Zschäpes Aussagen im Detail

SRF und der Tageszeitung «Stuttgarter Nachrichten» liegt das Redeskript der mutmasslichen Rechtsterroristin Beate Zschäpe vor. Die Erklärungen wurden am Mittwoch von ihrem Pflichtverteidiger vor dem Oberlandesgericht München verlesen – die wichtigsten Passagen im Überblick.

Beate Zschäpe hat am Mittwoch erstmals vor Gericht ausgesagt. Ihr Pflichtverteidiger und Vertrauensanwalt Mathias Grasel verlas die Aussage seiner Mandantin am Oberlandesgericht in München.

Nachfolgend einige Auszüge aus dem 53 Seiten langen Redemanuskript, das der deutschen Tageszeitung «Stuttgarter Nachrichten» und SRF vorliegt.

++ Kindheit ++

Zschäpe wurde am 2. Januar 1975 in Jena geboren. Sie sagte aus: «Meinen Vater, der wohl Rumäne war und ‹Botanic› hiess – wobei ich die Schreibweise den Ermittlungsakten entnommen habe – habe ich nie kennengelernt.»

Die Angeklagte habe die Hauptschule besucht und eine Ausbildung zur Gärtnerin abgeschlossen. Ihre Jugendzeit sei von den Alkoholproblemen ihrer Mutter und Geldsorgen geprägt gewesen: «Ich erhielt von meiner Mutter so gut wie kein Geld, was dazu führte, dass ich mich (...) an kleineren Diebstählen beteiligte».

Beate Tschäpe im Oberlandesgericht München. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hat sich über ihren Pflichtverteidiger erstmals vor Gericht geäussert: Die mutmassliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe. Keystone

++ Freundschaft zu ihren Mittätern Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ++

Beate Zschäpe habe Uwe Mundlos zur Wendezeit 1989/90 in Jena kennengelernt. Die beiden seien ein Paar geworden und in die Wohnung Zschäpes gezogen. «Wir hörten gemeinsam Lieder mit nationalistischem Inhalt und sangen – manchmal könnte es auch als grölen bezeichnet werden – diese Lieder auch nach.»

Wesentlichen Beitrag, dass sie sich «auf diese Art der Freizeitgestaltung einliess» habe ihr Cousin Stefan A. gehabt. An ihrem 19. Geburtstag habe sie Uwe Böhnhardt kennengelernt und auf dem Geburtstagsfest in ihn verliebt. Böhnhardt sei ein Waffennarr gewesen. Er habe Mundlos und Zschäpe in die rechtsradikale «Kameradschaft Jena» eingeführt.

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Die Kooperation

Journalisten der deutschen Tageszeitung «Stuttgarter Nachrichten» und des SRF recherchieren, wie die rechtsextreme Szene in Baden-Württemberg und der Schweiz zusammenwächst. Sie haben mit Aussteigern aus der Szene gesprochen, tausende Seiten Dokumente gelesen und den NSU-Prozess in München mitverfolgt.

++ Tino Brandt ++

Zu dieser Gruppe, aus der der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) entstand, sei auch Tino Brandt gestossen. Dieser sei «zum Mittelpunkt aller Aktionen» geworden. Brandt habe Zusammenkünfte von Rechtsextremen sowie die Teilnahme an Demonstrationen organisiert. Gleichzeitig habe er mit Geld die Aktivitäten der Kameradschaft Jena finanziert: «Ohne Tino Brandt wären diese ganzen Unternehmungen nicht möglich gewesen.» Tino Brandt war zu diesem Zeitpunkt V-Mann des thüringischen Verfassungsschutzes.

++ Die Morde ++

Zschäpe gibt zu, von allen Morden, die mutmasslich der NSU begangen hat, gewusst zu haben. Allerdings habe sie erst im Nachhinein von den Bluttaten erfahren. So will sie erst Mitte Dezember 2000 erfahren haben, dass Böhnhardt und Mundlos im September zuvor in Nürnberg den Blumenhändler Enver Simsek erschossen hätten. Mundlos habe ihr erklärt, das Leben sei «eh verkackt» und dass er es zum «knallenden Abschluss» bringen wolle.

