Alles gelogen: US-Schwimmer haben Überfall in Rio erfunden

Vier US-Schwimmer, darunter Superstar Ryan Lochte, hatten angegeben nach einer Party in Rio de Janeiro von Polizisten ausgeraubt worden zu sein. Nun ist klar: Die Sportler haben schlicht gelogen – um von einer selbst begangenen Straftat abzulenken.

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Schwimmer erfinden Überfall

1:23 min, aus Tagesschau Nacht vom 18.8.2016

Die Geschichte hielt Brasilien – und die Welt – auf Trab: Die vier US-Schwimmer Gunnar Bentz, Jack Conger, James Feigen und Superstar Ryan Lochte hatten angegeben, am Sonntag von Polizisten unter Waffengewalt ausgeraubt worden zu sein. Sie waren per Taxi auf dem Rückweg von einer Party zum Olympischen Dorf in Rio de Janeiro.

Ryan Lochte im Schwimmbecken Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Reiste zurück in die USA, bevor die brasilianischen Behörden ihm habhaft wurden: US-Schwimmstar Ryan Lochte. Reuters

Nun ist klar: Die Männer haben die Geschichte frei erfunden. Sie wollten mit der Lüge davon ablenken, dass sie selbst «Vandalismus-Handlungen begangen» hatten, wie die Polizei in Rio erklärte. Aufnahmen einer Überwachungskamera und Zeugenaussagen entlarvten das Lügengebilde der Sportler.

Randalieren bei Tankstelle

Lochte und seine Kollegen randalierten demnach in einer Toilette einer Tankstelle. Der Besitzer sagte aus, die Amerikaner seien zuvor aus dem Taxi gestiegen und pinkelnd an der Gebäudewand entlanggegangen. «Das war purer Vandalismus», so der Besitzer weiter.

Als sie von einem Sicherheitsbeamten gestellt wurden, wollten die Schwimmer fliehen, woraufhin der Wachmann seine Waffe zog. Die Sportler beglichen darauf den angerichteten Schaden. Sie zahlten 100 Real und 20 US-Dollar (insgesamt knapp 49 Franken). Danach durften sie gehen.

Lochte hielt lange an Geschichte fest

Vor allem Lochte hatte mehrere Versionen der Ereignisse präsentiert, die letzten Anpassungen nahm er am Mittwoch in einem Telefongespräch mit dem US-Olympia-Sender NBC vor. An der Überfallgeschichte hielt er damals aber fest.

 Gunnar Bentz und Jack Conger verlassen eine Polizeistation Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wurden von der Polizei aus dem Flugzeug geholt: US-Schwimmer Gunnar Bentz (l.) und Jack Conger. Reuters

Ihm sei zwar keine Waffe an den Kopf gehalten, sie sei nur auf ihn gerichtet worden. Das Auto, in dem er und seine Buddies unterwegs gewesen seien, sei auch nicht angehalten, sondern überfallen worden, als es an einer Tankstelle stand. Durchgeführt hätten die Aktion, so hiess es ganz am Anfang, verkleidete Polizisten. Noch am Mittwoch hatte Lochte gegenüber NBC erklärt: «Wir sind die Opfer, und wir sind froh, in Sicherheit zu sein.»

Zwei Schwimmer in Gewahrsam

Lochte hatte Brasilien bereits am Dienstag in Richtung Heimat verlassen. Ihn soll nach Angaben des brasilianischen Ermittlungsleiters mittlerweile das FBI in den USA verhören. Seine Teamkollegen Bentz und Conger dagegen waren unmittelbar vor dem Rückflug in die USA aus dem Flugzeug heraus in Gewahrsam genommen.

Später wurden Bentz und Conger nach Aussagen bei der Polizei laut US-Olympiakomitee (Usoc) auf freien Fuss gesetzt, erhielten ihre Pässe zurück und sind in ihre Heimat zurückgekehrt. Feigen legte unterdessen ein «überarbeitetes» Protokoll seiner bisherigen Angaben zu den Ereignissen vor, «in der Hoffnung, so bald wie möglich seinen Pass zurückzuerhalten». Für falsche Angaben in einem Polizeibericht droht in Brasilien bis zu einem halben Jahr Haft.

Am Freitag verkündete Feigens Anwalt Breno Melaragno schliesslich, dass sein Mandant einer nicht näher genannten Organisation die beträchtliche Summe von 35'000 Real (gut 10'300 Franken) spenden werde. «Wenn das abgeschlossen ist, erhält er seinen Pass und kann nach Hause zurückkehren», sagte Melaragno zu NBC.

James Feigel im Schwimmbecken Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ebenfalls beim Randalieren dabei: US-Schwimmer James Feigel Reuters

Brasilianer wollen Entschuldigung

Die Behörden wollten vor allem Lochte und Feigen noch einmal anhören. Das Duo hatte sich bei der Polizeibefragung in heftige Widersprüche verwickelt. «Die brasilianischen Behörden wollen jetzt nur ihr Gesicht wahren, nachdem sie zugelassen haben, dass sich der ganze Vorfall zu einem Zirkus entwickelt hat», sagte Lochtes Anwalt Jeff Ostrow am Mittwoch.

Polizei und Staatsanwaltschaft sahen die Sache da schon anders. Sie reagieren äusserst sensibel, weil das Thema Gewalt ohnehin die Olympischen Spiele schon mehr als genug im Griff hat. Ein Schuss auf das Pressezelt der Reiter in Deodoro, ein Pressebus, der beschossen oder angeblich doch nur von Rowdies mit Steinen beworfen wurde – Vorfälle wie diese produzierten mehr als genug Negativschlagzeilen während Olympia. Falsche Schlagzeilen wollten sie sich nun nicht mehr bieten lassen.

In der Pressekonferenz der Polizei vom Donnerstag erklärte der leitende Ermittler Fernando Veloso denn auch: «Die Bürger von Rio mussten erleben, wie der Name ihrer Stadt durch eine Lügengeschichte beschmutzt wurde. Es wäre angemessen, um Entschuldigung zu bitten. Das ist bis jetzt nicht passiert.»

Am späten Abend reagierte das US-Olympiakomitee (Usoc) und bestätigte den Vorfall um die Schwimmstars. Es bat die Gastgeberstadt Rio «und die Menschen aus Brasilien» um Entschuldigung.

Am Freitag hat nun auch Ryan Lochte halbherzig zurückgekrebst und entschuldigt sich in einer langen Twitter-Nachricht für sein «Verhalten vom vergangenen Wochenende». Dass er gelogen hat, erwähnt er aber mit keinem Wort.

Tweet von Ryan Lochte