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International US-Kritik am Irak – eine diplomatische Erziehungsmassnahme

Ein starkes Stück. Nach der Eroberung der irakischen Stadt Ramadi durch die Terror-Miliz IS gehen mit dem US-Verteidigungsminister Ashton Carter die Pferde durch. Er bezichtigt die irakische Armee der Feigheit vor dem Feind. Für Nahost-Experten nicht mehr als eine Rüge mit Kalkül.

Schiitische Milizionäre halten im Gebet ihre Hände wie ein offenes Buch.
Legende: An Mut fehlt es den Irakern nicht. Aber nicht selten kämpfen sie mit quasi leeren Händen. Keystone

Die Wogen gehen hoch. Die irakische Armee überlässt die irakische Grenzstadt Ramadi trotz grosser Überzahl der Terror-Miliz IS. US-Verteidigungsminister Ashton Carter greift danach zum Zweihänder.

Die Soldaten hätten «einfach keinen Willen gezeigt zu kämpfen», macht er seinem Ärger in einem CNN-Interview Luft. Kaum ist die Empörung auf irakischer Seite entfacht, kühlt US-Vizepräsident Joe Biden die Gemüter auf dem diplomatischen Parkett. Vollmundig rühmt er die gleichen Soldaten ihrer «enormen Opfer und ihrer Tapferkeit».

Dies ist kein versehentlicher Affront gewesen.
Autor: Roland PoppNahostexperte CSS
Legende: Video Irakische Armee rüstet sich zur Verteidigung abspielen. Laufzeit 00:56 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 26.05.2015.

Laut dem Sicherheits- und Nahost-Experten Roland Popp muss man diese vordergründig wankelmütige Reaktion aus Washington als diplomatischen Prozess verstehen. Der Forscher am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich liest die Äusserungen von Carter und Biden als Teil eines Versuchs, öffentlichen Druck auf den Irak auszuüben. «Dies ist kein versehentlicher Affront gewesen», sagt Popp im Interview mit SRF News.

Seit dem Abzug der amerikanischen Bodentruppen aus dem Irak bestehen zwischen der irakischen Führung und dem Ex-Besatzer Unstimmigkeiten. Zum einen sind sie operativer Natur. Immer wieder fällt den IS-Schergen hochwertiges Militärmaterial der Amerikaner in die Hände. So war es in Mosul und später in Tikrit.

Portrait des Sicherheits- und Nahostexperten des CSS der ETH Zürich Roland Popp.
Legende: Für den ETH-Nahost-Experten Roland Popp sind die US-Vorwürfe nicht gänzlich unbegründet. SRF

Zur Hauptsache betreffen die Misstöne aber die dürftigen Bemühungen der irakischen Regierung, den Bruderzwist von Schiiten und Sunniten im Land beizulegen und die umfassende Schlechterstellung der sunnitischen Bevölkerung zu beenden. Nur dann wird es nach Ansicht der US-Strategen möglich sein, die Streitkräfte mit dem zivilgesellschaftlichen Vertrauensvorrat auszurüsten, den es braucht, um eine solche Schlacht für sich zu entscheiden.

Kritik ist nicht ganz unbegründet

Geht es nach US-Aussenminister John Kerry, ist die Schlacht noch gar nicht entschieden. Auch er spielt den Part des Beschwichtigers im US-diplomatischen Massnahmenvollzug. Solche Angriffe seien in solchen Konflikten normal, liess er verlauten. Er sprach dem Irak gleichermassen Vertrauen wie weitere Unterstützung zu und gab sich zuversichtlich, dass Ramadi demnächst zurückerobert werde. Diesen Optimismus kann Roland Popp nicht teilen.

«Auch im Irak war man entsetzt, wie Ramadi verteidigt wurde», sagt der ETH-Forscher. Dass es mit dem Nachschub der Anti-IS-Kämpfer Schwierigkeiten gab, ist nicht nur den logistischen Problemen der Armee geschuldet. Seit Monaten fehlt der Sold, die Moral der Truppe beflügelt das nicht. Zudem ist die Armee nicht passend ausgerüstet für den Kampf gegen die Fanatiker.

«Die fahren mit ihren Truck-Bomben in einen Ort ein und sprengen Kontrollpunkt um Kontrollpunkt weg», weiss Popp. Gegen diese Amok-Strategie der Selbstmordattentäter braucht es spezielle Ausrüstung und eine entsprechende Ausbildung. Weil das alles fehlt, fehlt der Bevölkerung weitgehend das Vertrauen in die Armee.

