Tote bei neuen Unruhen in Ägypten

In Kairo gab es bei Zusammenstössen zwischen Polizei und Muslimbrüder mehrere Todesopfer. Derweil lancierte die ägyptische Armee nahe der Grenze zu Israel eine Grossoffensive. Dabei soll es auch zu Luftschlägen gegen militante Gruppen gekommen sein.

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Bildlegende: Die Stimmung in Ägypten heizt sich wieder auf. Bei neuen Unruhen hat es bereits mehrere Tote gegeben. Keystone

Muslimbrüder trotzen dem Ausnahmezustand

2:43 min, aus Echo der Zeit vom 04.10.2013

Tausende Anhänger der ägyptischen Muslimbrüder haben in Kairo gegen die vom Militär gestützte Regierung demonstriert. In einem Vorort der Hauptstadt marschierten sie in Richtung des Orts, wo im August eines ihrer Protestlager gewaltsam geräumt worden war.

Mehrere Todesopfer

Die Demonstranten skandierten Rufe gegen Armeechef Abdel Fattah al-Sisi, der den gewählten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi am 3. Juli aus dem Amt geputscht hat. Die Sicherheitskräfte gingen mit Tränengas gegen die Demonstranten vor.

Auch in anderen Städten kam es zu Gewaltausbrüchen. Mehrere Menschen sind bei den Zusammenstössen ums Leben gekommen. Mindestens vier Anhänger der islamistischen Vereinigung wurden nach Angaben von Vertretern des Gesundheitsdienstes bei Ausschreitungen in Kairo erschossen. In der Nähe des Tahrir-Platzes im Zentrum der Hauptstadt sei scharfe Munition aus Militärfahrzeugen abgefeuert worden, berichteten Augenzeugen.

Zahlreiche Festnahmen und Luftangriffe

Zuvor war ein ägyptischer Soldat nahe der Stadt Ismailia am Suezkanal aus einem vorbeifahrenden Fahrzeug heraus erschossen worden. Wie das Staatsfernsehen berichtete, wurden bei dem Angriff auf einen Armeetransporter auf der Verbindungsstrasse zwischen Ismailia und Kairo zwei weitere Soldaten verletzt.

Anhänger der Muslimbrüder demonstrieren in einer Strasse in Kairo. Einige werfen mit Steinen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Stimmung in Kairo ist drei Monate nach dem Sturz Mursis aufgeheizt. Reuters

Die ägyptische Armee will derzeit in einer Grossoffensive militante Gruppen von der Sinai-Halbinsel vertreiben. Sicherheitskräfte gehen seit etwa vier Wochen verstärkt gegen die Islamisten im Nordosten des Landes vor. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen wurden dabei bisher 109 Personen festgenommen. Augenzeugen berichteten von Luftschlägen in Gebieten nahe der Grenze zu Israel.

Symbolträchtiger Jahrestag

Am Sonntag jährt sich zum 40. Mal der Beginn des Oktoberkriegs gegen Israel. Der sogenannte Jom-Kippur-Krieg (hebräisch für «Tag der Sühne») wird von Ägyptens Armee als grosser Erfolg gesehen und mit entsprechendem Pomp gefeiert. Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi wollen den Anlass nutzen und nochmals alle verbliebenen Kräfte mobilisieren. Sie haben für das Wochenende grosse Demonstrationen in Aussicht gestellt.

SRF-Nahostkorrespondent Philipp Scholkmann glaubt allerdings nicht an eine starke Beteiligung: «Die Mobilisierungskraft der Muslimbrüder hat abgenommen.» Tausende ihrer Anhänger wurden festgenommen; die gesamte Führungsspitze der islamistischen Bewegung ist in Haft. «Die heutigen Kundgebungen haben zwar ambitiöser und besser organisiert gewirkt als jene der letzten Wochen», gibt er zu. «Doch die meisten Experten bezweifeln, dass damit die Trendumkehr gelingt.»