Wieder mehr Bootsflüchtlinge – wird Italien das Tor zu Europa?

Italienische Schiffe haben am Dienstag nach offiziellen Angaben fast 1400 Flüchtlinge gerettet, die versuchten, mit Booten von Nordafrika über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen.

Ein Schiff der italienischen Marine nähert sich einem Schlauchboot. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Rettungsaktion der italienischen Marine vor gut zehn Tagen. Keystone

Die italienische Marine gab via Twitter bekannt, ihre Schiffe hätten etwa 570 Menschen aufgenommen, die mit Schlauchbooten die Überfahrt versucht hätten. Die Küstenwache griff nach eigenen Angaben weitere 780 Flüchtlinge auf. Im sizilianischen Hafen Pozzallo trafen unterdessen etwa 730 Migranten ein, die bereits in den vergangenen Tagen aus Seenot gerettet worden waren. Bei wärmerem Wetter dürften laut Fachleuten wieder mehr Menschen versuchen, mit Booten Italien zu erreichen.

Ersatz für Balkanroute

Seit Anfang 2014 sind in Italien etwa 330'000 Flüchtlinge und Migranten eingetroffen, die von Libyen aus das Mittelmeer überquerten. Nach der Schliessung der sogenannten Balkanroute und der Einigung mit der Türkei auf eine Rückführungsvereinbarung wird in der EU befürchtet, dass Libyen wieder verstärkt für die Flucht nach Europa genutzt werden könnte. Schlepper sollen nach einem Zeitungsbericht neue Routen über das Mittelmeer nach Italien vorbereiten. Das Geschäft soll in der ersten Aprilwoche in grossem Stil beginnen.

Ausgangspunkte für Überfahrten mit Fischkuttern und kleinen Handelsschiffen sollen der türkische Badeort Antalya, die türkische Stadt Mersin nahe der syrischen Grenze und die griechische Hauptstadt Athen sein. Das ergaben Recherchen der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung».

Die Flüchtlinge würden angewiesen, unter Deck zu bleiben, bis die Schiffe internationale Gewässer erreichten, heisst es unter Berufung auf Schleuser, deren Handynummern bei Facebook stünden. Eine Fahrt koste zwischen 3000 und 5000 Euro. Manche Schlepper wollten zwei Fahrten wöchentlich anbieten, einer habe vor, bis zu 200 Personen in ein Schiff zu zwängen.

Die Fahrt sei deutlich teurer, als von der Türkei aus auf die griechischen Inseln in der Ägäis überzusetzen. Aber wer jetzt noch auf den griechischen Inseln ankommt, wird wieder in die Türkei zurückgeschickt. Die Nachfrage nach neuen Routen steige seit Wochen, heisst es.

SRF-Italienkorrespondent Franco Battel zur gefährlichen Route übers Mittelmeer

Battel darüber, dass in Apulien die Flüchtlingszahlen noch nidht zugenommen haben
Wie ist Italien dieses Jahr auf Flüchtlinge vorbereitet?

Zumindest in der Theorie ist Italien besser vorbereitet als letztes Jahr. Es gibt diese sogenannten Hotspots, diese von der EU geforderten Zentren, in denen die Flüchtlinge registriert werden. Dort werden ihnen die Fingerabdrücke genommen. Diese Hotspots können Flüchtlinge nicht mehr einfach so verlassen.

Wird das Mittelmeer zur neuen Balkanroute?
In Apulien, der Region, die dem Balkan am nächsten ist, wurden noch keine erhöhten Flüchtlingszahlen registriert. Bis jetzt ist Italien nicht zur neuen Balkanroute geworden.
Was geschieht mit Syrern, die Italien erreichen?
Syrische Flüchtlinge hätten ja das Recht, gemäss diesem Abkommen, weiterverteilt zu werden. Es besteht die Hoffnung, dass diese Verteilung dann auch in Gang käme. Bis jetzt funktioniert die Verteilung nicht, bis jetzt wurden nur rund 400 Flüchtlinge weiterverteilt. Doch der grosse Teil der Flüchtlinge, die bisher in Italien angekommen sind, sind keine Syrer. Es sind vor allem Afrikaner, die kein Recht auf Weiterverteilung haben.

Was geschieht denn mit all diesen Menschen aus Afrika, die in Italien stranden?

Es sind etwa 80 Prozent der Flüchtlinge, die derzeit aus Afrika kommen, vor allem aus Nigeria, aus der Elfenbeinküste oder aus Ghana. Eigentlich müsste Italien sie zurückschicken. Viele haben keine Ausweise und weîgern sich, mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Auch ihre Herkunftsländer sind oft nicht bereit zu kollaborieren. In der Realität bleiben viele Migranten aus Afrika in Italien, tauchen irgendwo unter, arbeiten auf Feldern als unterbezahlte Erntehelfer oder als Strassenverkäufer.