Auf der Jagd nach der Super-Gewitterzelle

Sie verspüren ein Kribbeln, sobald Gewitterwolken den Himmel verdunkeln und setzen sich ins Auto, um dem Unwetter hinterherzujagen: Sturmjäger. Ihr Ziel: Möglichst spektakuläre Fotos oder Videoaufnahmen.

Auf Gewitterjagd

Christian Hunkeler ist nicht zufrieden. Die Gewitterzellen, die sich vor ihm zusammenbrauen, sind zu schwach. Der Strassenbaupolier aus Schlieren steht neben seinem Subaru in Rapperswil und studiert die Wetter-App. Seit er vor zehn Jahren Autofahren gelern hat, macht er Jagd auf Gewitter.

Suche nach dem Adreanalinstoss

Die Energie, die bei Gewittern umgewandelt werde, die Wetterstimmung, aber auch die gewaltige Akkustik der Donner und die Blitze – das fasziniere ihn, sagt der 30-Jährige. «Es gibt einem einen richtigen Adrealinstoss.»

Schon als Zwölfjähriger ging Hunkeler an die Limmat, um nach heftigen Regenfällen das Hochwasser zu bestaunen. Unterdessen ist er bestens mit anderen Sturmjägern aus der Schweiz vernetzt. Die eindrücklichsten Foto- und Video-Trophäen ihrer Streifzüge laden sie auf ihrer Sturmarchiv-Homepage hoch.

Tornados, Wasserhosen, Erdrutsche: Was für andere angsteinflössend ist, ist für die Sturmjäger eine Lust. Sogar ein Hagelschaden am Auto gilt als Trophäe. Dies zeige, dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen sei, so Hunkeler schmunzelnd.

Gewitter – nichts wie hin!

Heute, so glaubt er, braut sich in einigen Stunden in der Region Luzern etwas zusammen. Also nichts wie los, ab ins Auto und los gehts. Zwischenstopp auf der Autobahnraststätte. Von hier aus ist der Unverwegene schnell auf der Nord-Süd-Achse unterwegs und kann die Gewitter quasi abfangen.

Aber noch immer zeigt der Radar auf seinem Handy keine eindeutige Lage des nächsten Unwetters. Zunächst geht es in Richtung Sempach, dann Willisau, und wieder zurück nach Littau. Hunkeler legt auf Sturmjagd allein in der Schweiz jedes Jahr bis zu 10'000 Kilometer zurück.

Auch schon Leben gerettet

Er sei kein Katastrophentourist, sagt der stämmige Sturmjäger. Er habe sogar schon Leben gerettet. Das war, als es in Locarno extrem schneite und Bäume unter der Schneelast zusammenbrachen. Zwei Spaziergänger steuerten direkt auf den Wald zu. Er habe sie davor gewarnt, in den Wald zu gehen, und tatsächlich, nur Augenblicke später fiel an der Stelle, an der sie sich gerade noch befunden hatten, ein grosser Ast herunter.

Ist die Sturmjagd nicht gefährlich? Manchmal geht es bekanntlich sehr schnell, wenn Flüsse die über die Ufer treten, Strassen überschwemmen oder Hagel vom Himmel fällt. Sicher habe er auch schon brenzlige Situationen erlebt, gibt Hunkeler zu. Doch, so gibt er zu bedenken: Im Auto sei er vor Blitzen geschützt, und bei Starkhagel werde vielleicht das Auto beschädigt, aber lebensgefährlich sei dies kaum.

Voraussage extrem schwierig

Respekt hat der Sturmjäger aber vor Erdrutschen und umfallenden Bäumen. So habe er einmal am Mittelmeer bei Genua Gewitter gejagt, in denen Menschen starben. «Die Elemente faszinieren einen. Aber wenn man so etwas sieht, ist das dann schon sehr tragisch.» Trotzdem sind die Herbstferien in Ligurien oder Frankreich zusammen mit einem Sturmjägerfreund bereits abgemacht. Und nächsten Mai gehts dann für drei Wochen in die USA auf Tornadojagd.

Unterdessen ist es zehn Uhr abends. Hunkeler hat sich mehr erhofft. «Die Modelle haben das Extremwetter heute überschätzt. An anderen Tagen werden sie es unterschätzen und es wird dann wilder werden», ist Hunkeler überzeugt. Bevor er ins Auto steigt, schaut er ein letztes auf die Wetter-App. Unterdessen sehe man sogar, dass er hätte zu Hause bleiben können: «In Schlieren hat es stärker gewittert als hier», sagt der Sturmjäger lachend.

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