Unbekannte werfen Handgranate auf Flüchtlingsheim

Unbekannte haben in der Nacht einen Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen verübt. Sie warfen eine scharfe Handgranate auf das Gelände. Die Bewohner hatten Glück: Der Sprengsatz explodierte nicht.

Anschlag auf Flüchtlingsheim in Villingen-Schwenningen im Schwarzwald-Baar-Kreis: In der Nacht auf Freitag landete auf dem Gelände der sogenannten bedarfsorientierten Erstaufnahmestelle eine scharfe Handgranate, wie Polizeisprecher Thomas Kalbach erklärt: «Es war schlicht Glück, dass sie nicht explodierte und niemand zu Schaden kam.» Die Granate war mit Sprengstoff gefüllt. Ob ein Zünder vorhanden war, sei noch unklar.

Einsatzwagen der Polizei, Polizisten stehen hinter Absperrung Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Weiträumige Sperrung: Die Polizei musste die Handgranate zur kontrollierten Explosion bringen. Keystone

Laut einer Sprecherin des Bundeskriminalamtes (BKA) ist dies der erste Fall eines Angriffs auf ein Flüchtlingsheim, bei dem Sprengstoff zum Einsatz kam: «Bis jetzt hatten wir zwar mehrere Fälle, in denen Pyrotechnik verwendet wurde. Dass nun eine Kriegswaffe zum Einsatz kam, ist neu.»

Bundesjustizminister Heiko Maas hat den Anschlag umgehend scharf verurteilt. Das Ausmass der Gewalt sei erschreckend: «Die Täter dürfen nicht ungestraft davonkommen. Sie müssen konsequent ermittelt und bestraft werden», forderte Maas. Die Zunahme der Angriffe auf Flüchtlinge sei dramatisch, alle Demokraten müssten noch entschiedener für eine offene und tolerante Gesellschaft eintreten. «Sprengkörper auf Flüchtlingsheime fliegen heute schon, wir dürfen nicht abwarten, bis es die ersten Toten gibt», mahnte der Justizminister.

Sicherheitsleute fanden Granate

Ein Sicherheitsmann der Flüchtlingseinrichtung hatte die Granate gegen 1.30 Uhr auf dem Boden liegen sehen und umgehend die Behörden alarmiert. Die Polizei sperrte das Gelände weiträumig ab.

Entschärfer sprengten die Granate daraufhin. Dazu hätten 20 der 176 Menschen in der Unterkunft ihre Wohnungen kurzzeitig verlassen müssen, wie der Polizeisprecher erklärte. Hinweise auf die Täter gebe es derzeit nicht. Auch habe sich bisher niemand zur Tat bekannt.

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In Deutschland wurden letztes Jahr 173 Gewalttaten gegen Flüchtlingsunterkünfte verzeichnet. Dies sind sechsmal so viele Übergriffe wie ein Jahr davor. 2014 waren es noch 28 gewesen. Besonders extrem ist die Zunahme von Brandstiftungen. Hier nahm die Zahl von 6 (2014) auf 92 (2015) zu. (Quelle: Bundeskriminalamt)

Zur Aufklärung des Falles hat die Polizei Rottweil eine Sonderkommission mit dem Namen «Container» eingerichtet. Laut seiner Sprecherin ist das BKA bislang nicht tätig, dazu müsse es von der zuständigen Staatsanwaltschaft beauftragt werden. Es finde jedoch eine fachliche Zusammenarbeit mit den Ermittlern vor Ort statt. Die BKA-Sprecherin warnte davor, die Lage vorschnell zu bewerten: «Eine seriöse Einschätzung kann erst erfolgen, wenn alle Umstände berücksichtigt wurden.»

Rechtsextreme im Ort verhaftet

Der baden-württembergische Ort Villingen-Schwenningen sorgte in der vergangenen Woche mehrfach für Aufsehen: Am Sonntag gehörte er zu einer Reihe von Städten in den Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg, in denen Russlanddeutsche gegen die angeblich ausufernde Gewalt von Ausländern demonstrierten.

Vor einigen Tagen wurde nahe von Villingen-Schwenningen einer von zwei Betreibern der verbotenen rechtsextremen Internetplattform «Altermedia» festgenommen. Dieser steht im Verdacht, volksverhetzende Inhalte zu verbreiten.