«Die meisten Umfragen sind Mist»

Hillary Clinton oder Donald Trump? Wer Barack Obama ins Weisse Haus folgen wird, wissen wir am 8. November. Doch jetzt schon versuchen Umfragen, die Antwort vorwegzunehmen. Aber Achtung: Nicht allen ist zu trauen.

Symbolbild: Eine Reihe Personen wartet auf den Wahlkampfauftritt von Hillary Clinton. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Wähler entscheiden am 8. November. Bis dann sind Umfrageergebnisse mit Vorsicht zu geniessen. Keystone

«Donald Trump hat die Nase vorn.» Oder: «Hillary Clinton führt mit Abstand.» Immer wieder berichten die US-Medien über einen neuen Trend. Das sorgt für Aufmerksamkeit, Quote und Auflage.

Die erste derartige Umfrage lancierte der amerikanische Polit-Kolumnist E.J. Dionne in den 1970er Jahren für seine damalige Arbeitgeberin, die «New York Times». Heute hat fast jede Zeitung, jeder Sender und jedes Webportal eine eigene Umfrage.

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Verfälschte Ergebnisse

Allerdings: Nicht jeder Umfrage ist zu trauen. Wer die Wählerinnen und Wähler seriös befragt, brauche viel Zeit und vor allem viel Geld, betont Stanley Greenberg. Er war der leitende Meinungsforscher für Präsident Bill Clinton, Kandidat Al Gore und weitere Demokraten. Er sagt: «Einige Umfrageinstitute rufen zum Beispiel nur Festnetznummern an. Dabei haben viele Leute nur noch ein Handy – besonders viele Hispanics. Das verfälscht die Ergebnisse.»

Whit Ayres, der Meinungsumfragen für Republikaner wie Marco Rubio oder Lindsey Graham durchführt, formuliert seine Kritik etwas diplomatischer: «Es kommt auf die Qualität an. Wie viele Leute wurden wo befragt, welche Methode kam zur Anwendung?» Online-Umfragen könne man gleich ganz vergessen. Die besten Umfragen seien die, die für die Kandidaten selber erstellt werden und die deren Wahlkampfstrategie beeinflussen. Doch die seien nicht öffentlich.

Donald Trump – die grosse Unbekannte

Vorsicht ist insbesondere dann angebracht, wenn Umfragen für das ganze Land durchgeführt werden. Denn entscheidend ist allein, wie die Kandidaten in den einzelnen Bundesstaaten abschneiden, vor allem in den wichtigen Swing-States, also in jenen Bundesstaaten, die nicht immer republikanisch oder demokratisch wählen.

Und dann macht Donald Trump dieses Mal alles noch etwas komplizierter: Er hat in den Vorwahlen Wähler angelockt, die selten oder nie abstimmen. Es ist fraglich, ob diese am Wahltag tatsächlich alle an die Urne gehen – so, wie sie es den Meinungsforschern zu Protokoll geben.

Kolumnist E.J. Dionne bedauert die Umfrage-Manie in den USA: «Wir sagen immer, wir sollten mehr über Themen berichten statt über Umfragen. Und doch wird man als Polit-Reporter überall als Erstes gefragt: Wer gewinnt?»

Ja, wer gewinnt? Für Stanley Greenberg, den Meinungsforscher der Demokraten, ist das keine Frage: «Hillary Clinton!» Und was sagt Whit Ayres, der Meinungsforscher der Republikaner? Zuerst gar nichts. Dann holt er tief Luft und meint: Im Moment sehe es nach einem Sieg Hillary Clintons aus.