Wie sich die chinesische Regierung als Krisenmanagerin inszeniert

Nach den verheerenden Explosionen in der chinesischen Hafenstadt Tianjin setzt China auf emotionale Bilder, auf Heldengeschichten. Das zeigt Wirkung. Doch nicht alle lassen sich täuschen.

Ein Chinese aus Tianjin mit Megafon, im HIntergrund Protest-Banner. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Anwohner fordern nach dem Unglück in Tianjin Klarheit und Entschädigungen. Keystone

Die Hauptausgabe der chinesischen Tagesschau zeigt Aufnahmen von Premierminister Li Keqiang. Li vor der Unfallstelle, Li im Spital, Li vor einer Wand, die mit Bildern der toten Feuerwehrmänner und mit Blumen geschmückt ist.

«Die Regierung und die Partei sorgen dafür, dass die Verletzten die beste medizinische Versorgung erhalten», zitiert die Sprecherin den chinesischen Premier.

Für Peking seien solche Bilder sehr wichtig, sagt Kristin Shi-Kupfer. Sie leitet den Forschungsbereich Politik, Gesellschaft und Medien des «Mercator Institute for China Studies» in Berlin. Die chinesische Regierung tue jetzt alles, um sich als volksnahe und effiziente Krisenmanagerin zu inszenieren.

Eine gängige Vorgehensweise

Es ist nicht das erste Mal, dass Chinas Führung nach Katastrophen versucht, die Hoheit der Bilder zu erlangen. Blenden wir zurück ins Jahr 2008: Wenige Monate vor den olympischen Sommerspielen in Peking erschüttert ein Erdbeben die chinesische Provinz Sichuan, tausende Menschen werden getötet. Kritik wird laut an der zu laxen Gebäudesicherheit. Doch das chinesische Fernsehen zeigt Aufnahmen von geretteten Opfern und von Soldaten, die nach Vermissten suchen.

Heute würde sich kaum noch jemand an all die eingestürzten Schulhäuser erinnern, ärgert sich der bekannte chinesische Blogger Jiajia. Er kritisiert den Umgang der Chinesen mit Katastrophen: Auch nach der Explosion in Tianjin seien zu viele Menschen einfach nur gerührt, würden im Internet virtuelle Kerzen anzünden.

Wenige Tage nach der Explosion in Tianjin verbeugen sich Soldaten im Fernsehen auf Kommando, Behördenvertreter senken ihre Köpfe, Feuerwehrautos lassen ihre Sirenen aufheulen.

Bilder lösen Zynismus aus

Begnügt sich die chinesische Bevölkerung wirklich mit solchen Gedenkfeiern? «Natürlich sorgt das für viel Betroffenheit, für viel Mitgefühl», sagt Kristin Shi-Kupfer. Doch die Leute würden auch Fragen stellen. Warum die erste Gruppe von Feuerwehrleuten keine ausreichenden Informationen hatte oder, ob man die nachfolgenden Explosionen mit einer hohen Zahl von Toten nicht hätte verhindern können.

Medienberichte die sich stattdessen nur auf die Inszenierung der Behörden beschränkten, erreichten in der Bevölkerung nicht den von der Regierung gewünschte Effekt - im Gegenteil: Diese Bilder, wie sich der Ministerpräsident oder andere hohe Politiker inszenieren, haben auch grossen Zynismus ausgelöst.

Wer wollte, konnte sich informieren

Denn: Zumindest in den ersten Tagen nach den Explosionen hatten die Chinesen Zugang zu Informationen in sozialen Medien und zu einigen kritischen Berichten in offiziellen Medien. «Wer sich umfassend informieren wollte, hatte dazu viel Gelegenheit», sagt Kristin Shi-Kupfer. Das mache die staatlichen Informationen trotz Zensur unglaubwürdig.

So nützen auch die rührenden Bilder von geretteten Menschen, von sich heldenhaft aufopfernden Soldaten und Feuerwehrmännern nur beschränkt: Die Deutungshoheit über die Ereignisse in Tianjin hat die chinesische Regierung bisher nicht erreicht.