Wie die Farc-Rebellen zu Politikern werden sollen

Dem Friedensvertrag haben sie zugestimmt, nun sollen die Farc-Kämpfer in Kolumbien innert sechs Monaten ihre Waffen abgeben. Danach sind der Guerillagruppe zehn Mandate in der Abgeordnetenkammer garantiert. Damit endet der Kampf der Farc, der vor mehr als 50 Jahren seinen Anfang nahm.

Frac-Rebelleb sitzen lachend auf einem Lastwagendach Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zehn Mandate in der Abgeordnetenkammer sind einer Farc-Partei garantiert. Keystone

Am Samstag hatten die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) dem Friedensvertrag zugestimmt, den Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos mit der Guerilla ausgehandelt hatte. Am Montag soll der Vertrag in Cartagena von beiden Seiten unterzeichnet werden. Voraussichtlich Anfang Oktober darf das kolumbianische Volk in einem Referendum über den Friedensvertrag abstimmen. Umfragen zeigen eine breite Unterstützung. Damit endet aller Voraussicht nach der jahrzehntelange Krieg zwischen der Regierung und der Guerilla-Organisation.

Geplant ist, dass die Farc-Rebellen innerhalb von 180 Tagen ihre Waffen abgeben – in den 28 festgelegten ländlichen Zonen, wo sie zuletzt aktiv waren. 12'000 Soldaten der kolumbianischen Streitkräfte und 450 UNO-Beobachter sollen die Abgabe sichern und steuern. Mit den eingeschmolzenen Waffen sollen Kriegsmahnmale in Kolumbien, auf Kuba und in New York entstehen.

Höchstens acht Jahre Haft für Geständige

Dem Staat Kolumbien ist der Frieden mit den Farc viel wert: So soll die Guerilla künftig auf parlamentarischem Weg für ihre Ziele, wie gerechtere Landverteilung oder Unterstützung der Armen, kämpfen können. Einer neu gegründeten Partei aus ehemaligen Rebellen garantiert Kolumbien zehn Mandate in der Abgeordnetenkammer. Zudem werden jedem Guerillakämpfer anfangs Sozialleistungen ausbezahlt, damit er im zivilen Leben Fuss fassen konnte: Monatlich rund 215 US-Dollar.

Rodrigo Londoño steigt in einen Helikopter und streckt eine geballte Faust in die Luft Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ihm drohen – trotz Verurteilungen zu knapp 200 Jahren Haft – höchstens acht Jahre: Farc Kommandeur Rodrigo Londoño. Keystone

Und nicht nur das: Für die ehemaligen Kämpfer gilt eine Sonderjustiz. Selbst für schwere Verbechen drohen geständigen Rebellen höchstens acht Jahre Gefängnis. Das gilt auch für Rodrigo Londoño, den derzeitigen und wohl letzten Kommandeur der Farc. Dies, obwohl er wegen Mordes, Entführung und Rebellion von der kolumbianischen Justiz bereits zu fast 200 Jahren Haft verurteilt worden war. In Abwesenheit, versteht sich.

Ursprünge und erste Friedensgespräche

Die Farc sind die grösste und älteste Guerillaorganisation Lateinamerikas. Zuletzt waren noch rund 8000 Kämpfer unter Waffen. Ihre Ursprünge liegen im Bürgerkrieg zwischen der liberalen und konservativen Partei in Kolumbien in den 1950er-Jahren. Später diente die Guerilla der Kommunistischen Partei als militärischer Arm. Mit der Partei Unión Patriótica (UP) versuchten die Farc ab 1984, in die Politik einzusteigen. Rechte Paramilitärs töteten daraufhin Tausende Anhänger und Politiker der UP – das verschärfte den Kampf.

Auf dem Höhepunkt ihrer Macht führten die Farc von 1998 bis 2002 bereits einmal Friedensgespräche mit der Regierung. Damals wurde ihnen eine demilitarisierte Zone von der Grösse der Schweiz eingeräumt. Allerdings nutzten die Rebellen das Gebiet als Rückzugsort nach neuen Attacken, die Verhandlungen scheiterten.

Militärische Rückschläge und erneute Verhandlungen

Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos und Rodrigo Londoño reichen sich die Hände. Dahinter Raul Castro Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Einigung am Tisch mit Raul Castro: Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos und Rodrigo Londoño reichen sich die Hände. Keystone

In den vergangenen Jahren erlitten die Rebellen empfindliche militärische Rückschläge, die Kämpfer wurden müde. Auf der anderen Seite übernahm 2010 Juan Manuel Santos das Präsidentenamt. Er trat mit dem Ziel an, den Dauerkonflikt beizulegen und die Gegner erneut an den Verhandlungstisch zu bringen.

Die Farc finanzierten sich zuletzt neben Drogenhandel vor allem durch illegalen Bergbau, Schutzgelder und Entführungen. Eines der prominentesten Opfer war die Ex-Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, die bis 2008 über sechs Jahre in der Gewalt der Guerilla war.

7,6 Millionen direkt und indirekte Opfer des Konflikts

Seit 1964 wird Kolumbien von dem Konflikt erschüttert – zuletzt gab es aber kaum noch Attacken. Linke Rebellengruppen, neben den Farc vor allem die ELN, kämpften gegen die Streitkräfte und die Polizei, bis vor einigen Jahren beteiligten sich zudem rechte paramilitärische Einheiten an den Auseinandersetzungen gegen die Guerillagruppen.

Über 220 000 Menschen wurden im Zuge des Konflikts getötet. Zudem wurden viele Kolumbianer aus ihren Heimatorten vertrieben und flohen in Elendsviertel am Rande der Grossstädte. Die Regierungsstelle für Kriegsopfer zählt mehr als 7,6 Millionen direkte und indirekte Opfer des Dauerkonflikts. Nach Afghanistan ist Kolumbien das Land mit den meisten Landminen-Opfern.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Grosse Hoffnungen auf Friedensabkommen

    Aus Tagesschau vom 3.8.2016

    Seit Jahren hat die Schweiz in Kolumbien zwischen der Regierung und den Farc-Rebellen vermittelt bis zu einem Friedens-Bekenntnis. Doch Bekenntnisse wollen umgesetzt sein. Die Hoffnungen vieler Kolumbianer sind jedenfalls gross.

  • Schweiz unterstützt Kolumbien im Friedensprozess mit der Farc

    Aus Tagesschau vom 3.8.2016

    Auch nach dem Friedensabkommen zwischen Kolumbien und der Rebellengruppe Farc unterstützt die Schweizer Organisation Comodo die Konfliktopfer. Doch nebst den Opfern müssen nach dem Vertrag viele Kindersoldaten in die Gesellschaft integriert werden.