Trockenheit wegen El Niño: «Das Phänomen ist berechenbar»

Es herrscht strenge Dürre in vielen Weltregionen. Verantwortlich dafür ist das Wetterphänomen El Niño. Wie der Klimaexperte Reto Knutti sagt, ist es möglich, sich darauf vorzubereiten. Allerdings fehlen den meistbetroffenen Gebieten dazu die Mittel.

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Bildlegende: Das El-Niño-Phänomen erwärmt das Wasser. Giftige Algen können sich entwickeln. Daran ist die Robbe gestorben. Keystone

Viele Gegenden der Welt sind zurzeit von einer eine grosse Dürre betroffen. Südafrika ist betroffen davon, aber auch Indien, Australien oder Mittelamerika. Dahinter steckt das Wetterphänomen El Niño. Diese Wetteranomalie ist eine Ursache für Nahrungsmittelknappheit, Hungersnot und Landflucht, wie Klimaexperten sagen. Reto Knutti ist einer dieser Experten. Er forscht an der ETH Zürich und erklärt, wie das Wetterphänomen El Niño die extreme Dürre in den verschiedenen Weltgegenden hervorbringt.

SRF News: Wie hängt das Wetterphänomen El Niño mit der Dürre zusammen?

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Reto Knutti

Reto Knutti

Der Klimaforscher leitet die Gruppe Klima-Physik an der ETH Zürich. Reto Knutti ist Spezialist für Prognose-Modelle und untersucht die langfristigen Auswirkungen des von Menschen verursachten Treibhausgas-Ausstosses auf das Klima.

Reto Knutti: El Niño ist das dominante langfristige Wetterphänomen im Pazifik und hat Auswirkungen auf Temperaturen und Niederschläge in vielen Regionen der Welt. Es ist eine der Ursachen dafür, dass es in Afrika im Moment so trocken ist.

In Wetterberichten fallen Begriffe wie historische Wetteranomalie, Monster, Godzilla für das aktuelle Wetterphänomen. Was ist El Niño genau?

El Niño beginnt typischerweise mit einer warmen Wassermasse im Pazifik, dann brechen die Fischereierträge ein. Das kann man beobachten. Das geht einher mit Veränderungen in den Passatwinden, bei den dominanten Windmustern, und das beeinflusst dann verschiedene Regionen in der Welt. Es ist vergleichbar mit einem Stein, den man in einem See mit einer komplexen Form ins Wasser wirft, dann gibt es Wellen an verschiedenen Orten, und die sind verschieden hoch.

Warum betrifft die Dürre gewisse Weltgegenden, etwa Ost- und Südafrika, Mittelamerika oder Indien besonders stark?

Um das Beispiel vom See wiederaufzunehmen: Diese Wellen sind an verschiedenen Küsten höher und auch tiefer und einige sind dazwischen. Bei denen passiert fast gar nichts. Die Auswirkungen sind sehr verschieden, an einigen Orten ist es trocken, an anderen ist es nass. Der Punkt ist, dass diese Regionen in Afrika besonders betroffen sind vom Wetterereignis an sich, wichtig ist aber auch, dass sie schlecht vorbereitet sind. Viele dieser Menschen dort sind im landwirtschaftlichen Sektor tätig. Ihre Ernährung ist direkt abhängig vom Regen. Das heisst, wenn der Regen ausbleibt, sind sie dem praktisch hilflos ausgeliefert. Es gibt keine Versicherungen, es gibt keine Hilfeleistungen, es trifft die Menschen viel härter, als es uns treffen würde.

«  Aber diese Regionen haben weder die Infrastruktur noch die politischen Mittel noch die Strukturen, um sich dagegen zu wehren. »

El Niño ist ein Wetterphänomen, das in regelmässigen Abständen wiederkehrt. Sie haben gesagt, viele Länder seien schlecht vorbereitet, denn eigentlich ist es absehbar, wann die nächste Dürreperiode folgt. Können sich die betroffenen Weltgegenden nicht besser dagegen wappnen?

El Niño ist zum Teil berechenbar. Man hat den jetzigen El Niño im Frühling 2015 schon vorausgesagt. Das heisst, die Wahrscheinlichkeit einer solchen Dürre war relativ hoch. Aber diese Regionen haben weder die Infrastruktur, noch die politischen Mittel, noch die Strukturen, um sich dagegen zu wehren. Sie können diese Informationen nicht umsetzen, sie haben keinen Plan, wie sie damit umgehen wollen. Sie sehen einfach zu, was passiert, und hoffen dann, dass international irgendwann jemand hilft. Die ganze Katastrophenvorbereitung und die Warnsysteme fehlen völlig. Und dann kommen Bürgerkriege dazu und so weiter. Sie sind nicht gut aufgestellt, um mit Risiken umzugehen.

Der El Niño 2015/2916 gilt als eine der grössten Wetteranomalien der letzten fünfzig bis sechzig Jahre. Ist das ein Hinweis auf den Klimawandel?

Der Klimawandel ist eine langfristige Erwärmung des Systems. Darüber gibt es Wetter und darüber hat es auch Jahr zu Jahr Variationen wie El Niño. Der kommt alle paar Jahre wieder, das war auch schon in der Vergangenheit so und wird auch in der Zukunft so sein. Vielleicht werden sich diese Phänomene häufen oder werden stärker. Das wissen wir nicht sicher. Aber es ist ein guter Test für das System. Wenn man mit solchen extremen Situationen gut umgehen kann, wenn das System robust ist, dann sind wir auch gegen den Klimawandel besser gewappnet.

Welche Prognose gibt es für die aktuelle El-Niño-Phase und wann flaut die wieder ab?

Dürre trifft auch Landwirte in Südafrika

4:19 min, aus SRF 4 News aktuell vom 17.05.2016

Der jetzige El Niño hat Ende 2015, Anfang 2016 den Höchststand erreicht. Er war verantwortlich für das Rekordjahr 2015, die extremen Temperaturen weltweit Anfang 2016. Bis etwa Mitte dieses Jahres werden wir wieder neutral sein, dann kann es sein, oder es ist wahrscheinlich, dass wir ins Gegenteil kippen, dass es eine schwächere oder stärkere El-Niña-Phase gegen den Herbst hin gibt.

El Niña wäre das Gegenteil?

Ja, das wäre das umgekehrte Phänomen. Das heisst, dort, wo es zu trocken ist, wäre es zu nass. Das kann auch wieder zu Problemen führen, zum Beispiel zu Krankheiten und Überschwemmungen und so weiter.

Wegen der extremen Dürre sind in Afrika Millionen von Menschen vom Hunger bedroht. Es gibt Ernteausfälle von Japan über Indien nach Südafrika zu verzeichnen. Würden Sie sagen, dass das El Niño -Phänomen auch aufzeigt, wie verwundbar die Welt in Bezug auf das Wetter ist?

Absolut. Wetter gibt es immer. Aber wir sehen bei uns zum Beispiel, dass wir relativ gut darauf vorbereitet sind. Wir haben Pläne, wie haben Warnsysteme. Ein Rekordsommer wie letztes Jahr führt bei uns normalerweise nicht zu Todesopfern und es muss auch niemand Hunger haben. Das heisst, man kann sich vorbereiten. In den Entwicklungsländern fehlt das fast vollständig. Die sind diesen Wetterphänomenen fast vollständig ausgeliefert und sind dann auch verwundbarer.

Das Gespräch führte Marlen Oehler.