Zschäpe-Anwältin: Ein Mandat, das nur Probleme bringt

Anja Sturm vertritt im NSU-Prozess die Angeklagte Beate Zschäpe. Viele Berufskollegen ächten sie dafür. Die Folge: Anja Sturm musste sich eine neue Kanzlei suchen. Dabei gibt es einen prominenten «Vorgänger», der eine beachtliche Karriere hingelegt hat.

Angefeindete NSU-Anwältin

3:52 min, aus Echo der Zeit vom 04.08.2013

Die Frauenzeitschrift «Brigitte» stellte Strafverteidigerin Anja Sturm zu Beginn des NSU-Prozesses Fragen, die jetzt breit diskutiert werden: Warum vertritt diese angesehene Anwältin vor Gericht eine Frau, die für viele «das Böse schlechthin» verkörpert? «Frau Zschäpe braucht eine starke Verteidigung, und die möchte ich ihr geben», antwortete sie.

Anja Sturm offenbarte auch ihr Selbstverständnis als Strafverteidigerin: «Wenn ich das Gefühl habe, die Person, die ich vertrete, sieht sich der Übermacht des Staates ausgeliefert, dann gebe ich alles.»

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Bildlegende: Seit Anja Sturm (Bild) die Verteidigung von Beate Zschäpe übernommen hat, hat sie Proleme im Berufsstand. Reuters

Der frühere Staatsanwalt und heutige Strafverteidiger Rüdiger Spormann sagt es so: Notfalls müsse ein Verteidiger bis ans Ende der Welt fahren für seinen Mandanten. Wer sich aber als Strafverteidiger ungern aus seiner Kanzlei entferne, solle sich einen andern Job suchen.

Anja Sturm musste sich eine neue Kanzlei suchen und Berlin verlassen. Sie fühlte sich unerwünscht in einer Sozietät, deren Chef es satt hatte, sich «beruflich als auch privat immer wieder für ein Mandat rechtfertigen zu müssen», das er selbst «niemals angenommen hätte». Er nicht, und auch nicht jene Berliner Kanzleien, in denen Anja Sturm eine neue Stelle suchte.

Missachtung bei der Postenvergabe

Die Top-Verteidigerin blitzte überall ab. Auch bei der Vorstandswahl der Berliner Strafverteidiger-Vereinigung rasselte sie durch – Mitglieder drohten für den Fall ihrer Wahl mit dem Austritt.

Eine Demütigung für eine Anwältin, die persönlich rein gar nichts mit Rechtsextremisten zu tun hat. «Berlin verliert eine engagierte und geschätzte Verteidigerin», sagte dazu später der Vorstand, und natürlich gelte das Recht auf effektive Verteidigung auf für Beate Zschäpe. Aber dass das überhaupt ernsthaft betont werden muss, ist bedenklich.

Otmar Kury, der Präsident der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer, hat den Verteidigern ins Gewissen geredet: Wenn sie nicht mehr bereit seien, Menschen in einem geordneten Verfahren kompromisslos und standhaft beizustehen, verfehlten sie ihre vornehmste Aufgabe.

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Bildlegende: Beate Zschäpe wird eine Mittäterschaft an zehn Morden der NSU-Zelle vorgeworfen. Reuters

Anja Sturm hält sich daran und wird dafür jetzt als naiv dargestellt. So ein Mandat übernehme man nicht, klugerweise. Kluge Anwälte übernähmen Mandate, die Geld bringen und die Kanzlei gedeihen lassen. Das Zschäpe-Mandat aber bringt nicht viel Geld – und ist rufschädigend.

Vor Jahrzehnten machte sich der spätere Innenminister Otto Schily zur Unperson, als er Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) verteidigte. Aber er hat den Rechtsstaat behauptet und das war wichtig.

Anja Sturm hatte den Mut, in seine Fusstapfen zu treten, und bezahlt dafür einen hohen Preis. Kaum aus der Kanzlei und der Hauptstadt vertrieben, unterstellten mehrere deutsche Medien den drei Zschäpe-Pflichtverteidigern wahrheitswidrig, sie würden in München auf Kosten der Steuerzahler im teuersten Hotel residieren. Die Verunglimpfung von Strafverteidigern aber rüttelt am Rechtsstaat.