Zäsur im NSU-Prozess

In München hat Beate Zschäpes Verteidiger die Aussage der mutmasslichen Rechtsterroristin verlesen. Dies, nachdem die Angeklagte jahrelang geschwiegen hatte. Zschäpe belastet ihre beiden verstorbenen Komplizen, die zum NSU-Trio zählen, schwer.

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NSU-Prozess: Zschäpe bricht Schweigen

3:53 min, aus 10vor10 vom 9.12.2015

Es ist ein Paukenschlag mit Ankündigung: Die mutmassliche deutsche Rechtsterroristin und Mitglied der neonazistischen Organisation «Nationalsozialistischer Untergrund» (NSU) Beate Zschäpe möchte sich nach Jahren des Schweigens erklären.

Doch Zschäpe selbst erhebt ihre Stimme vor dem Oberlandesgericht (OLG) in München nicht. Ihr Pflichtverteidiger und Vertrauensanwalt Mathias Grasel verliest die Aussage seiner Mandantin. Das Redemanuskript ist 53 Seiten lang. Das Redemanuskript liegt der Recherchekooperation der deutschen Tageszeitung «Stuttgarter Nachrichten» und des SRF vor.

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Die Aussagen im Detail

SRF liegen die Aussagen der mutmasslichen Rechtsterroristin vor Gericht im Wortlaut vor. Eine Zusammenstellung der wichtigsten Passagen finden Sie hier.

Das Ziel: Möglichst unbeteiligt erscheinen

Zschäpe könnte tiefe Einblicke in das kalte System der NSU und dessen Dunstkreis geben, zu dem unwissende Nachbarn, landesweit bekannte Neonazis und deutsche Verfassungsschützer zählen. Sie könnte, denn in der wohlgesetzten Erklärung bezieht sie zwar Punkt um Punkt Stellung zu den Vorwürfen der Anklageschrift. Grundsätzlich aber bestreitet Beate Zschäpe, an den Taten beteiligt gewesen zu sein, die dem NSU vorgeworfen werden.

«Ich war weder an den Vorbereitungshandlungen noch an der Tatausführung beteiligt», erklärte Grasel für seine Mandantin. Ihre mutmasslichen Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos seien allein für die grausamen und menschenverachtenden Taten des NSU verantwortlich. Denn: «Ich weise den Vorwurf der Anklage, ich sei ein Mitglied einer terroristischen Vereinigung namens NSU gewesen, zurück.»

Ihre Aussage zielt darauf ab, sich selbst als möglichst unbeteiligt darzustellen. Immer wieder betont sie die Abhängigkeit von ihren Kompagnons Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Tiefere Einblicke oder gar Antworten auf die vielen offenen Fragen bleiben aus. Viele der Opferfamilien zeigten sich in den Prozesspausen und am Ende des Verhandlungstages empört ob des dreisten «Lügenkonstrukts» der Aussage Zschäpes.

Angst vor dem Beziehungs-Aus

Zschäpe hat sich bei den Opfern und den Angehörigen der Opfer des NSU am heutigen Verhandlungstag entschuldigt. «Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte», liess Zschäpe erklären, ihre Stimme erhob sie selbst nicht.

Dass sie in der fraglichen Zeit nicht zur Polizei ging, begründete Zschäpe mit der Angst, dass sich Mundlos und Böhnhardt umbringen könnten und sie vor allem Böhnhardt, mit dem sie eine Liebesbeziehung verband, verlieren würde.

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«Konstruiert und lebensfremd»

Peer Stolle, ein Nebenklagevertreter im NSU-Prozess, sieht in den Äusserungen Zschäpes ein Schuldeingeständnis. Was sie sage, sei «so konstruiert und lebensfremd, dass jedem klar geworden ist, dass sie die Unwahrheit sagt» und etwas zu verschleiern habe.

Eine Blutspur quer durch Deutschland

Gemeinsam bildeten die beiden mutmasslich zusammen mit Beate Zschäpe die Zelle des NSU. Die deutsche Generalbundesanwaltschaft klassifiziert in der Anklage die Bande als «terroristische Vereinigung», der von 2000 bis 2007 insgesamt neun griechisch- und türkischstämmige Kleinunternehmer sowie eine deutsche Polizistin zum Opfer fielen.

Hinzu kommen mindestens 15 Raubüberfalle und wohl auch zwei Nagelbombenanschläge. Der 40-jährigen Angeklagten droht eine lebenslange Freiheitsstrafe, die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld sowie Sicherheitsverwahrung.

Zschäpes engste Komplizen wurden bereits gerichtet: Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wurden am 4. November 2011 erschossen in einem Wohnmobil aufgefunden, abgestellt in einem ruhigen Wohngebiet im thüringischen Eisenach.