaldemokraten stimmen, die mit der albanischen Mehrheit zusammenarbeiten will.

Eigeninitiative statt Politik

Der Wahlausgang vom Sonntag ist offen. Keine der Partien wird eine absolute Mehrheit erringen. Der eigentliche Krimi beginnt deshalb bei der Regierungsbildung. Schon nach der letzten Wahl war die kosovarische Politik ein halbes Jahr lang blockiert, bis sich die Thaçi-Partei auf eine grosse Koalition eingelassen hat.

Die Frauen aus dem Dorf Krusha ë Madhë setzen lieber auf ihre Arbeit statt auf die Versprechen aus Pristina. Das Geschäft mit ihren Bio-Produkten läuft gut. Ihr Kollektiv gehört zu den wenigen Betrieben im Land, die erfolgreich Güter aus Kosovo exportieren.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Swisscoy-Einsatz wird um weitere drei Jahre verlängert

    Aus Rendez-vous vom 8.6.2017

    Seit 1999 setzt sich die Schweizer Armee für Frieden in Kosovo ein. Der Bundesrat will die Swisscoy-Mission bis Ende 2020 fortführen, aber die Truppenbestände verringern. Ist diese Reduktion ein Problem für Kosovo? Hintergründe und Einschätzungen von SRF-Mitarbeiter Walter Müller in Belgrad.

    Curdin Vincenz und Simon Leu

  • Aufgedeckt: Schweizer Sozialhilfe für Kosovo-Mafia

    Aus Rundschau vom 7.6.2017

    Im Kanton Solothurn bezog er eine Invalidenrente, in Kosovo gehörte er zum politischen Establishment: Jetzt sitzt Azem Syla in kosovarischer Haft. Der ehemalige UCK-Kommandant habe das grösste Mafia-Netz Kosovos aufgebaut. „Rundschau“-Recherchen zeigen: Das Schweizer Sozialgeld diente ihm als Startkapital.