Türkei: Nach der Trauer die Eskalation

Tränengas und Gummischrott: Auf dem Taksim-Platz in Istanbul haben sich Demonstranten und die Polizei heftige Strassenkämpfe geliefert. Auslöser für die neue Welle der Gewalt ist der Tod eines 15-jährigen Jugendlichen.

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Neue Proteste in der Türkei

1:31 min, aus Tagesschau vom 12.3.2014

Nach 269 Tagen im Koma ist ein bei den Protesten in der Türkei verletzter Jugendlicher gestorben. «Wir haben unseren Sohn Berkin Elvan um sieben Uhr verloren. Möge er in Frieden ruhen», teilte seine Familie mit.

SRF-Korrespondent Werner van Gent zu den Protesten in der Türkei

2:20 min, aus Tagesschau am Mittag vom 12.3.2014

Er war im Juni in Istanbul von einem Tränengasgeschoss der Polizei am Kopf getroffen worden. Nach Darstellung seiner Familie wollte er Brot holen, als er bei Zusammenstössen zwischen Polizei und Demonstranten zwischen die Fronten geriet.

Schon in der Nacht zum Mittwoch demonstrierten daraufhin in Istanbul, Ankara, Izmir und zahlreichen anderen Städten Menschen gegen die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.

Nach der Trauer die Wut

Im Anschluss an einen Trauerzug Zehntausender Menschen, die sich zum grössten Protest seit dem vergangenen Sommer versammelt hatten, lieferten sich Regierungsgegner und Polizei heftige Strassenkämpfe, wie Augenzeugen berichteten. Die Polizei stoppte die Demonstrationszüge mit Wasserwerfern, Tränengas und Gummigeschossen am zentralen Taksim-Platz in Istanbul. Die Demonstranten reagierten mit Steinen auf den massiven Einsatz.

Auf Plakaten wurde Erdogan als «Mörder» beschimpft. Die Menge in Istanbul skandierte: «Schulter an Schulter gegen Faschismus» und «Regierung, Rücktritt». In den Strassen rund um den Taksim-Platz hingen am Abend Schwaden von Tränengas.

Die Proteste hatten sich im vergangenen Sommer an Plänen der Regierung entzündet, den Gezi-Park am Rande des Istanbuler Taksim-Platzes zu bebauen. Sie richteten sich bald vor allem gegen Erdogans autoritären Regierungsstil.

Druck auf Erdogan nimmt zu

Der Vorsitzende der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP) sagte, Erdogan sei verantwortlich für den Tod des Jugendlichen. Dem Regierungschef, der sich gegen Korruptionsvorwürfe verteidigen muss, warf er vor, sich inzwischen vor allem um das finanzielle Wohl seiner Familie zu kümmern. Vor der für den 30. März angesetzten Kommunalwahl warnte er, die Regierung wolle Gewalttaten provozieren.

Dagegen warf Erdogan seinen politischen Gegnern vor, einen neuen Wahlsieg seiner AKP mit Strassenprotesten verhindern zu wollen. Wer immer Streitigkeiten austragen wolle, solle dies mit der Stimmabgabe bei den Kommunalwahlen tun.