40 Jahre «Emma» Alice Schwarzer: «Wir haben viel mehr Freiheiten»

Die Frauenzeitschrift «Emma» kämpft seit 40 Jahren für die Rechte von Frauen. Ihre Gründerin ist zufrieden mit ihrem Werk.

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«Emma»-Gründerin: «Wir haben viel mehr Freiheiten»

SRF News: Weshalb haben Sie sich damals entschieden, eine feministische Zeitschrift herauszugeben?

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Alice Schwarzer

Schwarzer ist eine deutsche Journalistin und Publizistin. Die Gründerin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift «Emma» ist eine der bekanntesten Vertreterinnen der deutschen Frauenbewegung.

Alice Schwarzer: Mitte der 1970er Jahre war die Frauenbewegung aufgebrochen. Uns engagierten Journalistinnen – Journalistinnen, die nicht nur über diese Themen berichteten, sondern auch eine Haltung dazu hatten – wurden auf die Seite geschoben. Da war uns klar, dass wir eine eigene Stimme haben müssen. In den USA hatte Gloria Steinem drei Jahre vorher die Zeitschrift «Ms» [ausgesprochen «Miss»] initiiert. «Emma» und «Ms» sind von Journalistinnen gemacht, die sich als Feministinnen verstanden.

Wie war die Situation der Frauen in den 1970er Jahren?

Nehmen Sie zum einen die Abtreibung. Wir haben Anfang der 1970er Jahr durch spektakuläre Proteste dieses Tabuthema – das Recht, eine ungewollte Schwangerschaft abzubrechen – auf die Agenda gebracht. Oder nehmen Sie Westdeutschland: Wir deutschen Frauen hatten, wenn wir verheiratet waren, noch nicht das Recht, ohne die Zustimmung des Ehemanns berufstätig zu sein. Wenn ich das heute an einer Veranstaltung erzähle, dann lachen alle. Aber es gibt auch Probleme, die damals anfingen und weiterhin aktuell sind, wie die grassierende Pornografie, die Verharmlosung der Prostitution oder die Verharmlosung des Islamismus. Über die hat «Emma» schon in den frühesten Jahren berichtet.

Wie sieht Ihre Bilanz generell aus? Haben Sie das Gefühl, etwas erreicht zu haben?

Ja, aber gewaltig. Es gab grosse Fortschritte in den letzten 40 Jahren. Zum Beispiel, dass uns Frauen alle Berufe und alle Studiengänge offenstehen. Theoretisch zumindest ist das so, aber immerhin können wir das einklagen. Weitere Fortschritte sind auch, dass man heute weiss, alles, was ein Mann kann, kann man auch als Frau und umgekehrt. Und Deutschland hat eine Kanzlerin. Sie macht ihren Job hoch beeindruckend und kompetent, auch wenn sie mal Fehler macht. Das alles ist völlig neu, und es gäbe noch viel mehr Beispiele. Wir Frauen haben viel mehr Freiheiten, die Welt steht uns offen. Gleichzeitig gibt es aber eine Welle darunter, die uns die Beine wegschlägt, wie Pornografie und so weiter.

Wie stark ist der Feminismus heute?

Seit Anfang der 1980er Jahre ist der Feminismus in unserer Gesellschaft sozusagen allgegenwärtig. Er hat die verschiedensten Formen und die unterschiedlichste Kraft. Es gibt keine feministische Zentrale. Ich bin zwar die bekannteste Feministin, aber das Land ist gross. Jede Frau kann alle Bücher, alle Zeitschriften, alle Aktionen machen, die sie will, und «Emma» ist die erste, die sich darüber freut und darüber berichtet. Das ist unsere Funktion.

Das Gespräch führte Rafael von Matt.
Das ganze Interview hören Sie am Samstag, 28. Januar 2017, um 13.03 auf SRF 4 News.

Was verstehen Sie heute unter Feminismus?

Kim Bollag alias Rapperin Kimbo (26): «Feminismus ist die Haltung, dass sich Frauen wehren. In den letzten 40 Jahren hat der Feminismus viel
erreicht, aber diese Fortschritte bei der Gleichstellung sind bedroht. Konservative Politiker wie Donald Trump bemühen sich, Vieles rückgängig zu machen.»

Fabienne Amlinger (40), Geschlechterforscherin an der Uni Bern: «Ich verstehe unter Feminismus einen Ansatz, die Welt gerechter zu gestalten.»


Sendungsbeitrag zu diesem Artikel