An der Vorbereitung und Durchführung der Morde sei sie nicht beteiligt gewesen. Im Gegenteil: Sie sei über die Bluttaten entsetzt gewesen, habe dagegen protestiert und Böhnhardt und Mundlos das Versprechen abgenommen, dass diese nie wieder geschehen dürften.

Im Jahr 2006 sei Zschäpe nach dem Mord an Halit Yozgat in Kassel fassungslos und entsetzt gewesen: «Ich war unglaublich enttäuscht darüber, dass sie erneut gemordet haben. Auch hatten sie mich erneut hintergangen. Ich konnte die weiteren Dinge nur noch geschehen lassen.» Sie habe «den ganzen Tag Computer gespielt und zunehmend Sekt getrunken». Etwa drei bis vier Flaschen pro Tag bis sie angetrunken gewesen sei. Sie habe begonnen ihre Katzen zu vernachlässigen.

++ Der Heilbronner Polizistenmord ++

Böhnhardt und Mundlos hätten sie nicht darüber informiert, dass sie überhaupt ihre damaligen Unterschlupf in Zwickau verlassen und nach Heilbronn fahren wollten. Die beiden Männer hätten ihr gegenüber gestanden, sie hätten auf die Polizisten Michèle Kiesewetter und Martin Arnold geschossen, um deren Pistolen zu erbeuten. Denn «sie seien mit ihrem bisherigen Pistolen wegen häufiger Ladehemmungen unzufrieden gewesen.»

Ihr sei dann bewusst geworden, dass sie mit zwei Menschen zusammen gelebt habe, die «einerseits im täglichen Leben zuvorkommend, tierlieb, hilfsbereit und liebevoll waren und andererseits mit unvorstellbarer Gefühlskälte Menschen getötet haben.»

++ Ihr Motiv ++

Zunächst sei das NSU-Trio unpolitisch gewesen. Die ersten Morde seien ohne politisches Motiv erfolgt: Weder Böhnhardt noch Mundlos hätten berichtet, dass «Enver Simsek deshalb sterben musste, weil er Ausländer war.» Bis heute wisse Zschäpe nicht, «was die wahren Motive der beiden» waren. Gedanken, sich öffentlich zu den Taten zu bekennen, sich damit zu brüsten «oder damit öffentlich zu politisieren» seien nicht mit einem Wort erwähnt worden.

Erst nach dem Jahr 2004 hätten die beiden mutmasslichen Rechtsterroristen ihr Tun damit begründet, die «türkische Bevölkerung (...) in Angst und Schrecken versetzen zu wollen.»

++ Der Gedanke an den Ausstieg ++

Mehrfach habe sich Beate Zschäpe mit dem Gedanken getragen, sich der Polizei zu stellen. Diesen Gedanken jedoch hätten Böhnhardt und Mundlos mit dem Argument zu Nichte gemacht, dass diese sich selbst das Leben nehmen wollen.

Ein Leben der beiden Männer im Untergrund sei dann nicht mehr vorstellbar gewesen, weil Zschäpe schlicht zu viel wusste. Ihre Gefühle zu Uwe Böhnhardt hätten sie vom Ausstieg abgehalten. Die beiden Uwes seinen ausser ihrer Grossmutter die einzigen Menschen gewesen, die sie geliebt hätten.

Anfang der 2000er Jahre habe sie einen Anwalt aus der rechtsextremistischen Szene kontaktiert. Dieser habe ihr bei dem Ausstieg helfen sollen. Böhnhardt und Mundlos jedoch hätten über den Anwalt lediglich ihre Flucht nach Südafrika organisieren wollen. Dies habe sich dann im Laufe der folgenden Monate aber zerschlagen.

++ Der Versuch einer Entschuldigung ++

Zschäpe liess erklären, dass sie sich «moralisch schuldig» fühle, dass sie die «zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte».

Sie fühle sich schuldig, dass bei «fünfzehn Raubüberfällen die betroffenen Personen körperlichen und seelischen Schaden davon getragen haben», damit sie selbst finanziell gesichert leben könne. «Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern und Angehörigen der Opfer der von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt begangenen Straftaten.»