Wer war Micah Johnson?

Der 25-jährige Micah Johnson richtete am Donnerstagabend in den Strassen von Dallas ein Blutbad an. Nach eigenen Angaben wollte er so viele weisse Polizisten wie möglich töten – aus Wut über Polizeigewalt gegen Afroamerikaner.

Micah Johnson posiert für ein Foto in Militärkleidung Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zwei Tage nach den tödlichen Schüssen auf weisse Polizisten wird immer mehr über den Attentäter Micah Johnson bekannt. Keystone/archiv

Er war nicht vorbestraft und auch sonst unauffällig. Micah Xavier Johnson war ein Einzelgänger. Doch in seiner Wohnung in einem Vorort von Dallas hortete der 25-Jährige ein riesiges Waffenarsenal: Gewehre, Munition, Material zum Bau von Bomben und kugelsichere Westen.

Der Attentäter, der bei einer Kundgebung gegen Polizeigewalt in Dallas am Donnerstag fünf Polizisten tötete, hatte sich offenbar gründlich auf die Gewaltaktionen vorbereitet. Auch ein Handbuch für den bewaffneten Kampf sowie eine Art Tagebuch zu Kampftechniken wurden gefunden. Daraus geht laut der «New York Times» hervor, dass Johnson seinen Angriff im Garten seines Wohnhauses geübt hatte. Die Zeitung beruft sich auf Angaben eines Spitzenbeamten, der für den Heimatschutz im Bezirk Dallas zuständig ist.

Demnach übte der 25-jährige Micah Johnson, wie man schiesst und sich dann schnell an einen anderen Ort bewegt. Das ist genau die Taktik, die er in der Nacht zum Freitag zum Töten der fünf Polizisten in der texanischen Stadt anwendete.

Vorwürfe sexueller Belästigung

Möglicherweise wendete der 25-Jährige auch in der Armee erworbene Kampftechniken für den Anschlag an. Er war sechs Jahre lang Reservesoldat und vom November 2013 bis Juli 2014 in Afghanistan im Einsatz. Dort arbeitete er allerdings als Schreiner. Es deute nichts darauf hin, dass er an Kämpfen beteiligt war oder verletzt wurde, schrieb unter anderem die «New York Times».

Nach mehreren weiteren Berichten musste Johnson den Afghanistan-Einsatz nach Vorwürfen sexueller Belästigung einer Soldatin vorzeitig beenden. Dies sei ein ungewöhnlich scharfes Vorgehen in dem Fall, zitierte die «Dallas Morning News» einen Militärjuristen.

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Wut als Motiv

Die Polizisten habe er aus Wut über die jüngsten Fälle tödlicher Polizeigewalt gegen Schwarze getötet. Er habe «Weisse töten» wollen, «vor allem weisse Polizisten.» Er habe «allein» gehandelt und gehöre keiner Organisation an. Das gabe der Täter zu Protokoll, bevor er in einem Parkhaus von einem Polizeiroboter mit einem Sprengsatz getötet wurde.

Auch wenn Johnson vermutlich ein Einzeltäter war – zumindest ideologisch scheint er militanten US-Schwarzenorganisationen nahegestanden zu haben. In seiner Wohnung seien afro-nationalistische Schriften gefunden worden, schreibt die «New York Times». Entsprechende Hinweise finden sich auch auf seiner Facebook-Seite, die noch am Freitag von dem Internet-Netzwerk gelöscht wurde.

Auf einem Foto auf Facebook ist der junge Afroamerikaner mit erhobener rechter Faust zu sehen, einer typischen Geste der Black-Power-Bewegung früherer Jahrzehnte. Er trägt eine bunte Tunika im afrikanischen Stil. Im Hintergrund ist die rot-schwarz-grüne afroamerikanische Flagge zu sehen, die in der Bewegung für die Rechte der Schwarzen in den 1960er-Jahren populär war. Ein anderes Foto zeigt die Schwarzweisszeichnung einer Faust und die Worte «Black Power».

