«Wir sind hier, weil wir genug haben»

Am Anfang der Proteste in der Türkei stand die geplante Überbauung eines Parks. Inzwischen ist Langzeit-Premier Erdogan ins Visier der Demonstranten geraten. Sie wollen nicht länger nach dessen Vorstellungen leben, sondern mitbestimmen.

Ein Jugendlicher steht vor einer brennenden Barrikade und schreit, einen Arm erhoben, einen Slogan. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Proteste gegen Erdogan reissen nicht ab. Reuters

Es ist heiss in Istanbul, der Sommer hat längst begonnen. Eylem steht der Schweiss auf der Stirn, als sie mit zwanzig anderen Männern und Frauen durch die engen Gassen im Uferviertel Besiktas rennt. Trotzdem zieht sie im Laufen noch eine Jacke über, die schwarzen Locken verschwinden unter einer dunklen Wollmütze. «Wir gehen, um den Taksim-Platz zurückzuerobern. Wir schützen uns mit Schals gegen das Tränengas und schmieren uns mit Creme ein. Ausserdem tragen wir Taucherbrillen.»

Eylem kneift die Augen zusammen und drückt die Taucherbrille fest an. Die Stelle, an der Demonstranten und Polizisten seit Stunden aufeinander prallen, ist jetzt nicht mehr weit. Man hört es, aber man spürt es auch: Seit Tagen hängt eine Wolke von Tränengas über dem Quartier Besiktas. Und dann sind sie plötzlich da: Tausende Istanbuler – Junge, Alte, manche mit konservativem Schnauzbärtchen, manche mit Che-Guevara-T-Shirts.

Mit Zitronen gegen Tränengas

«Was uns hierhergetrieben hat, war nicht nur der Park, sondern es war der gewalttätige Polizeieinsatz. Die Szenen, die sich hier in den letzten Tagen abgespielt haben, machen einen verrückt. Dafür muss jemand bezahlen – und wir sind hier, um das zu fordern», sagt der Versicherungsmakler Bulut. Während er spricht, laufen ihm Tränen übers Gesicht. Von seiner Freundin lässt er sich eine Zitronenhälfte in die Augen reiben. Säure hilft gegen Tränengas, so haben sie es in den letzten Tagen gelernt. Strassenverkäufer mit Kisten voller Zitronen schieben sich durch das Gedränge, preisen ihre Ware an. Eine Lira das Stück.

«Ich war noch nie in meinem Leben an einer Demonstration. Aber wir haben endgültig genug, und dass müssen wir zeigen», erklärt Bulut. Seine Freundin schmeisst die ausgequetschte Zitrone auf den Boden, wo schon unzählige andere liegen. Die pink lackierten Nägel, die verschmierte Wimperntusche: Auch sie sieht nicht wie jemand aus, der regelmässig demonstrieren geht. «Hier sind Leute aus allen Schichten unterwegs, mit unterschiedlichen Einstellungen und Ideen. Sogar solche, die bei den letzten Wahlen vielleicht noch für diese Regierung gestimmt haben», sagt die Architektin.

Direkt nach der Arbeit an die Demo

Ein junger Mann in Anzug und Krawatte beobachtet das Chaos aus sicherer Entfernung mit zufriedenem Gesichtsausdruck. Auch er erinnert nicht an einen Unruhestifter oder Extremisten. Obschon Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan die Demonstranten gern als solche bezeichnet. Direkt vom Schreibtisch komme er jeden Abend hierher, sagt der Mann. «Sie wollen das letzte Stückchen Grün hier in eine Shoppingmall verwandeln. Aber vor allem: Alle diese Entscheidungen fällt ein einziger Mann in der Türkei: Erdogan.» Zwar entwickle sich die Türkei, aber das alles ohne irgendwelchen Meinungsaustausch. Darunter leide das ganze Land. «Dagegen protestiere ich.»

Reportage aus Istanbul von Luise Sammann

4:06 min, aus Echo der Zeit vom 04.06.2013

Inzwischen ist es dunkel geworden. Es ist die Zeit, wenn Istanbul dieser Tage am lautesten ist und Zehntausende auf den Taksim-Platz strömen, so wie die beiden Studentinnen Isik und Niha. Sie mischen sich mit einer türkischen Fahne unter die Demonstranten. Isik sagt: «Warum wir hier sind? Weil wir genug haben! Alkoholverbote, Verbote hier, Verbote da – es reicht!» Und Niha ergänzt: «Alles in der Türkei ist inzwischen ein Monopol: Die Medien, die Polizei – alles wird aus seiner einzigen Denkrichtung bestimmt...» Nihas Stimme geht im Chaos unter.

Lang angestaute Wut

Einige Demonstranten auf dem Platz versuchen jetzt einen Fernsehübertragungswagen umzuwerfen. Dass die meisten Medien im Land auf Erdogans Seite stehen, ist kein Geheimnis in der Türkei. Dieser Tage aber wird es so deutlich wie nie, schimpft einer: «Sie zeigen weiter bunte Magazine und Serien im Fernsehen. Aber hier werden Menschen verletzt! Sie erwähnen höchstens, dass es Proteste gibt. Aber das reicht nicht! Sie müssen endlich erklären, was die Leute wollen und warum sie hier sind.»

Um einen Park geht es längst nicht mehr in Istanbul. Es geht um eine lang angestaute Wut, um das Gefühl, nicht gehört zu werden. Und das in einem Land, das zwar eine Demokratie ist, aber seit zehn Jahren fast allein von einem einzigen Mann regiert wird: Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.