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Ein Leben in Freiheit ist für Wiktor nicht in Sicht
Aus Tagesschau vom 26.02.2020.
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Was geschieht in Russland? Gegen den FSB wird nicht ermittelt – trotz Foltervorwürfen

Ein junger Mann wirft dem russischen Inlandsgeheimdienst Folter vor. Eine Untersuchung ist nicht absehbar.

Die Vorwürfe des 25-jährigen Wiktor Filinkows gegen den russischen Inlandsgeheimdienst FSB wiegen schwer: «Die Leute vom FSB haben mich gefragt, weswegen ich mit meiner Frau zusammen bin. Ich sagte, dass ich sie lieben würde. Da haben sie mich nochmals mit dem Elektroschocker gefoltert und die Frage wiederholt. Da habe ich geschrien, dass ich meine Frau lieben würde», schilderte er vor Gericht in St. Petersburg.

Seine Frau, Alexandra Aksenowa, befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Ausland und hat im letzten Jahr in Finnland Asyl erhalten, da ihr in Russland Verfolgung und Folter drohen. Ihr Mann ist laut eigenen Aussagen kurz nach seiner Festnahme vom FSB verschleppt und während Stunden mit einem Elektroschocker gefoltert worden. So sei ein Geständnis erzwungen worden, welches er in der Zwischenzeit zurückgezogen hat.

Verschollene Beweise

Mitglieder einer Gefängniskommission haben ihn in der Untersuchungshaft besucht und seine Verletzungen in einem Bericht festgehalten. Der Bericht der Kommission wird jedoch nicht vor Gericht als Beweismaterial anerkannt. Bilder der Überwachungskameras im Gefängnis, welche die Schilderungen Wiktors belegen könnten, sind verschollen.

Kirill Titajew, Dozent für Rechtssoziologie an der Europäischen Universität von St. Petersburg, überrascht dies nicht: «Fast immer, wenn um Videomaterial von Untersuchungsgefängnissen oder Polizeiposten angefragt wird, stellt sich heraus, dass die Kameras nicht funktioniert haben, oder die Aufzeichnungen verloren gingen. Dies passiert, weil dieselben Leute das Videoarchiv kontrollieren, die der Folter beschuldigt werden.»

Keine Konsequenzen für den Geheimdienst

Die Anklage gegen Wiktor lautet auf Mitgliedschaft in einer linken Terrororganisation und ihm drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis. Die Männer, die Wiktor mutmasslich gefoltert haben, müssen kein Verfahren befürchten. Dies sei in Russland nicht üblich, schildert der Experte Titajew: «Mir ist kein Fall bekannt, dass ein Mitarbeiter des FSB zur Verantwortung gezogen worden wäre, aufgrund einer Beschwerde eines Bürgers. Im Gegensatz zur Polizei, wo es solche Fällen gab.»

Offiziell wird nicht erhoben, zu wie vielen Fällen von Folter es unter Aufsicht von Polizei- und Sicherheitsbehörden jedes Jahr kommt. Schätzungen gehen von mehreren hundert bis zu 100’000 Fällen jährlich aus. Damit sich in Russland grundsätzlich etwas ändere, brauche es ein Umdenken seitens der Behörden, ist Titajew überzeugt: «Von offizieller Seite wird in Russland nicht anerkannt, dass die Folter systematisch geschieht. Es heisst, es handle sich um Einzelfälle, die man als solche behandeln müsse.»

Das Problem liege dabei nicht in erster Linie beim FSB: «Gott sei Dank fallen nur wenige Untersuchungen überhaupt erst in die Hände des FSB, deswegen liegt die Anzahl Folteropfer durch den FSB tiefer, als jene der Polizei.» Der Anwalt von Wiktor hat bereits Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg eingereicht.

Tagesschau, 26.2.2020, 19:30

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Alexander Ognjenovic  (Alex)
    Ganz ehrlich mich überrascht es immer weniger dass ein Land wie Russland sich so gut versteht mit der Türkei und es überrascht mich immer weniger dass Putin so ein guter Freund von Erdogan ist! In der Türkei wie auch in Russland werden Menschen eingesperrt und gefoltert wenn sie sich kritisch über deren Regime äussern! Selbst die Kritik an Militäreinsätze im Ausland kann Jahrzehnte lange Haft mit sich bringen!
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  • Kommentar von Alexander Weljaminoff  (AndererMeinung)
    Auf Grund der unzureichenden Hintergrundinformationen über diesen Fall, der auf verschiedenen Anti-Regierungsplattformen diskutiert wird (man bräuchte Tage, um sich durch alles durchzulesen) scheint es sich um eine ausserparlamentarische linke Gruppe von Aktivisten zu handeln. Das Interessante ist, dass der Kreml eine solche Angst vor diesen paar Männern zu haben scheint, dass sie alles in Ihrer Macht stehende tun, um diese Leute für die längste Zeit hinter Gitter zu bringen.
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  • Kommentar von Hanspeter Flueckiger  (Hpf)
    wieso diese einseitige Partneinahme für den Angeklagten? Weil er aus westlicher Sicht ein "Guter" ist. Würde jetzt mal das Urteil abwarten. Wobei sich das Gericht bei dieser - aus seiner Sicht - "Einmischung von Aussen" kaum gnädig zeigen wird.
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    1. Antwort von kurt trionfini  (kt)
      Herr Flueckiger: Vermutlich haben Sie den Artikel nicht wirklich verstanden. Es geht ja nicht um eine Parteinahme für oder gegen den Angeklagten. Es geht um die Art und Weise, wie der Russische Inlandgeheimdienst mit dem Gefangenen umgeht.
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