Mit einem «Gefällt mir» markierte er mehrere radikale afroamerikanische Gruppierungen. Dazu gehören die New Black Panther Party (NBPP) und die Nation of Islam. Beide vertreten antisemitische und Weissen-feindliche Positionen, wie die auf die Bekämpfung von Rassismus spezialisierte Organisation Southern Poverty Law Center (SPLC) hervorhebt.

Eine weitere offenbar von Johnson favorisierte Gruppierung nennt sich African American Defense League. Sie wird von einem Ideologen namens Mauricelm-Lei Millere angeführt, der sich selbst als Psychotherapeuten, Poeten und schwarzen Nationalisten bezeichnet.

Nach dem tödlichen Polizeieinsatz gegen den 37-jährigen Afroamerikaner Alton Sterlin am Dienstag im Bundesstaat Louisiana hatte Millere zu blutiger Vergeltung aufgerufen: «Ihr und ich wisst, was zu tun ist, und ich meine nicht das Marschieren und viel Lärm machen oder an Versammlungen teilnehmen.» Er sprach von «Schweineblut», das in Louisiana vergossen werden solle. Ob Micah Johnson diesen blutrünstigen Appell vernahm, ist ungeklärt.

«  Wir dulden es nicht, wir unterstützen es nicht, aber wir verstehen es. »

Babu Omowale
Co-Gründer Huey P. Newton Gun Club

Babu Omowale ist Co-Gründer der Organisation Huey P. Newton Gun Club. Die Bürgerwehr führt bewaffnete Kontrollgänge in der Stadt durch. Johnson habe an Veranstaltungen teilgenommen, erzählt Omowale. Er habe ihn aber nicht persönlich gekannt.

Über die Polizistenmorde sagt Omowale: «Wir dulden es nicht, wir unterstützen es nicht, aber wir verstehen es.» Er könne nachvollziehen, dass die aktuellen Umstände im Land den Mann zu einer Tat wie dieser getrieben hätten. «Jeder Mann und jede Frau hat eine Belastbarkeitsgrenze, und wir glauben, dass Micah diese Grenze früher als andere erreicht hat.»

Johnson habe gelitten, auf sozialen Medien über die Ungerechtigkeiten gegen «seine Leute» zu lesen. «Diese Tat passierte nicht, weil jemand Menschen töten wollte. Das Justizsystem in den USA ist korrupt.»

Wie Omowale weiter ausführt, ist die Bürgerwehr im August 2014 gegründet worden als Reaktion auf den Tod von Michael Brown in Ferguson, der ebenfalls von einem weissen Polizisten erschossen worden war. Die Bürgerwehren überwachen laut seinen Angaben die Aktivitäten der Polizei und des Drogenhandels.

Schwarze Separatisten-Gruppierungen nehmen zu

Von den Black-Power-Gruppierungen sei bisher praktisch keine Gewalt ausgegangen, sagte Heidi Beirich von der SPLC. Seit dem Fall in Ferguson seien keine Angriffe durch Mitglieder solcher Organisationen verzeichnet worden. Jedoch gebe es immer mehr solcher «schwarzer Separatisten-Gruppierungen». 2014 seien 113 verzeichnet worden, 2015 bereits 180.

Laut Heidi Beirich ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar, ob Johnson tatsächlich Mitglied einer solchen Gruppierung war oder sich nur ideologisch beeinflussen liess. «Doch auch weise Extremisten sind immer seltener Mitglied einer Organisation, sondern tauschen sich mit Gleichgesinnten im Netz aus oder konsumieren Propaganda.»

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Erneute Proteste nach Dallas-Attacke

    Aus Tagesschau vom 9.7.2016

    Demonstrationen gegen Polizeigewalt in mehreren US-Städten sind gestern Abend überwiegend friedlich verlaufen.