Obamas Irak-Strategie desavouieren

Bei aller berechtigten Kritik gegen die irakische Kampfkraft haftet der Polterei des US-Verteidigungsministers auch innenpolitisches Kalkül an, ist Popp überzeugt. Viele Republikaner sähen gerne wieder amerikanische Kampfstiefel im irakischen Wüstensand. Sie torpedieren Obamas Zurückhaltung im Irak bei jeder halbwegs geeigneten Gelegenheit.

Und in der Tat: Auch Obamas Luftschläge gegen den IS kommen über eine Propaganda-Wirkung kaum hinaus. «Die Truppen des IS sind grösstenteils Infanterie», erklärt der Sicherheits-Experte Popp das Phänomen. «Sie haben nur wenige schwere Waffen und bieten somit wenig Ziele.»

Die Schuld am Versagen der Anti-IS-Kräfte im Irak hat sicherlich nichts mit Feigheit zu tun. Dessen sind sich auch die USA bewusst. Aber im Irak bewegt man vielleicht etwas, wenn man das nur schon öffentlich behauptet.

Rückeroberung läuft

Irakische Truppen haben nach Regierungsangaben mit der Rückeroberung der von der Terrormiliz IS kontrollierten Provinz Al-Anbar im Westen des Landes begonnen. Die kürzlich vom IS eroberte Provinzhauptstadt Ramadi nannten die Regierungsstellen dabei nicht namentlich.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Mario Probst, Zürich
    Also die Amis sollten am besten schweigen und wenn möglich für immer,weil hätten sie Irak nicht angegriffen gäbe es kein IS heute!Seit Vietnam zig Kriege geführt oft ohne UN Resolution, also wenn jemand der Kriegsverbrecher ist dann die Amis!
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  • Kommentar von C. Szabo, Thal
    Wenn sich eine fundamentale religiöse Macht wie der IS in Nahost festsetzt, sind Konflikte auf Jahre hinaus vorprogrammiert. Frauen, religiöse Minderheiten und Oppositionelle würden schweren Zeiten entgegen gehen. Viele säkulare Staaten wären bedroht und Fortschritte in der Gesellschafft würden zunichte gemacht. Nur die Führer gewisser Staaten könnten ihre Machtposition ausbauen. Wie in früheren Epochen in Europa war eine Verbindung von Politik und Religion ein Zeit des Stillstands.
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  • Kommentar von Roman Hofer, Sursee
    Der IS hat uns doch gar nichts zu leide getan! Ich glaube das Eingreifkriterium des "Ethnic cleansing" ist noch gar nicht erfüllt. Es ist einfach ein neuer Staat der im entstehen ist. Eine Theokratie ist gar nichts schlimmes, der Vatikan darf auch existieren. Auch die Schweiz ist einmal entstanden und wir wurden dafür auch nicht ausgerottet. Der IS könnte sogar helfen die Radikalen von Europa wegzubringen. Also mir ist der IS komplett egal.
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    1. Antwort von H. Kohlmann, Odtringen
      Sehr geehrter Mitkommentator Ihren Anmerkungen nach, scheint die besagte Gruppierung, kein Wässerchen trüben zu können. Das ist für mich ein zu lockerer Umgang mit Leuten, welche anders denkenden und glaubenden, mir nicht dir nichts den Kopf abschneiden!
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    2. Antwort von E. Jenni, Ottikon
      @Hofer: Ich wollte eingentlich zu diesem Thema momentan nichts mehr schreiben, weil ich in den letzten Tagen doch einige Kommentare dazu verfasst habe. Aber was ich hier von ihnen zu lesen bekam, konnte ich kaum glauben. Ist das wirklich ihr ernst, dass ihnen die IS-Greuel egal sind? All die Massenmorde an wehrlosen Christen, Irakern und vorallem den Kindern?! Wenn sie diese Verbrechen nicht berühren, dann waren die Greuel der Nazis auch "einfach ein Staat der im enstehen war"? Einfach nur krank
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    3. Antwort von E. Jenni, Ottikon
      "Hofer: Noch etwas: Ich finde es gelinde gesagt ein Skandal, dass ihr Kommentar hier aufgeschaltet wurde. Ich bin in meinen Äusserungen, wenn es um die Sache geht auch nicht zimperlig und muss auch einstecken, aber ihre Aussagen sind nicht tolerierbar! "Ethnische Säuberung" sei von dem IS noch nicht erfüllt - vieviele Massenmorde und Vertreibungen muss es denn ihrer Meinung nach noch geben bis "Ethnis cleansing" erfüllt sein kann? Ihre Worte und Ansichten sind mir zu radikal!
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    4. Antwort von Christa Wüstnet, Reinach
      Schliesse mich Ihnen an Herr Jenni, ich war entsetzt als ich das heute Morgen las. So eine Einstellung und widerliche Hetze sollte nicht der Allgemeinheit angeboten werden. Aber anscheinend gibt es auch solche Einstellungen.
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